Finnische Patientenakte
Teufel im technischen Detail
Finnische Ärzte warten mit Ungeduld auf die zentrale Patientendatenbank. Aber nur, wenn auch die technischen Probleme mit der unzuverlässigen Software endlich gelöst werden. Das Thema Datenschutz wird dabei kaum diskutiert.
Von Sigrun Saunderson
Eine Patientenkartei auf Papier ist in Finnland zur Seltenheit geworden. Finnische Ärzte erfassen die Patientendaten bereits zu beinahe 100 Prozent elektronisch. Doch was eine effiziente Arbeitserleichterung sein soll, wird in der Praxis noch oft zur zeitraubenden Mühsal. „Die Technologie ist noch nicht zuverlässig”, weiß Jukka Siukosaari, Leiter des internationalen Büros der finnischen Ärztekammer. Unzuverlässige und zu langsame Software verursacht Systemabstürze, langwierige Eingabeprozeduren stehlen den Ärzten wertvolle Zeit. „Vor 20 Jahren konnte ein Arzt vier Patienten in der Stunde sehen. Heute nur zwei bis drei. Die restliche Zeit verbringen wir mit Tippen. Ich warte durchschnittlich zwei Minuten pro Patient nur darauf, dass der Computer endlich weiterarbeitet”, kritisiert Tinja Lääveri, Vositzende des Komitees für eHealth in der finnischen Ärztekammer.
Und trotzdem unterstützen die finnischen Ärzte die elektronische Datenerfassung. „Ich möchte nicht zum Papier zurückkehren. Das wäre unerträglich”, ist sich Tinja Lääveri sicher. Dazu sollte man wissen, dass in Finnland nur acht Prozent der Ärzte selbstständig praktizieren, die überwiegende Mehrheit steht in staatlicher Anstellung. Für sie ist ein schlecht funktionierendes Computerprogramm zwar ein Ärgernis, für einen freiberuflichen Einzelkämpfer, der pro Behandlung und nicht pro Arbeitsstunde bezahlt wird, wäre es schlicht inakzeptabel.
Viele isolierte Erfassungsprogramme
Die ärztliche Versorgung erfolgt in Finnland vor allem in größeren Gesundheitszentren und Krankenhäusern. Hier läuft die interne Kommunikation schon seit Jahren über Computer ab. Im Normalfall arbeiten jedoch die Systeme der einzelnen Gesundheitseinrichtungen voneinander isoliert und können nicht miteinander kommunizieren. Der behandelnde Arzt sieht also nur jene Einträge, die in der eigenen Gesundheitseinrichtung - in manchen Fällen im eigenen Spitalsbezirk - gemacht wurden. Das vereinfacht zwar schon die Arbeit auf lokaler Ebene – sofern der Computer funktioniert – aber eine vollständige Krankengeschichte auf Knopfdruck ist das eben noch nicht.
Wechselt ein Patient zu einem Arzt in einer anderen Stadt, so kann es vorkommen, dass er seine Befunde doch wieder als Ausdruck auf Papier mitbringen muss. Dazu kommt das mühsame Anfordern von Untersuchungsergebnissen zwischen den verschiedenen Gesundheitseinrichtungen. Per E-Mail dürfen Patientendaten aus Sicherheitsgründen derzeit noch nicht versandt werden. „Es werden immer noch massenweise Faxe zwischen den Spitälern hin- und hergeschickt”, meint Lääveri.
Eine zentrale Patientenakte soll dieses Problem endgültig lösen. Im Jahr 2002 beschloss das Gesundheitsministerium, bis Ende 2007 eine nationale Patientenakte einzurichten. Hier sollen die Gesundheitsdaten aus den einzelnen Spitälern, Gesundheitszentren und Arztpraxen in einer einzigen Datenbank zusammengeführt werden.
Dabei ist nicht geplant, die lokalen Erfassungssysteme durch ein einziges neues Programm zu ersetzen. Stattdessen soll die zukünftige zentrale Datenbank von verschiedenen Systemen aus gefüttert und abgefragt werden können. Um dies zu ermöglichen, haben sich das Gesundheitsministerium, die Krankenkasse und die Gesundheitsdienstleister im Jahr 2004 auf ein einheitliches Code-System und eine einheitliche Strukturierung der Daten geeinigt. Alle Gesundheitsdienstleister verwenden in ihrer Datenerfassung seither dieselben Codes für die jeweiligen Befunde, La-bortests und Untersuchungsergebnisse.
Während bisher die Programme von Softwarespezialisten nahezu im Alleingang erstellt wurden, will die Ärztekammer diesmal schon in der Entwicklungsphase mitreden. Die geplante zentrale Patientendatenbank soll wirklich ärztefreundlich gestaltet werden, dazu müssten auch die existierenden Programme der Gesundheitseinrichtungen verbessert werden. „Die allgemeine Sorge der Ärzte ist, dass sie sich zu sehr auf den Computer konzentrieren müssen und so den Kontakt zum Patienten verlieren”, weiß Jukka Siukosaari. Auch die Tatsache, dass der Patient bei jedem Schritt erneut über die Verwendung seiner Daten informiert werden soll, scheint den Ärzten zu viel bürokratischer Aufwand, der sie von ihrer eigentlichen Tätigkeit abhalten könnte.
Datenschutz – Vertrauenssache
Kommt in der Diskussion um Software-Lösungen und Kommunikationsfluss eigentlich das Gespräch auch manchmal auf das Thema Datenschutz?
„Die Leute hier vertrauen im Allgemeinen den Behörden”, begründet Tinja Lääveri die Unbekümmertheit der Finnen. „Die Daten werden sicher sein. Sonst würde die Regierung das Programm nicht einführen.” Auch Jukka Siukosaari, Leiter des internationalen Büros der finnischen Ärztekammer, steht der geplanten zentralen Patientendatenbank optimistisch gegenüber: „Die meisten Ärzte wünschen sich eine nationale Patientenakte. Wir glauben nicht, dass eine Datenbank automatisch weniger sicher ist, nur weil sie eine große Menge an Daten enthält.” Er räumt aber ein, dass sich Ärzte sehr wohl Gedanken darüber machen, was ihre Patienten von der elektronischen Erfassung ihrer Daten halten. „Das Hauptinteresse der Ärzte ist die Beziehung zum Patienten. Wenn ein Patient Zweifel an der Verwendung seiner Daten hat, dann wird er nicht alles erzählen, und eine Diagnose wird schwierig.”
Unter der finnischen Bevölkerung existiere jedoch ohnehin keine große Angst vor einer zentralen Datenbank, obwohl das Thema Datenschutz nun doch immer wieder in den Medien aufscheine. Die Patienten seien an die elektronische Erfassung ihrer Daten längst gewöhnt. „Zum Teil erwarten sie schon jetzt, dass Ärzte selbstverständlich ihre gesamte Krankengeschichte und sämtliche Laborberichte und Untersuchungsergebnisse auf Knopfdruck parat haben”, so Siukosaari.
Entwicklung ganz nach Plan
Die vorhandenen Daten sind also schon weitgehend vereinheitlicht. Die Software für die zentrale Datenbank soll ab August entwickelt werden, ein Pilotprojekt schon ab dem nächsten Jahr laufen. Ende 2011 soll die nationale Patientenakte dann uneingeschränkt einsatzbereit sein. Die staatliche Sozialversicherungsanstalt KELA wird Verwalterin der Datenbank sein. Markku Kiiski, Leiter des Projektes innerhalb von KELA, erhofft sich von der zentralen Patientenakte ein effizienteres Gesundheitswesen. „Wir hoffen, dass die Patienten eine bessere Versorgung erhalten werden. Die Prozesse werden rascher ablaufen. Und das wird auf längere Sicht auch finanzielle Vorteile bringen.” Er ist sicher, dass die zentrale Patientenakte unnötige Mehrfachuntersuchungen verhindern wird. Konkrete Zahlen dafür gibt es jedoch nicht.
Das Ministerium für Gesundheit und Soziales, verantwortlich für die eHealth-Strategie Finnlands, will aus der zentralen Patientendatenbank vor allem aussagekräftige Gesundheitsstatistiken und epidemiologische Erkenntnisse ziehen. „Auf Basis dieser Zahlen können wir bessere politische Entscheidungen treffen”, ist Pentti Itkonen überzeugt, Leiter der Arbeitsgruppe eHealth innerhalb des Ministeriums.
Haftungsfrage – kein Problem
Generell wird jede Gesundheitseinrichtung für die Richtigkeit ihrer Einträge verantwortlich sein. Bevor der Arzt neue Einträge an die zentrale Datenbank schickt, muss er sie noch einmal überprüfen und signieren. Jeder Gesundheitsdienstleister muss bei der staatlichen Patientenversicherung PVK versichert sein. Sollte also doch ein Fehler passieren und ein Patient durch falsche oder unvollständige Einträge Schaden erleiden, wird wie auch bisher die PVK für allfällige Kompensationen aufkommen.
Pro Jahr bearbeitet die PVK zwischen 7.000 und 8.000 Anträge, bezahlt werden nur rund 30 Prozent davon. Im letzten Jahr betrugen die Entschädigungszahlungen insgesamt 22 Millionen Euro. Reama Palonen, Leiter der Schadensabteilung in der PVK, erwartet nicht, dass sich durch die zentrale Patientenakte daran etwas ändern wird. „Vielleicht wird es sogar weniger Anträge geben, weil die Gesundheitsversorgung besser sein wird.” Die zentrale Patientenakte genießt ganz offensichtlich einen enormen Vertrauensvorschuss. Die nötigen Gesetze sind bereits in Kraft: Ab Juli 2007 sind alle Gesundheitsdienstleister genauso wie alle Patienten verpflichtet, an der nationalen Patientendatenbank teilzunehmen. Die erfassten Daten bleiben Eigentum der jeweiligen Gesundheitseinrichtung, die sie erstellt hat. Der Patient wird Einsicht in seine Akte haben und hat lediglich das Recht, einzelnen Gesundheitsdienstleistern den Zugang zu seinen Daten zu verweigern. Doch erfasst werden die Daten auf jeden Fall. – Aber damit scheinen die Finnen kein Problem zu haben.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2007





