ÖÄZ 12 - 30.06.2008Burnout-Syndrom - challenge, commitment, control

Burnout-Syndrom


Die drei großen „C“

Befinden sich Challenge, Commitment und Control – die drei großen „C“ – in Balance, besteht kaum die Gefahr, auszubrennen. Das Arzt-sein nur als Beruf und nicht als Berufung zu sehen, schützt nicht davor. Experten geben Tipps, damit es gar nicht erst soweit kommt.
Von Eveline Schütz

Nicht nur einmal sei sie nachts mit Herzrasen wach geworden, konnte dann nicht und nicht mehr einschlafen, sodass sie immer häufiger nachts um zwei oder drei den Geschirrspüler entweder aus- oder einräumte oder sonst irgendwelche Hausarbeiten verrichtete; wenn sie nach dem Dienst in den Supermarkt ging, um das Nötigste für die Kinder einzukaufen, passierte es nicht nur einmal, dass sie dann vor den Regalen stand und eigentlich nicht wusste, was sie da überhaupt wollte. Wenn sie die Kinder auf die leere Einkaufstasche und den leeren Kühlschrank ansprachen, hatte sie das Gefühl, ihr Verstand setze aus und so flüchtete sie sich immer häufiger ins Bett; und immer diese Angst vor dem nächsten Tag, die Angst, die Arbeit und all die Anforderungen nicht mehr zu schaffen, merkte sie doch, dass ihr alles nicht mehr so leicht von der Hand ging: So schildert eine knapp 40-jährige Spitals­ärztin ihre Situation, bevor der große Zusammenbruch kam.

Der Griff zur Flasche nach der Ordination war ebenso bereits zur Gewohnheit geworden wie jene Symp­tome, die er über die Jahre bei so manchen seiner Patienten als Panik­attacken diagnostiziert hatte. Was den Allgemeinmediziner Wolfgang P. letztlich aufrüttelte, war die ihn erschütternde Beobachtung, dass sich Zynismus im Umgang mit den Leiden seiner Patienten breit machte und er am Sonntag Abend Magenkrämpfe bekam, wenn er dachte, dass am nächs­ten Tag eine weitere Woche „über ihn hereinbrechen“ würde.

Als sie eine Krankenschwester grundlos völlig hysterisch anschrie, sich nicht mehr beruhigen konnte, selbst aber noch so klar sah zu wissen, dass sie in diesem Zustand nicht wirklich kranke oder verletzte Menschen versorgen konnte – da zog die Rettungsärztin Marianne H. die Notbremse und bat ihren Chef um eine „Auszeit“, um sich wieder zu „fangen“. Während sie beim Chef auf vollstes Verständnis stieß, verhielt sich der Kollege, der für sie einspringen musste, ganz anders. Er ließ die Kollegin nicht nur spüren, was er von einer derartigen „Schwäche“ hielt, sondern machte sich darüber lustig.


Nur wer brennt, kann auch ausbrennen ...


Emotionale und körperliche Erschöpfung, negative Einstellung gegenüber Patienten aber auch gegenüber Kollegen, Distanzierung von anderen Menschen und deren Problemen bis hin zur Distanzierung vom eigenen sozialen Umfeld, von der eigenen Familie, Leistungsunzufriedenheit bis hin zur Leistungseinbuße: Das sind die Leitsymptome von Burnout. Ärzte haben ein besonders hohes Burnout-Risiko, Ärztinnen aufgrund der meist gegebenen Doppelbelastung noch ein höheres. Untersuchungen zeigen, dass etwa 20 Prozent der Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise des Pflegepersonals gesamt gesehen manifeste Burnout-Symptome zeigen. Und an die 50 Prozent gelten als Burnout-gefährdet.
Den ärztlichen Beruf weniger als Berufung, sondern eben nur als Beruf zu sehen – das sei kein Garant dafür, dass man nicht ausbrennt, sagt Univ. Prof. Gernot Sonneck, Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Wien. Der ärztliche Beruf bedürfe der Berufung und es sei notwendig, dafür zu brennen, sich wirklich zu engagieren, wenn man ein „guter Arzt“ sein wolle, sagt Sonneck. Und weiter: „Wichtig sei, dass man dabei nicht fremd gesteuert ist, sondern dass man selbst vernünftig steuern kann, wie sehr engagiere ich mich in diesem oder in jenem Fall, in dieser oder jenen Situation“.

Nach Sonneck beginne das  „von außen gesteuert sein“ bereits in der Ausbildung, wenn sich Turnusärzte über die eigenen Ressourcen hinaus anstrengen müssen, um eine entsprechende Ausbildung, die Berufsberechtigung zu erlangen sowie Karriere machen zu können. Ihr „Chef“ - erzählt eine angehende Kinderfachärztin – habe sie während des Turnus extrem gefördert, nicht zuletzt weil er erkannt hätte, dass sie von Überengagement und Perfektionismus getrieben gewesen sei. Die Anerkennung, die sie dafür erhielt, trieb sie dazu, die Latte für sich noch einmal höher zu legen. Das brachte sie in einen Teufelskreis, der letztlich im Burnout endete.

Anerkennung sei ein zweischneidiges Schwert – attestiert auch der Neurologe und Burnout-Coach Univ. Prof. Wolfgang Lalouschek. Einerseits triggere fehlende Anerkennung das „Ausbrennen“, andererseits könne hohe Anerkennung ein bisschen wie Doping wirken und zwar in dem Sinn, dass Burnout-fördernde Arbeitsmuster aufrecht erhalten werden. Wenn jemand etwa seinen Beruf weit über sein Privatleben stellt und dafür sehr viel Anerkennung bekommt, könnte dadurch dieses Verhaltensmuster noch gefördert werden. 

Die berufliche Arbeit muss nach Ansicht von Sonneck eine gewisse Herausforderung (Challenge) sein, man muss sie gerne machen (Commitment = Hingabe), aber man darf von ihr nicht beherrscht (Control) werden. Befinden sich diese drei Faktoren in Balance, werde man kaum ausbrennen. Ist hingegen ein Ungleichgewicht gegeben zwischen Anforderungen und den zur Verfügung stehenden Ressourcen, wird sich der Betroffene aufreiben und letztlich erschöpfen, sich mehr und mehr zurückziehen und keine brauchbaren Leistungen mehr erbringen können. Alles Unglück beim Burnout beginne laut Sonneck mit dem Zwang, sich beweisen zu müssen. Denn das führe zur Vernachlässigung eigener Bedürfnisse. Um sich einer Sache, die einen herausfordert, wirklich widmen zu können, müsse man kontrollieren können, wieweit man sich einsetzt, wann es notwenig ist, Pausen, Urlaub oder etwas anderes zu machen. Was Ärzte ihren Patienten immer wieder empfehlen, nämlich sich zu schonen, locker zu lassen, sich zu entspannen, auf sich selbst zu schauen  – das gelte nicht weniger für Ärzte, sagt Sonneck. Das Leben sei ein Wechsel von An- und Entspannung und wenn man dem einigermaßen gerecht werden könne, dann sei die Gefahr eines Burnout wesentlich geringer.

Not, Leid und Elend – damit angemessen umzugehen ist primäre ärztliche Kunst. Ärztinnen und Ärzte haben nicht zuletzt deshalb ein höheres Burnoutrisiko, weil sie sehr offen auf Menschen zugehen, sich auf das Leid ihre Patienten einlassen müssen und sich dabei häufig zuwenig abgrenzen, zu sehr „mitleiden“ und dabei eben „ausbrennen“ – resumiert die Rettungsärztin Marianne H. nicht nur theoretisches Wissen. Als Burnout-Coach treffe er, Lalouschek, sehr häufig auf Mediziner, die sich nicht genügend gut abgrenzen können und zwar nicht nur gegenüber Patienten, sondern auch gegenüber Kolleginnen und Kollegen.


Angst als Risikofaktor


Sich nicht abgrenzen zu können führe unter anderem auch dazu, dass man bei jeder Zusatzaufgabe und jedem Zusatzdienst ja sage. Und eigentlich lebe die Medizin von solchen Menschen, weiß der Burnout-Coach und Neurologe auch aus eigener Erfahrung. Neben den Menschen, die sich nicht oder nur schwer abgrenzen können, laufen vor allem ängstliche und selbstunsichere Menschen Gefahr, früher oder später dem Arztberuf nicht ausreichend gewachsen zu sein. Ängstliche und sehr selbstunsichere Ärztinnen und Ärzte befürchten ständig etwa übersehen zu haben, fragen sich ununterbrochen, ob sie denn auch alles gemacht haben, was möglich war. Erschwerend komme hinzu, dass gerade in der Medizin „Dinge schlecht ausgehen können“ und dass der forensische Aspekt immer mehr Gewicht bekomme – so Wolfgang Lalouschek – und dass Ärzte zunehmend Angst vor einem Gerichtsverfahren oder einem Medienrummel haben müssen, wenn einmal etwas nicht gut ausgeht. Und Angst ist ein Risikofaktor für ein Burnout-Syndrom. 

Menschen, die ausbrennen, sind zum einen Menschen, welche die Verfolgung eines unerreichbaren Zieles nicht aufgeben können, die großen Idealismus und bis zur Selbstaufopferung gehenden Perfektionismus leben, Menschen die sich nicht abgrenzen können und die ihren Selbstwert über Arbeit und Leistung definieren.

Es wäre aber nur die halbe Wahrheit, würde man die Risikofaktoren nur bei den jeweiligen Persönlichkeitsstrukturen orten und dabei die Rahmenbedingungen der Arbeit, die das Entstehen eines Burnout-Syndroms begünstigen, außer acht lassen. In den Spitälern sind es die langen Dienstzeiten, die vielen Arbeitsstunden („Das Arbeitszeitgesetz war ein Meilenstein. Nur gilt es darauf zu achten, dass dieses soweit wie nur möglich eingehalten wird.....“, Gernot Sonneck), sind es die Konflikte im Team und im niedergelassenen Bereich ist es der fortwährende Patientenstrom („ … dem viele Ärzte von sich aus keine Grenzen setzen, weil sie meinen, nur so überleben zu können“, G. Sonneck), welche die Ärzte ausbrennen lassen. In der Einzelpraxis kämen die Gefahr der Vereinsamung aber auch die Dauerverfügbarkeit als Risikofaktoren hinzu.   

Wenn mich die Arbeit bis in den Schlaf verfolgt, ich an chronischer Müdigkeit leide, mich nur noch verkriechen, nichts hören und sehen will; wenn ich mich über nichts mehr richtig freuen kann, wenn ich bemerke, dass Dinge, die ich früher gern gemacht habe, mich nicht mehr interessieren, wenn ich Bedürfnisse außerhalb des Berufs mehr und mehr zurückstelle, wenn mir schon am Sonntag übel wird, wenn ich an den Montag denke – all das können erste Anzeichen eines Burnout-Syndroms sein, sagt Experte Sonneck.


„Ewig nichts gemerkt“ …

Aber auch wenn ich mit einem an sich banalen Infekt nicht und nicht fertig werde oder einen Infekt nach dem anderen bekomme, muss das nicht darauf zurückzuführen sein, dass ich ständig mit erkälteten Patienten zu tun habe, sondern Ausdruck innerer Leere sein. Fragt man Betroffene hinterher, meinen die meisten, „ewig nichts“ gemerkt zu haben oder einfach verdrängt zu haben, dass da etwas nicht ganz stimmen könne. Die­se Verdrängung funktioniert oft nicht zuletzt deshalb, weil das Gefühl der inneren Leere, die Selbstzweifel, die Leistungseinbuße, der soziale Rückzug, die chronischen Müdigkeit und die negative Einstellung zu Patienten und Kollegen, die bis hin zum Zynismus gehen kann, mit Alkohol oder Medikamenten „zugedeckt“ werden.

In fortgeschrittenem Stadium – vor allem wenn es bereits in Richtung Depression geht – wird eine Auszeit allein kaum Abhilfe schaffen; vielmehr wird zusätzlich eine Psychotherapie nötig sein.


Burnout – ein uraltes Phänomen

Bei den Quechua-Indianern in Bolivien und Peru heißt das, was wir Burnout nennen, „Seelen-Verlust“. Die Quechua-Indianer kennen zwei Seelen, eine kleine und eine große. Während der Verlust der großen Seele den Tod bedeutet, kann die kleine Seele bei Belastung, Erschrecken etc. verloren gehen. Dieser „Seelen-Verlust“ ist bei den Quechua-Indianern als Krankheit anerkannt und der Betroffene wird für eine Zeit von allen Pflichten entbunden und von einem Medizinmann rund um die Uhr betreut. Dabei geht es darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Selbstheilungskräfte entfalten können. Selbst die Quechua-Indianer haben erkannt, dass die Heilungschancen davon abhängen, wie ernst das Problem auch von der Umwelt genommen wird. Davon sei man aber bei uns – so eine betroffene Ärztin – mitunter noch weit entfernt. Der Amtsarzt, der ihren Krankenstand verlängern sollte, weil sie sich noch nicht „gesund“ genug fühlte, habe gemeint – erzählt die angehende Kinderärztin – sie könne das ihren Kollegen nicht antun, länger krank zu sein. Darüber hinaus meinte der erfahrene Amtarzt: „Glauben Sie mir, Sie werden bald wieder stolz auf sich sein, wenn Sie wieder 60 Stunden arbeiten können .....“ Als sie tatsächlich wieder in die Klinik ging, erkannte ihr Chef sofort, dass sie noch nicht soweit war – und ein zweiter Amtsarzt gestand ihr ohne Probleme weitere Zeit ein, ihre kleine Seele wieder zu finden.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 30.06.2008

by indesign und landwirt.com