Lust-Verlust
Sexualität
Männer mit Potenzproblemen gehen zum Arzt und sprechen das Problem aktiv an. Frauen hingegen vermuten, dass das Problem bei ihnen selbst liegt – nur jede zehnte Frau spricht mit ihrem Arzt darüber. Um die Ursachen für den Libidoverlust zu ergründen, bedarf es jedenfalls viel Fingerspitzengefühl.
Von Irene Mlekusch
In der urologischen Praxis stellt sich der Lust-Verlust häufig als Folge einer Erektionsstörung dar, weiß Univ. Doz. Eugen Plas, leitender Oberarzt an der Urologischen Abteilung am Krankenhaus Lainz in Wien. Der Vorsitzende des Arbeitskreises für Andrologie und sexuelle Funktionsstörungen der Österreichischen Gesellschaft für Urologie sieht die beeinträchtigte Libido des Mannes vor allem in der Altersgruppe ab dem 45. Lebensjahr im Zusammenhang mit dem Klimakterium virile. Ab dem 40. Lebensjahr verringert sich der Testosteronspiegel jährlich um ein bis zwei Prozent. Das zieht körperliche Veränderungen wie Schlafstörungen, Müdigkeit, Schweißausbrüche, Gewichtszunahme, Leistungsabnahme, depressive Verstimmung und abnehmendes sexuelles Verlangen nach sich.
Ein tatsächlicher Hormonmangel besteht aber nur bei etwa sieben Prozent der 40- bis 60-jährigen Männer, bei 22 Prozent der Männer zwischen 60 und 80 Jahren und bei ungefähr 36 Prozent der über 80-Jährigen. Vom Hypogonadismus spricht Plas aber erst ab einem Testosteronwert von <320 ng/dl. Auch Univ. Doz. Andreas Jungwirth, Leiter der Urologie und Andrologie an der urologischen Abteilung der EMCO Privatklinik in Bad Dürnberg/Salzburg wird immer wieder mit dem klinischen Bild des late onset hypogonadism – auch PADAM (Partielles Androgen-Defizit des Alternden Mannes) genannt – konfrontiert. „Der Libidoverlust ist das Hauptsymptom dieser Störung“, berichtet Jungwirth. „Zusammen mit dem Testosteronmangel liefert er eine eindeutige Diagnose.“ Aus der Praxis berichtet Jungwirth jedoch, dass die betroffenen Männer häufig die Diagnose Depression und damit die falsche Therapie erhalten. Anstelle der verordneten Antidepressiva wäre in diesen Fällen eine Testosteronersatztherapie nötig. Plas möchte zusätzlich systemische Erkrankungen wie einer Hypothyreose, Diabetes mellitus, chronische Niereninsuffizienz oder Fettstoffwechselstörungen abgeklärt wissen. Ist der Hormonmangel durch zwei aufeinander folgende Blutproben, die am Vormittag abgenommen wurden, bestätigt, und stellen die körperlichen Auswirkungen eine Belastung für den Patienten dar, raten beide Spezialisten zur Testosteronersatztherapie.
Mögliche Komplikationen wie Flüssigkeitsretention, Blutbildveränderungen oder Erhöhungen der Leberfunktionsparameter sowie die möglichen Auswirkungen der Hormonersatztherapie auf die Prostata sind laut Plas mit dem Betroffenen vorab zu besprechen. „Die Angst vieler Patienten vor einem Prostatakarzinom ist unbegründet“, erklärt Jungwirth; das hätten neue Daten ergeben. Da sich die Patienten aber aus Sicherheitsgründen regelmäßig einer Kontrolle des PSA-Wertes unterziehen sollten, könnten Tumore sogar früher entdeckt und behandelt werden. Der Salzburger Androloge verweist im Gespräch mit der ÖÄZ aber darauf hin, dass es als natürliche Folge der therapeutischen Androgenblockade bei Patienten mit einem Prostatakarzinom zu einem dramatischen Libidoverlust kommt.
In den vergangenen vier bis fünf Jahren hat sich die Hormonsubstitutionstherapie sehr zum Vorteil für die Patienten entwickelt. Zum Einstieg dienen kurzwirksame Präparate als Gels (Testogel®), Pflaster (Androderm®) oder Kapseln (Andriol®). Zeigt sich mit einer dieser Medikationen nach vier Wochen eine Besserung, kann ein Depotpräparat in Injektionsform (zum Beispiel Nebido®) auf längere Sicht helfen. Jungwirth betont: „Es sollten keine Hormonwerte therapiert werden, sondern die Symptome des jeweiligen Patienten.“
„Handelt es sich um einen reinen Testosteronmangel, sprechen die Männer sehr gut auf die Substitution an“, so Plas. Wenn aber zusätzliche, andere Ursachen wie beispielsweise Partnerprobleme mit eine Rolle spielen, zeige die pharmakologische Therapie allein meist nur eine geringe Wirkung.Obwohl ein Großteil der männlichen Patienten seinen Libidoverlust direkt anspricht, ist eine sorgfältige Anamnese unerlässlich. Jungwirth stellt sich und den Patienten dabei gerne folgende Frage: „Was war zuerst da: der Libidoverlust oder die Erektionsstörung?“ Und formuliert weiter: „Wenn die Performance nicht stimmt, ist auch der Trieb eingeschränkt.“
Mangelnde Kommunikation
Plas bedauert, dass der Libidomangel oder Libidoverlust bei Frauen oft verschleiert wird und dadurch die sexuellen Störungen der Männer in den Vordergrund gestellt werden. Univ. Prof. Christian Dadak von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien sieht die Ursache dafür in einem Mangel an Kommunikation. Nur etwa zehn Prozent der betroffenen Frauen sprechen das Thema auch tatsächlich an, da sie sich den Wünschen ihres Partners nicht verschließen können oder wollen. Auf genaue prozentuelle Angaben lässt sich der Wiener Gynäkologe nicht ein, da er Statistiken, welche die Lust abfragen generell für fraglich hält. „Männer mit Impotenzstörungen gehen zum Arzt“, so Dadak, „Frauen erleben die Störung schleichend und haben das Gefühl, dass das Problem in ihnen schlummert.“
Univ. Doz. Elfriede Greimel von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Medizinischen Universität Graz beziffert den Anteil der Frauen, die unter sexuellen Appetenzstörungen leiden, mit etwa 30 Prozent. Wesentlich erscheint der klinischen Psychologin, dass laut der Definition des ICD 10 (F52.0) ein Mangel oder Verlust an sexuellem Verlangen dann als Störung bezeichnet wird, wenn dadurch ein Leidensdruck oder zwischenmenschliche Schwierigkeiten entstehen. Vor allem in der Paarbeziehung verweist Dadak auf die Rückzugsgefahr und Versagensängste, die das Problem zusätzlich aufschaukeln. Häufig führen ein organischer Hintergrund und der daraus resultierende Libidoverlust im Wechselspiel mit mangelnder Kommunikation zu einem massiven Leidensdruck der Betroffenen.
Greimel wiederum nennt Konflikte in der Partnerschaft, Unwissen oder Fehlvorstellungen über Sexualität, zu hohe Erwartungshaltungen, Ängste und Spannungen sowie starre Normen- und Wertvorstellungen als weitere Faktoren, die zur Entwicklung einer derartigen Appetenzstörung führen können. Dadak beschreibt das Problem der reduzierten Libido besonders im Zusammenhang mit dem Klimakterium und Patientinnen, die künstlich in den Wechsel versetzt wurden. „Aber auch die postpartale Depression kann durch die Entwicklung eines Überlastungssyndroms einen Mangel an sexuellem Interesse verursachen“, weiß Dadak. „Im Lauf des Lebens gibt es Phasen, in denen die Bedeutung der Sexualität zurücktritt“, merkt Greimel an. So genannte „life-events“ können vorübergehend zur Veränderung der Sexualität führen. Dazu gehören nicht nur belastende Ereignisse wie berufliche Anspannung, Lebenskrisen, Trennungen und Krankheiten, sondern auch Geburten oder Menopause.
Dadak bestätigt, dass in der gynäkologischen Praxis vor allem hormonelle und psychosoziale Ursachen zur Entwicklung einer sexuellen Appetenzstörung führen. Trotzdem betont er, dass auch verschiedene gynäkologisch, organische Urheber auf die nachlassende Lust hinweisen. Einerseits steht der Schmerz beim Geschlechtsverkehr im Vordergrund, welcher wiederum bei der Patientin zu einer generellen Ablehnung des Partners führen kann. Dyspareunie kann wiederum durch Endometriose, Hormonmangel, Intrauterinpessare, verengende Scheiden-operationen oder Narben ausgelöst werden. Der Gynäkologe dazu: „Die Übergänge sind fließend und oft ist der Libidoverlust nur einer Folgeerscheinung.“ Andererseits können auch Medikamente wie eine Antihormon- oder Zytostatikatherapie, bestimmte Psychopharmaka (wie zum Beispiel SSRIs und Antipsychotika), Antihypertensiva, Anti-Parkinsonmittel, Kontrazeptiva, chronischer Alkoholkonsum und manche Suchtmittel das sexuelle Verlangen negativ beeinflussen.
Sowohl Greimel als auch Plas sehen in der Sexualanamnese im gynäkologischen Bereich einen Weg, mit Hilfe von Informationsvermittlung sexuelle Störungen zu verhindern. Greimel hält es für wesentlich, Patientinnen über mögliche Veränderungen der Sexualität zum Beispiel nach gynäkologischen Operationen aufzuklären. Bei bestehenden, schwerwiegenden sexuellen Problemen empfiehlt sie, eventuell einen Klinischen Psychologen oder Psychotherapeuten hinzu zu ziehen. „Die eigene Einstellung zur Sexualität sollte hinterfragt werden“, gibt Dadak zu bedenken. Denn auf Sexualethik und Sexualmoral verschiedener Kultur- und Bevölkerungsgruppen muss Rücksicht genommen werden. Schon innerhalb Österreichs gibt es zwischen dem städtischen und den ländlichen Bereich Unterschiede hinsichtlich der Erziehung und der Umwelt. Vor allem sei es notwendig, sich situations- und menschenangepasst zu verhalten. „Der Libidoverlust soll in jedem Fall als medizinisches Problem angenommen und der Patient an einen entsprechenden Spezialisten überwiesen werden“, so Dadak. Vor allem bei Frauen im Klimakterium versucht er durch ein ausführliches Gespräch die zum Teil durch Medien produzierten Erwartungshaltungen zurechtzurücken und auch den Partner mit einzubeziehen. Können organische Ursachen ausgeschlossen werden, helfen den Frauen in dieser sensiblen Phase meist schon lokale Hormonpräparate und Gleitgels.
Um die unangenehmen Begleiterscheinungen des Klimakteriums zu reduzieren, werden Östrogene oral verabreicht. Prinzipiell führen auch Testosterongaben zu guten Ergebnissen, sie sind in Österreich jedoch nur beschränkt möglich. Zur Behandlung stehen ein Estradiolvalerat und Prasteronenantat-Depotpräparat mit der Bezeichnung Gynodian® zu Verfügung, auf das viele Frauen im Klimakterium sehr gut ansprechen. Plas nennt im Zusammenhang mit der pharmakologischen Behandlung des Lustmangels bei der Frau das niedrig dosierte Androgenpräparat Liviel®, das gleichzeitig nicht nur östrogene, sondern auch androgene Wirkung zeigt.
Interindividuelle Varianz
Betrachtet man die vielfältigen psychischen Ursachen so wird klar, dass die sexuelle Lustlosigkeit großen interindividuellen Unterschieden unterworfen ist. Dies polarisiert laut Univ. Prof. Johannes Kinzl, Leiter der psychosomatischen Ambulanz an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Innsbruck, vor allem in der Beziehung. „Ähnliche Sexualvorstellungen tragen auf Dauer zu einer glücklichen Beziehung bei“, berichtet der Leiter der Sexualmedizinischen Ambulanz der Universitätsklinik für Psychiatrie in Innsbruck aus seiner Erfahrung. Auch Univ. Prof. DDr. Siegfried Kasper, Vorstand der Klinischen Abteilung für Biologische Psychiatrie von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am AKH Wien, weiß um den Umstand, dass vor allem Frauen „dem Partner zu Liebe“ ihre eigenen Bedürfnisse missachten und sich so selbst unter Druck setzen.
An der Klinik in Wien wird der Libidoverlust eher selten als alleinige Problematik vorgestellt. „Körperliche Beschwerden und vor allem Depressionen, die ein eingeschränktes sexuelles Verlangen nach sich ziehen können, stehen im Vordergrund“, weiß Kasper zu berichten. Da aber bei fast jedem depressiven Patienten auch die Libido reduziert ist, muss davon ausgegangen werden, dass sich dieses Symptom bei etwa zehn bis 15 Prozent aller Patienten findet, die in die Ordination eines Allgemeinmediziners kommen. Hier gilt eindeutig der subjektive Leidensdruck, um individuell zwischen normal und anormal zu unterscheiden. Kinzl bedauert, dass es vergleichsweise wenige Untersuchungen zum Thema der sexuellen Appetenzstörungen gibt. Das ist insofern bestürzend, da er den Anteil der betroffenen Frauen auf 30 bis 40 Prozent und den der Männer auf 15 bis 20 Prozent schätzt. Kinzl betont: „Die primäre Form des Libidoverlustes ist allerdings selten.“ Häufiger nimmt das ursprünglich vorhandene sexuelle Interesse in einem sekundären Prozess ab. Als Ursachen nennt Kinzl psychische Störungen wie Depressionen und Schizophrenie, kritische Lebensereignisse, Partnerkonflikte und pharmakologische Nebenwirkungen. In letzterem Fall empfiehlt Kasper – falls möglich – drug holidays, die ein gezieltes tageweises Absetzen der Medikation erlauben, um die eigene Sexualität besser wahrzunehmen und sich vor allem des organischen Geschehens bewusst werden zu können.
Medikamente wie Viagra® und Co sind laut Kasper bei Erektionsstörungen in der Lage, den „Circulus vitiosus zwischen Verlangen und Erektion zu durchbrechen“ und dem Patienten die Versagensängste zu nehmen. Laut dem Experten ist es jedoch wesentlich, abzuklären, ob der Libidoverlust auch wirklich ein Problem darstellt. Deswegen setzt er bei der Behandlung auf Gesprächstherapie und Paartherapie. Auch Kinzl sieht die Untrennbarkeit zwischen psychischen und organischen Ursachen, bedauert aber, dass die körperliche Ebene vor allem im Zug der Vorstellung neuer Pharmaka vor die eigentliche psychische Problematik geschoben wird. Gerade sexuelle Störungen müssen auf beiden Ebenen hinterfragt werden. „Die Ärzte sind aufgerufen, das Thema sexuelle Zufriedenheit bei ihren Patienten regelmäßig und vor allem aktiv anzusprechen“, fordert Kinzl. Die meisten Patienten sind dankbar, darauf angesprochen zu werden, weil sie es nicht wagen, den ersten Schritt selbst zu tun. Kinzl ist sich daher auch sicher, dass aufgrund der mangelnden Ansprache die Anzahl der Patienten und Patientinnen mit sexuellen Störungen unterschätzt wird. Kasper empfiehlt eine Abfrage des sexuellen Status im Zuge der Erhebung der Vitalfunktionen. Somit soll dem Patienten klar gemacht werden, dass die Sexualität einen natürlichen Bestandteil des Lebens darstellt und damit zur Lebensqualität beiträgt.
> Prävalenz sexueller Funktionsstörungen
Ursachen sexueller Störungen
- Organische Faktoren (Krankheiten)
- Erwartungsängste
- Informations- und Erfahrungsdefizite
- Normen- und Wertvorstellungen
- psychische Konflikte und Ängste
- Partnerschaftskonflikte
(Arentewicz et al. 1993)
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2007





