Interview - Klaus Stochl
Schaffe, schaffe, Häusle baue …
Gemäß dieses im Schwabenland – des Heimat der Gründerfamilie von Boehringer Ingelheim – gebräuchlichen Spruchs könnte man auch die Entwicklung des Unternehmens am Standort Wien betrachten. Ein Gespräch mit dem Landesleiter von Boehringer Ingelheim Österreich, Mittel- und Osteuropa, Generaldirektor Klaus Stochl.
ÖÄZ: In weniger als zwei Jahrzehnten hat sich aus einem eher bescheidenen Boehringer-Dorf in Wien-Meidling die doch sehr stattliche Regional Center Vienna-City mit einem Areal von 38.000 m2 entwickelt. Wie kam das?
Stochl: Die österreichische Tochtergesellschaft des internationalen Unternehmensverbandes Boehringer Ingelheim wurde 1948 in einer Apotheke in Wien-Wieden gegründet. Boehringer Ingelheim Österreich ist heute Zentrum der Krebsforschung des Konzerns sowie eines der beiden Zentren für die biopharmazeutische Produktion von Arzneimitteln von Boehringer Ingelheim. Als Regional Center Vienna trägt der Standort zudem in den Segmenten Humanpharma und Tiergesundheit die Geschäftsverantwortung für insgesamt 30 Länder Mittel- und Osteuropas, Österreich natürlich eingeschlossen.
Sie haben viel geschafft, geschaffen und investiert ...
Ja, ‚Sie‘ heißt alle unsere Mitarbeiter. Wir haben uns am Standort Wien kontinuierlich weiter entwickelt und natürlich auch entsprechend hohe Summen investiert. Boehringer Ingelheim hat innerhalb von nur fünf Jahren 170 Millionen Euro investiert und 540 neue Arbeitsplätze geschaffen. 1986 hat das Grundlagen-Forschungszentrum Institut für Molekulare Pathologie für Molekularbiologie und genetische Forschung seine Pforten geöffnet, das wir 1993 zu 100 Prozent übernommen haben. 1999 wurde das Forschungszentrum IMBA (Institut für Molekulare Biotechnologie), eine enge Kooperation zwischen dem IMP und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ins Leben gerufen.
Sind die Rahmenbedingungen des Standorts Österreich vorteilhaft?
Ganz generell gesehen: Ja. Wir haben interessante Arbeitsplätze anzubieten. Wien ist eine attraktive und sichere Stadt, das lockt hoch qualifizierte Mitarbeiter natürlich auch aus dem Ausland an. Außerdem verfügen wir als Unternehmen über einen eigenen Betriebskindergarten, was natürlich Müttern und Vätern das Leben erleichtert. Des Weiteren ist Wien nach wie vor das ‚Tor zum Osten’ – als Österreicher tun wir uns ganz einfach leichter, mit unseren östlichen Nachbarn zu kommunizieren. Hinzu kommt außerdem, dass die allgemeine Steuersituation in Österreich für ein forschendes Unternehmen als ‚gut’ einzustufen ist, das betrifft vor allem die Forschungsförderung.
BI ist – und das ist doch ungewöhnlich – ein weltweit agierendes Pharmaunternehmen, das sich nach wie vor zu 100 Prozent in Familienbesitz befindet. Ist in der Zukunft mit einem Börsegang zu rechnen?
Stochl (lacht): Nein. Ganz bestimmt nicht.
Stichwort Rahmenbedingungen: Wie sehen diese für den Bereich der Pharmapolitik aus?
Mit den pharmapolitischen Rahmenbedingungen sind wir in Österreich nicht zufrieden. Trotz der Neuerungen im System gibt es nach wie vor keinen schnelleren Zugang von innovativen Medikamenten auf den Markt, der Preisdruck steigt weiter, und aus mehreren Richtungen kommen mit schöner Regelmäßigkeit immer neue Belastungen auf die Industrie zu. Kritisch sind auch die Zwangsabschläge vom Preis, nach dem Patentablauf von Arzneimitteln. Es ist natürlich schon so, dass auch Generika einen großen Wert im Gesundheitswesen haben, doch muss man bedenken, dass Generika-Unternehmen nicht Forschungs- und Entwicklungs-Kosten von rund einer Milliarde US-Dollar in die Entwicklung eines einzigen Arzneimittel stecken müssen …
Was wünschen Sie sich konkret?
Wir wünschen uns langfristige und verlässliche Rahmenbedingungen! Die Pharmabranche ist eine sehr sensible Branche, die Entwicklungszeiten von neuen und wirksamen Arzneimitteln sind oft außerordentlich lang. Wir können keinen „Zick-Zack-Kurs“ brauchen; das entspricht auch nicht dem Ziel einer langfristigen und verlässlichen Marktversorgung.
Nun hat Österreich seit Herbst letzten Jahres bekanntlich eine neue Regierung. Was erwarten Sie sich von dieser?
Wir warten auf die Schwerpunkte, die diese Regierung setzt und vor allem auch umsetzen wird. Und wir hoffen, dass man nicht wieder die Pharmaindustrie in den Mittelpunkt der Sparmaßnahmen rückt, sondern endlich für Patienten einen schnelleren Zugang zu innovativen Arzneimitteln sicher stellt.
Haben Sie spezielle Wünsche an die Regierung?
Boehringer Ingelheim ist an einem funktionierenden Gesundheitswesen außerordentlich interessiert. Wir sehen uns als Partner und als ‚Teil der Lösung’ und nicht als ‚Teil des Problems’. Unsere Aufgabe ist es, innovative Arzneimittel zur Verfügung zu stellen und leisten damit einen eminent wichtigen Beitrag, dass das Gesundheitswesen langfristig funktionieren kann. Aber: Ich halte es für unrealistisch zu postulieren, dass im Rahmen der Gesundheitsversorgung ‚jeder alles bekommen soll ,es aber nicht mehr kosten darf’. Aus Politikersicht ist das Ansinnen vielleicht sogar verständlich – man will ja die Wähler nicht vergraulen. Man muss sich aber überlegen, wo man sinnvoll sparen will, kann und darf. Wir haben in Österreich ein sehr gutes Gesundheitswesen, das wir nicht aufs Spiel setzen dürfen.
BI in Kürze
Boehringer Ingelheim ist die österreichische Tochtergesellschaft des internationalen Unternehmensverbandes Boehringer Ingelheim mit Sitz in Wien-Meidling. Das Unternehmen ist Zentrum der Krebsforschung sowie eines der beiden Zentren für biopharmazeutische Produktion von Arzneimitteln im Unternehmensverband. Als Regional Center Vienna trägt der Standort die Geschäftsverantwortung für 30 Länder Mittel- und Osteuropas. Kerntätigkeitsfelder sind die Betreuung des Pharmageschäftes (Humanpharma und Tiergesundheit) sowie die Durchführung klinischer Studien in Östereich, Mittel- und Osteuropa.
Derzeit arbeiten am Standort Wien mehr als 1.000 Mitarbeiter, am Institut für molekulare Pathologie 240. In der gesamten Region Mittel- und Osteuropa sind 2.000 Menschen beschäftigt. Im Unternehmensverband Boehringer Ingelheim nimmt das Regional Center Vienna nach den USA, Japan und Deutschland Rang 4 ein. Namhafte internationale Pharmafirmen lassen bei BI in Wien biopharmazeutische Produkte entwicklen und fertigen.
Deklariertes Ziel der Arzneimittelforschung bei BI in Österreich ist die Entwicklung neuer Medikamente gegen Krebs, die einen klaren therapeutischen Fortschritt ermöglichen. Im Rahmen der Tumorbiologie werden neuartige Substanzen auf ihre krebshemmende Wirkung untersucht. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Analyse der Ursachen von bösartigen Tumoren, um mögliche zukünftige Behandlungen zu entwickeln.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2007





