Raubt uns unsere Seele nicht!
So könnte der Hilferuf der Ärzteschaft gegen die gesundheitspolitischen Tendenzen der letzten Jahre lauten. Dabei steht Seele dafür, was den Behandler zum Arzt macht und diesen unverkennbar von den Gesundheitsdienstleistern unterscheidet. Seit Jahrhunderten gehört der Arztberuf weltweit zu den so genannten Professionen, wie bestimmte juridische und theologische Berufe. Diese tradierten Professionen umfassen Berufe mit wissenschaftlich fundiertem Sonderwissen, lang andauernden Ausbildungsgängen auf akademischem Niveau mit staatlicher Lizenz, berufständischen Normen, gesetzlich beschränkten Eigeninteressen, gemeinnützigen Funktionen als Tätigkeitsbereich und Aufgaben von grundlegender Bedeutung, denen Autonomie in der Berufsausübung und Selbstkontrolle durch die eigene Interessenvertretung zugestanden wurden.
Die besondere Herausforderung an die intellektuelle Dienstleistung mit eigener Berufsethik sowie ihre Wichtigkeit für die Gesellschaft wurden vom Gesetzgeber seit jeher mit einer hohen persönlichen und sachlichen Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit ausgezeichnet und von der Bevölkerung mit besonderem Vertrauen und hohem Prestige belohnt.
Der Wunsch nach höchster fachlicher Qualität der intellektuellen Arztleistung wie auch der Dienst an der Gesellschaft sind nach wie vor eine starke Motivation zum Medizinstudium und eine wesentliche Triebfeder im ärztlichen Tun. Hehre Ansprüche an sich selbst und an die Aufgabe, die im realen Berufsalltag keine Entsprechung finden. Denn dort bringt die Erfüllung von Verwaltungs- und Budgetvorgaben viel mehr Lob des Arbeitsgebers oder der Sozialversicherung als Wissenschaftlichkeit und Empathie. Ärzte, die geschult wurden, nach medizinischen Notwendigkeiten patientenzentriert zu handeln, sehen sich plötzlich Strukturen gegenüber, die Ökonomie und Wirtschaftlichkeit den Bemühungen um Gesundheit und Menschenleben vorziehen und die den Einsatz von Ressourcen wie in Industriebetrieben organisieren, rationalisieren und rationieren.
Verschwunden sind plötzlich die erwartet sachlichen Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheiten der Ärzte und ersetzt durch Qualitätsvorgaben eines medizinfernen Managements. Verdrängt von Qualitätsnormen, implementiert von Menschen, die glauben, intellektuelle Leistungen mit Instrumenten, die sich als taugliche Mittel in Produktion und Dienstleistung erwiesen hatten, messen zu können. Experten aus Berufsgruppen, die es selbst nie zum Status einer Profession geschafft haben, definieren kaltschnäuzig Standards, denen sich die Ärzte zu unterwerfen hätten. Dabei übersehen sie nicht nur, dass ihre Mittel zur Messung geistig-ethischer Leistungen – eben des Produktes ärztlicher Tätigkeit – nicht taugen, sondern dass sie selbst gleichzeitig mit ihrem Administrations- und Dokumentationswahn, verbunden mit haftungsrechtlichen Drohungen die Erbringung intellektueller Leistungen behindern, wenn nicht gar verunmöglichen. Die, die ständig Effizienz fordern, zwingen hoch motivierte und top ausgebildete Ärztinnen und Ärzte an den Schreibtisch, um ihre Arbeitszeit und Energie mit Dingen zu vergeuden, deren Sinnhaftigkeit oft gänzlich angezweifelt werden darf oder die ohne weiteres auch von geringer Qualifizierten erledigt werden könnten. Dabei wäre es aber gerade die Autonomie der Berufsausübung mit Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit auf Basis höchsten Sachwissens, getragen von Verantwortung für das salus aegroti, die den Wert der geistig-ethischen Arztleistung und die Seele unseres Berufs ausmacht. Und dieser Seele wird unser Beruf systematisch beraubt. So gesehen sind die Planer von ELGA nicht nur technisch sondern auch semantisch am Puls der Zeit, wenn sie in ihren Konzepten die Ärzte penetrant unter die GDAs, die Gesundheitsdiensteanbieter, subsummieren.
Dr. Artur Wechselberger
1. Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2007





