ÖÄZ 1/2 - 25.01.2006Interview zu Mobilfunk-Strahlung - Gerd Oberfeld

Interview Gerd Oberfeld


Schäden durch Mobilfunk-Strahlung

 


Neben Luftschadstoffen, Lärm und UV-Strahlung hat sich das Spektrum der Umweltfaktoren, die den Menschen beeinträchtigen, um die elektromagnetischen Felder erweitert. Warum das so ist und welche Symptomatik damit verbunden sein kann, erklärt der Referent für Umweltmedizin der ÖÄK, Gerd Oberfeld, im Gespräch mit
Madeleine Rohac.


ÖAZ: Ist Mobilfunk gesundheitsschädlich?


Oberfeld:
Man muss zwischen Mobiltelefonen und Sendeanlagen unterscheiden. Grundsätzlich handelt es sich beim Mobilfunk um hochfrequente elektromagnetische Strahlung, die frequenzmäßig im Mikrowellenbereich liegt. Beim Telefonieren ist man kurzfristig hohen Strahlungsdichten ausgesetzt. In der Nähe von Sendemasten treten niedrigere Strahlungsdichten allerdings dauernd auf.


Was heißt höhere/niedrigere Belastung in Zahlen ausgedrückt?


Das Mobiltelefon gibt bei voller Sendeleistung etwa ein bis zwei Watt ab, das bedeutet auf die Fläche umgelegt eine Einwirkung von einigen W/m2. Bei der Strahlungsdichte von Sendeanlagen hängt die Belastung unter anderem von der Entfernung ab und davon, ob man sich im Hauptstrahl befindet oder nicht, daher ist die Schwankungsbreite sehr groß, zwischen 0,1mikroW/m2 bis 100.000 mikroW/m2.


Wieso kann die vergleichsweise niedrigere Strahlungsdichte bei Sendeanlagen eher zu Beeinträchtigungen führen?


Man kann sich das analog zu einer Lärmexposition vorstellen. Wenn Sie ab und zu eine Stunde in der Disco mit einem Lärmpegel von 100 dB verbringen, also selten und kurz, wird das keine wesentlichen Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Haben Sie jede Nacht einen Dauer-Schallpegel von 60 dB am Ohr, können sich Schlafstörungen und andere stressassoziierte Beschwerden einstellen.


Welcher Art sind die postulierten Schädigungen durch den Mobilfunk?


Bei Expositionen, wie sie beim Handy vorkommen, kann die hochfrequente elektromagnetische Strahlung unter anderem zu Funktionsstörungen auf zellulärer Ebene führen. Es kann zu DNA-Einzel- und Doppelstrangbrüchen, Mikrokernbildung als Ausdruck gestörter Zellteilung, fehlerhaften Zellreparaturmechanismen und Apoptose, also dem programmierten Zelltod, kommen.


Gibt es valide Studiendaten für diese Auswirkungen der elektromagnetischen Strahlung?


Die erwähnten Ergebnisse stammen aus der REFLEX-Studie, in der humane Fibroblasten und HL60-Zellen, eine Promyelozyten-Zelllinie, nach Mobilfunk-Exposition in speziellen Expositionskammern im Doppelblind-Verfahren mit etablierten Untersuchungstechniken, wie Micronukleus-Test und Comet-Assay untersucht wurden.


Sind Daten in vivo vorhanden?


Es gibt Untersuchungen sowie die Studie von Repacholi, die eine erhöhte Lymphominzidenz an Mäusen nachgewiesen hat. Zentral sind jedoch Ergebnisse von ersten epidemiologischen Studien, die in Abhängigkeit von der Nutzungsdauer des Handys ab etwa acht Jahren ein signifikant erhöhtes Risiko für Hirntumore zeigen.


Trotzdem wird die wissenschaftliche Basis der Auswirkungen des Mobilfunks immer wieder in Frage gestellt. Warum?


Vielen Menschen fällt es schwer zu akzeptieren, dass nicht-ionisierende Strahlung gentoxische Wirkungen, ähnlich der ionisierenden Strahlung, haben kann. Es ist immerhin ein Paradigmenwechsel, der hier erfolgt. Zum anderen stehen wirtschaftliche Interessen hinter dem Mobilfunk.


Welcher Art sind die Beschwerden, die durch Mobilfunk-Sendeanlagen verursacht werden können? Hat man den Einfluss der subjektiven Erwartungshaltung der Probanden evaluiert?


Die subjektiven Befürchtungen zeigten keinen Einfluss auf die Ergebnisse. In der österreichischen Untersuchung von Kundi wurden die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt, je nachdem ob sie Befürchtungen über den Strahlungseinfluss hatten oder nicht. Die Effekte zeigten sich in beiden Gruppen. In der spanischen Studie waren die Beschwerden unabhängig von der selbstgeschätzten Distanz zwischen Sendeanlage und Wohnung.


Welche Konsequenzen ergeben sich Ihrer Meinung nach aus der Mobilfunk-Diskussion für die ärztliche Tätigkeit?


Wir wissen um die Bedeutung von Umweltfaktoren wie zum Beispiel Feinstaub und Lärm für die menschliche Gesundheit. Das Spektrum hat sich eben um die elektromagnetischen Felder erweitert. Es gibt Menschen, die eine erhöhte Empfindlichkeit für diese Strahlung aufweisen und Beschwerden bekommen. Das sollte der Arzt wissen und in seine diagnostischen Überlegungen einbeziehen. Fragen, die hier weiterführen können, wären zum Beispiel: Treten bestimmte Beschwerden nur zu Hause, nur am Arbeitsplatz, nur in bestimmten Räumen auf? Das kann erste Hinweise auf externe Faktoren als Ursachen für ein Beschwerdebild ergeben.


Was kann man tun, wenn solche Hinweise bestehen?


Bei einem begründeten Verdacht sollten die Strahlungsdichte von Mobilfunk-Sendeanlagen, DECT-Schnurlostelefonen, WLAN-Sendern und anderen, auch niederfrequenten elektrischen und magnetischen Feldquellen durch einen qualifizierten baubiologischen Messtechniker überprüft und reduziert werden. Ziel muss es sein, dass in Zukunft Sendeanlagen und Geräte so ausgeführt sind, dass auch empfindliche Menschen gesund bleiben.



Tipp: Weitere Infos zu Mobilfunk und Gesundheit gibt es unter
www.salzburg.gv.at/umweltmedizin  

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