Medizinjournalismus zwischen Reichweite und Ethik
Kommentar von Andreas Unterberger
Das Geschäft mit der Hoffnung
Jeder Chefredakteur weiß es, zumindest wenn er Studien über die Gewohnheiten seiner Leser hat: Gesundheitsthemen ziehen. Sie liegen bei fast allen Leser-Analysen an der Spitze. Sie haben die einstigen Lieblingsthemen der Magazinmacher – Sex und Jörg Haider – längst überholt (was wohl auch mit dem Älterwerden der Bevölkerung zu tun hat).
Von den anspruchsvollsten Qualitätszeitungen bis zu den eher für Ausgleichsrentnerinnen konzipierten Wochenheften haben heute alle medizinische Seiten. Bei den ganz auflagenstarken Medien wie der „Krone“ bringen diese Seiten – über Produkt- und Wellness-Inserate – dickes Werbe-Geld ein. Bei den anderen bringen sie zumindest Auflage.
Diese beiden Einnahmequellen bestimmen auch meist die Art und Weise der Gesundheitsberichterstattung – lediglich bei den wenigen Qualitätsmedien kommen auch noch Dimensionen wie Wahrheitssuche und Verantwortungsbewusstsein dazu. Ansonsten gelten die Prinzipien des Boulevards: Wo es primär um Inserate geht, werden oft hemmungslos Produkte gepusht. Wo es primär um die Leser geht, werden wiederum deren Bedürfnisse bedient. Und die bestehen vor allem in der Sehnsucht nach Hoffnung. Adjektiva wie „unheilbar“ oder gar „tödlich“ sind daher aus dem Boulevard-Vokabular so gut wie gebannt. Tod und Gefahr kommen meist nur dann vor, wenn sie ungewöhnlich und unheimlich sind: Katastrophen wie der Tsunami oder die globale Erwärmung, die uns ja angeblich einmal alle ins Meer schwemmen wird. Es ist kein Zufall, dass die deutsche „Bild“ und die österreichische „Krone“ heute die engsten Verbündeten von Greenpeace und Co. sind, die ja ständig neue Ängste produzieren. Es ist daher auch kein Zufall, dass Krankheiten wie Aids medial überaus populär sind.
Die wirklichen Massenerkrankungen wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind hingegen viel weniger beliebt. Es sei denn, man kann den Menschen Hoffnungen machen. Dann springt der Boulevard sofort auf.
Aber auch von einem seriösen Journalisten ist nicht zu erwarten, dass er Erfolgsberichten von Ärzten, Forschung oder Pharma-Industrie prinzipiell ablehnend entgegentritt. Auch er muss sich fast täglich in unterschiedlichen Welten bewegen und ist daher in der Regel nicht imstande, wissenschaftlich auftretende Informationen wirklich in vollem Umfang kritisch zu hinterfragen. Journalismus muss überdies immer vereinfachen, der Verständlichkeit und des knappen Platzes wegen. Der Journalist spürt zwar, dass fast keine Fachmeinung unwidersprochen bleibt. Aber er weiß auch: Eine Geschichte, in der zu viele „andererseits“ oder „allerdings“ vorkommen, ist beim Publikum unbeliebt.
Und schon gar nicht darf man von unrühmlich bekannten Boulevard-Schreibern wie denen von „News“ kritisch-distanziertes Abwägen erwarten. Der Boulevard hat nur ein Kriterium: Welchen Spin, welchen Drall muss ich einer Story geben, damit sie beim Publikum ankommt? Alles andere ist unbedeutend.
Was tun? Will etwa ein Arzt wirklich seriös über Chancen UND Risken einer neuen Therapie oder Forschung informieren, dann gibt es nur eines: Hände weg von Boulevard-Medien. Und wenn er diesen absolut nicht entkommt? Dann sollte er nur schriftlich Stellung nehmen, und nur unter der Zusage, dass der ganze Text verwendet wird. Dabei muss man sich freilich auch an die notwendigerweise knappen Längen halten. Auch bei Fernsehinterviews sollte man auf Garantien beharren, dass nicht nur das hoffnunggebende Einerseits, sondern ebenso das relativierende Andererseits auf Sendung kommt.
Freilich: Wer sieht sich nicht selbst gern im Fernsehen oder sein Bild in der Zeitung – und verzichtet deshalb auf solche Bedingungen?
Man kann dann freilich nie dem Vorwurf entkommen, selbst an verzerrten Berichten, an leichtfertig geweckten, aber sachlich unbegründeten Hoffnungen schuld zu sein. Weil man Werbung für eine bestimmte Therapie, für ein bestimmtes Institut – oder für sich selber machen wollte.
* Dr. Andreas Unterberger ist Chefredakteur der „Wiener Zeitung“
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2007





