Interview - Robert Hawliczek
„Zu wenig Zeit für Forschung“
Ende Juni wurde der Leiter des Instituts für Radioonkologie am SMZ Ost/Wien, Univ.Doz. Robert Hawliczek, zum Obmann-Stellvertreter der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Primarärztereferenten gewählt. Mit Agnes M. Mühlgassner sprach er über seine künftigen Arbeitsschwerpunkte, die Schwächen der klinischen Forschung in Österreich, den Zusammenhang zwischen SpitalsHierarchie und Ausbildungsmisere sowie über gesetzeswidrige Arbeitszeiten.
ÖÄZ: Ist klinische Forschung in Österreich – sofern sie nicht Drittmittel-gestützt ist – überhaupt noch möglich?
Hawliczek: Es gibt ein Spannungsfeld durch die Verknappung der Ressourcen in der öffentlichen und auch in der universitären Forschung. Die eigentliche Grundlagenforschung wird zurückgedrängt und vorwiegend durch zielgerichtete Drittmittelforschung ersetzt. Die Forscher sind einem gewissen Druck ausgesetzt, positive Ergebnisse zu erzielen. Das hat bei der Publikation in internationalen Topjournalen dazu geführt, dass bei klinischen Studien die Finanzierung und das Design offen gelegt werden müssen und damit sichergestellt wird, dass das Ergebnis seriös publiziert wird. Es gibt also schon gewisse Strömungen, die Drittmittelforschung seriöser zu machen.
Sollte der Staat mehr Geld in die unabhängige Forschung stecken?
Die Schwäche bei uns liegt darin, die Ergebnisse der noch existierenden Grundlagenforschung umzusetzen und zu vermarkten. Vielfach passiert Folgendes: Wir forschen und die Ergebnisse werden dann in den USA verwertet. Es ist die Unerfahrenheit unserer Basisforscher mit dem Marketing und zum Teil sind es die fehlenden Verbindungen zur Industrie, die erforderlich sind. Die Entwicklung geht zwar in die richtige Richtung, indem man versucht, die Universitäten mehr mit der Industrie zu vernetzen. Trotzdem ist die unabhängige Forschung für mich die zu fördernde Priorität.
In den USA beispielsweise werden Ärzte zwei bis drei Tage pro Woche für die Forschung freigestellt. In Österreich wird das Arbeitszeitgesetz nicht eingehalten, an den Universitätskliniken dominiert die Patientenbetreuung. Gibt es derzeit genug Zeitressourcen für forschende Ärzte in Österreich?
Ganz sicher nicht. Wir haben das Gießkannenprinzip. Jeder, der auf der Uni tätig ist, hat drei Aufgaben: in erster Linie Patientenversorgung, in zweiter Linie Lehre, in dritter Linie Forschung. Hier müsste man eine gewisse Aufteilung zulassen. Ein hervorragender Kliniker zum Beispiel muss nicht unbedingt ein guter Forscher sein, ein guter Lehrer auch nicht. Es ist gar keine Frage, dass zu wenig Zeit für Forschung zur Verfügung steht. Und wenn Sie viele Patienten haben, können Sie die nicht unbetreut lassen, sie haben selbstverständlich erste Priorität. Forschung findet in der Regel in der Freizeit statt. Das halte ich für höchst problematisch. Wir bilden zwar hervorragende Leute aus, aber die werden abgeworben, weil die Bedingungen der universitären Forschung eher mies sind.
Sie wurden vor kurzem im Rahmen der Neukonstituierung der ÖÄK zum Vizeobmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Primarärztereferenten gewählt. Wo sehen Sie denn Ihre Hauptaufgaben?
Wir Ärzte werden als Berufsstand, der in den Spitälern den Kernprozess gewährleistet und verantwortet, bei den Entscheidungsprozessen immer mehr zurückgedrängt.
Entscheidungsprozesse inwiefern? Die Entscheidung über das diagnostische und therapeutische Vorgehen liegt ja beim Arzt.
Wie ein Patient behandelt wird, entscheiden wir in der Regel immer noch, aber auch nur mehr den Ressourcen entsprechend. In diesem Spannungsfeld leben wir zunehmend: dass die Ressourcen, weil sie teuer sind, unter Umständen nicht mehr den medizinischen Notwendigkeiten entsprechen. Verantworten müssen wir Ärzte es, nicht die Ökonomen oder Politiker.
In welchen anderen Bereichen sehen Sie Handlungsbedarf?
Man kann Primarärzten leicht Anweisungen geben wie zum Beispiel: ‚Reduzieren Sie die Ambulanzfrequenz!’ Ja, aber wie? Wir können nicht steuern, wer bei der Tür hereinkommt und wer nicht. Wir sind auch bei weitem nicht autonom, wenn es um die Personalrekrutierung geht. Ärzte stellen nur noch 16 Prozent des Spitalspersonals. Oder: Im Gegensatz zu früher haben wir jetzt riesige Krankenanstalten-Verbünde. Dort muss theoretisch überhaupt kein Arzt mehr in einer Führungsposition sitzen. Das halte ich politisch für eine brisante Situation, weil die ärztliche Ethik in der Führungsebene der Ärztlichen Direktoren abreißt. Die Chefökonomen haben keine Ahnung von ärztlicher Ethik, die stört bestenfalls. Wissen das eigentlich die Steuerzahler? Wir Primarärzte müssen darauf hinweisen, dass dies eine unhaltbare Situation ist. Politisch legitimierte Ärzte in den Vorständen und Aufsichtsräten der Verbünde müssten eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
Der Primarius ist der Letztverantwortliche für die Ausbildung an einer Abteilung. Bekanntermaßen ist es ja damit nicht zum Besten bestellt.
Ausbildung ist die Sache einer gesamten Abteilung. Die Ausbildung erfolgt vor allem durch Angehörige des Mittelbaues, also durch die erfahrenen Fachärzte. Der Primarius trägt dafür die Letzt- und vor allen Dingen die Organisationsverantwortung. Unsere seltsamen hierarchische Säulen behindern jede vernünftige Selbstorganisation: Ärzte, Pflegedienst und MTD´s und was es sonst noch gibt werden von oben realitätsfern gesteuert. Das Modell funktioniert vielfach nicht. Hier muss eine gewisse Führungsdiskussion Platz greifen. Es muss einen stationsführenden Oberarzt geben, der entscheidet, wer was macht und nicht irgendwelche übergeordnete hierarchische Stellen. Ich glaube, dass die Ausbildung unserer Turnusärzte auch darunter leidet – was von den rezenten Wiener Analysen stark gestützt wird.
Jeder Abteilungsleiter ist für die Einhaltung des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes an seiner Abteilung verantwortlich. Wieso funktioniert das nicht?
Es wird in jedem großen Spital Überschreitungen geben, vor allem in kleinen Abteilungen, deren Personalspielraum geringer ist. Die absolut prioritäre Verantwortung ist die direkte Verantwortung gegenüber dem Patienten. Ich muss den Patienten versorgen - gleichgültig, ob ich genug Personal habe oder nicht. Das führt dazu, dass dem Primarius manchmal nichts Anderes übrig bleibt, als einen Dienstplan zu unterschreiben, der dem Arbeitszeitgesetz nicht gerecht wird. Man muss endlich einmal auch in den Spitälern zur Kenntnis nehmen, dass gewisse Reservekapazitäten einfach nötig sind. Auch die Feuerwehr wird nicht eingespart, obwohl es nicht ständig brennt. Aber das ist eine politische Entscheidung, ob man sich diesen „Luxus“ leisten will. Aus medizinischen Gründen, meine ich, muss man es tun.
Es gibt immer wieder Anfragen, welche Grundlage die ärztlichen Sondergebühren haben. Wie sieht es damit aus?
Der wesentliche Punkt für den Patienten, der eine Zusatzversicherung abschließt, ist die freie Arztwahl. Das ist im Belegsystem gewährleistet. Im abteilungsgestützten System ist das anders. Aber auch hier hat der Patient erhebliche Benefits. Zunächst einmal ist er berechtigt, vom Abteilungsleiter direkt betreut zu werden, der ja im Bestellungsverfahren überdurchschnittliche Qualifikationen nachweisen muss. Allerdings ist gerade die Österreichische Ärztekammer sehr bemüht, die freie Arztwahl im abteilungsgestützten Krankenhaussystem in einem vernünftigen Rahmen umsetzen. Die Leistung am zusatzversicherten Patienten im abteilungsgestützten System ist eine Teamleistung. Dieses System hat den Vorteil, dass jeder Zusatzversicherte 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, die persönliche Zuwendung aller Abteilungsärzte erwarten darf, da alle an den Sondergebühren beteiligt sind. Es sind nämlich diese Patienten, die durch ihre private Zusatzleistung unser auch international gesehen hervorragendes System erst ermöglichen – und das nicht nur für die „Reichen“ unseres Landes.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2007





