ÖÄZ 15/16 - 15.08.2007Interreligiöse Ärzteplattform

Interreligiöse Ärzteplattform


Seelsorge und Spiritualität bei Krankheit und Pflege

Der Wunsch der Patienten in Krankenhäusern nach spiritueller Begleitung ist durch zahlreiche Studien belegt. Deswegen fordern die Mitglieder der kürzlich ins Leben gerufenen Interreligiösen Ärzteplattform eine verstärkte Integration von Seelsorge und Spiritualität in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.


Schwere Erkrankungen, Operationen oder invasive diagnostische und therapeutische Eingriffe sind einschneidende, existentielle Ereignisse. Die Patienten werden mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert, mit der Bewertung ihrer Lebensprioritäten, mit der Frage nach dem Sinn ihres Lebens und des Leides, das durch die jeweilige Krankheit verursacht wird sowie dem Warum, dem des durch die jeweilige Krankheit verursachten Leides und dem Warum.

Krankenhäusern sind nicht nur Organisationen, in denen effiziente Hilfe bei Gesundheitsstörungen mit häufig sehr komplexen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen geboten wird, sondern auch Orte, an welchen Menschen – oft unerwartet und unfreiwillig – mit den Grenzen ihres eigenen Seins und somit mit spirituellen und religiösen Fragen konfrontiert werden. Dieses besondere Bedürfnis nach spiritueller Zuwendung und Begleitung im Krankenhaus wurde zunächst von den Disziplinen Psychiatrie/Psychologie, Onkologie und Kardiologie erkannt und Anfang der neunziger Jahre zu einem eigenen Forschungsgebiet entwickelt. In einer US-amerikanischen Studie wurden Krankenhauspatienten nach ihren Wünschen nach einer Verbindung ihrer Behandlung mit religiösen Inhalten befragt. Demnach meinten 75 Prozent der Patienten, dass Ärzte spirituelle Fragen in ihre medizinische Behandlung einfließen lassen sollen, 40 Prozent wollten, dass Ärzte mit ihnen über den Glauben diskutieren und 50 Prozent wollten, dass Ärzte mit ihnen beteten.Nach  einer Definition von David B. Larson versteht man unter Religion ein organisiertes System von Glauben, Praxis und Symbolen, das helfen soll, einer höheren Macht näher zu kommen. Unter Religiosität wird nach dieser Definition eine persönliche Einstellung verstanden, welche einen Sammelbegriff für religiöses Bewusstsein und Verhalten darstellt. Spiritualität ist eine persönliche sinnstiftende Grundeinstellung, die transzendierende Selbstreflexion darstellt, welche religiöses Denken beinhalten kann, aber nicht muss.


Sinn schafft Selbstwert

In einer Studie in einem New Yorker Hospiz wurden 160 krebskranke Patienten, die  nur noch drei Monate zu leben hatten, auf den Zusammenhang zwischen Glauben und ihrer seelischen Verfassung untersucht. Demnach war bei gläubigen Patienten der Wunsch nach einem schnellen Tod, die Hoffnungslosigkeit und der Gedanken an einen Selbstmord geringer. Somit scheinen Menschen, die sich in einem größeren Sinn-Zusammenhang eingebunden fühlen, ein stärkeres Selbstwertgefühl zu haben und können eine Krankheit im Gesamtkontext ihres Lebens sinnvoll sehen und sie deshalb auch besser bewältigen („coping“). Zahlreiche andere Untersuchungen legen ähnliche Schlussfolgerungen nahe.  Einige Studien berichten auch über negative Auswirkungen von Religionsausübung und Krankheitsbewältigung, vor allem, wenn die religiöse Vorstellung von einem negativen Gottesbild - „Gottes Zorn“ -  ausgeht.

Untersuchungen über Zusammenhänge von Religiosität, Spiritualität und Gesundheit erstrecken sich auf Fragen nach der Lebensqualität bei Menschen mit verschiedenen – überwiegend malignen – Erkrankungen, Überlebenszeiten bei bestimmten Krankheitsbildern mit beschränkter Lebenserwartung und auf die Lebenserwartung von Bevölkerungskohorten. Die überwältigende Mehrheit dieser Studien unterstreicht einen günstigen Effekt, wenn auch verschiedene Erklärungsmodelle durchaus auch auf säkulare Mechanismen, wie bestimmte Diät- und Fasten-Vorschriften, oder das möglicherweise dichter geknüpfte soziale Netz durch regelmäßigen Besuch von Gottesdiensten, verweisen.

Kritische Stimmen verweisen auf methodologische Probleme vieler Studien sowie auf ethische Bedenken hinsichtlich der Einmischung in höchst private Belange. Insgesamt setzte sich jedoch mehrheitlich der Standpunkt durch, dass die Einbeziehung des Spirituellen eine für den Krankheitsverlauf zusätzlich positive Ressource darstellt und von den Ärzten, Pflegenden und der gesamten Krankenhausorganisation entsprechend berücksichtigt werden sollte. Dementsprechend empfiehlt die American Medical Association die Berücksichtigung der spirituellen Bedürfnisse im Rahmen der Anamnese. Andere Initiativen verweisen auf die Kostenübernahme-Verpflichtung für Krankenhaus-Seelsorge durch Krankenkassen und Krankenhausträger. In den  Bundesländern Tirol und Oberösterreich wurden hier bereits entsprechende Modelle der Kostenübernahme implementiert.
Die Interreligiöse Ärzteplattform ist der Überzeugung, dass Fragen der Religion und Spiritualität bei der Behandlung und Betreuung von Menschen mit schweren Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen und dementsprechend durch die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen in Krankenhäusern, Pflege- und anderen Betreuungseinrichtungen berücksichtigt werden müssen. Ärztliches Handeln auf Basis der wissenschaftlichen Medizin darf mit seelsorgerischer Betreuung jedoch nicht vermengt werden. Nur dadurch gelingt es, dass kranke Menschen selbst entscheiden, ob und welche seelsorgerische und spirituelle Begleitung und Unterstützung in Anspruch genommen wird.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer von den Gesundheitsberufen unabhängigen Seelsorge in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Diese hat deklariert zu erfolgen, anbietend und nicht aufdrängend, Angst-lösend und Hoffnungs-vermittelnd. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit nach organisatorischen, Vorkehrungen in Gesundheitseinrichtungen, Schaffung von gemeinsamen Standards in der Krankenhausseelsorge-Ausbildung und Praxis und Sicherstellung der räumlichen und personellen Ressourcen.

Daraus ergeben sich folgende zentrale Forderungen:

  • Anerkennung des Rechtes auf spirituelle Betreuung für alle Menschen, die in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen betreut werden.
  • Verpflichtung der Träger von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zur Schaffung einer entsprechenden organisatorischen Infrastruktur.
  • Sicherstellung des Prinzips, dass jede Form der Seelsorge nur auf Wunsch der Patienten erfolgt und die in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen tätigen Seelsorgerinnen und Seelsorger eine Ausbildung im Umgang mit Patienten in häufig sehr belastenden medizinischen Situationen absolviert haben.


Zusammenfassung:


Zahlreiche Studien belegen den Wunsch von Patienten in Krankenhäusern nach spiritueller Begleitung, die eine wirksame Hilfe bei der Krankheitsbewältigung (coping) darstellt. Dies könnte auch erklären, warum Glaube und Spiritualität bei verschiedenen meist malignen Erkrankungen mit einem günstigeren Verlauf assoziiert sind. Die interreligiöse Ärzteplattform fordert daher (1) die Anerkennung des Rechtes auf spirituelle Betreuung von Krankenhauspatienten; (2) die Verpflichtung von Krankenhausträgern zur Schaffung einer entsprechenden organisatorischen Infrastruktur und (3) Sicherstellung von Mindeststandards in der Ausbildung und Durchführung von Krankenhausseelsorge.


Literatur bei den Verfassern


Mitglieder der „Interreligiösen Ärzteplattform“:
Prim. Univ. Prof. Dr. Paul Aiginger, Vorstand Interne Abteilung, St. Josefs-Krankenhaus, Wien; Univ. Prof. Dr. Eduard Auff, Univ.-Klinik für Neurologie/AKH Wien; Univ. Prof. Dr. Christoph Gisinger, Haus der Barmherzigkeit/Wien; Prim. Dr. Athe Grafinger, Haus der Barmherzigkeit/Wien; Dr. Ahmed Hamidi, Facharzt für Innere Medizin; Mag. Brigitte Helnwein, Haus der Barmherzigkeit/Wien; OA Dr. Ignaz Hochholzer, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien; Univ. Prof. Dr. Raimund Jakesz, Chirurgische Universitätsklinik Wien; Univ. Prof. Dr. Amir Kurtaran, Univ.-Klinik für Nuklearmedizin; Univ. Doz. Mag. DDr. Alexander Lapin, Sozialmedizinisches Zentrum Sophienspital/Wien; Prim. Dr. Theodor Much, Facharzt für Dermatologie; Univ. Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher, Univ.-Klinik für Chirurgie/AKH Wien; Dr. Roland Paukner, Wiener Krankenanstaltenverbund; Univ. Prof. Dr. Arnold Pollak, Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde/AKH Wien; Univ. Prof. Dr. Klemens Rappersberger, Krankenanstalt Rudolfstiftung Wien; Univ. Prof. Dr. Bela Teleky, Univ.-Klinik für Chirurgie/AKH Wien; Dr. Leyla USTA, Sozialmedizinisches Zentrum Süd/Wien; Univ. Prof. Dr. Reinhart Waneck, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien; Univ. Prof. Dr. Herbert Watzke, Lehrstuhl für Palliativmedizin/AKH Wien:


Korrespondenz:
Univ. Prof. Dr. Christoph Gisinger, Haus der Barmherzigkeit, Seeböckgasse 30a, 1160 Wien; E-Mail: christoph.gisingerno@sonicht.hausderbarmherzigkeit.at




© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2007

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