Testosteron unter Kontrolle
Urologie im Brennpunkt
Internationale Experten berichteten bei einem Urologie Forum über die neuesten Erkenntnisse zur Therapie des Prostatakarzinoms und der Harninkontinenz.
Von Nani Kail
Professor Bertrand Tombal von der Universitätsklinik Saint Luc in Belgien erläuterte dabei die Wichtigkeit der optimalen Kontrolle des Testosterons durch LHRH-Agonisten im Vergleich zur Kastration. Die bilaterale Orchidektomie galt jahrelang als Goldstandard der Kastration.
Tombal sieht viele Vorteile in der Anwendung der neueren LHRH-Agonisten: „LHRH Agonisten wie Leuprorelin verursachen weniger psychologischen Stress bei den Patienten.“ Tombal präsentierte eine amerikanische Studie, in der von insgesamt 147 befragten Patienten mit unbehandeltem Prostatakarzinom 115 Personen (78 Prozent) die primäre Behandlung mit LHRH-Agonisten einer Kastration bevorzugten. Die Tatsache, dass die Verabreichung der LHRH-Agonisten regelmäßige Arztbesuche voraussetzt, wurden von den Patienten hingegen negativ bewertet. Mit der speziellen Atrigel-Formulierung von Eligard® (leuprorelin acetate) wurde nun ein Präparat entwickelt, das nur noch halbjährlich subcutan injiziert werden muss und dabei gleich niedrige Testosteronspiegel wie die chirurgische Kastration erzielt. Tombal räumte allerdings auch ein, dass gewisse Nebenwirkungen wie zum Beispiel sogenannte „hot flushes“ und Ödeme unter der Therapie mit LHRH-Agonisten häufiger auftreten als im Anschluss an eine Kastration (siehe Tabelle).
Maximale Androgenblockade
Trotz der guten subjektiven und objektiven Ansprechraten auf einen einfachen Androgenentzug zeigen die meisten Patienten mit metastasiertem Prostatakarzinom bereits nach kurzer Zeit wieder eine Krankheitsverschlechterung. Univ. Prof. Karl Pummer von der Medizinischen Universität Graz erklärte: „Obwohl die Serum-Testosteron-Spiegel bei diesen Patienten mit circa fünf bis zehn Prozent vom Ausgangswert im Kastrationsniveau sind, wurden im Falle einer Progression vergleichsweise hohe intraprostatische DHT-Gewebsspiegel von 25 bis 40 Prozent vom Ausgangswert gemessen. Dieses DHT entsteht höchstwahrscheinlich durch eine intraprostatische Konversion der schwachen adrenalen Sexual-Steroide“. Wenngleich der endgültige Beweis für einen solchen Umwandlungsprozess noch fehlt, kann man laut Pummer aufgrund von Untersuchungen daraus schließen, dass adrenale Androgene zum intraprostatischen DHT beitragen.
Mit zunehmender Lebenserwartung der Bevölkerung hat die Harninkontinenz nicht nur eine neue Charakteristik, sondern auch eine neue Dimension erhalten, wie Univ. Doz. Günter Primus, Leiter der urodynamischen Ambulanz der Univ. Klinik für Urologie in Graz, betonte. „Der Bedeutung dieses Themas wird nach wie vor unzureichend Rechnung getragen. Dafür dürfte in erster Linie verantwortlich sein, dass Mediziner die Inkontinenz nur als hygienisches Problem und nicht als Symptom von Krankheiten sehen, die einer Diagnostik und Therapie sehr gut zugänglich sind“. 15 bis 30 Prozent aller Menschen über 65 Jahren leiden unter Harninkontinenz. In der Altersgruppe zwischen 75 und 80 Jahren sind bereits 40 Prozent betroffen.
Die Symptome der überaktiven Blase, die mit oder ohne Harninkontinenz bestehen kann, sind meist heilbar oder wesentlich zu bessern. Neben den oft unterschätzten Allgemeinmaßnahmen (wie Mobilisation, Reduktion „fördernder“ Medikamente oder Behandlung eines Harnwegsinfekts) stehen heute zahlreiche effektive Medikamente zur Verfügung. Univ. Prof. Christoph Klingler von der Universitätsklinik für Urologie in Wien dazu: „Die Wirksamkeit der verschiedenen Anticholinergika ist in etwa gleich. Die neue Generation der sogenannten M3 Inhibitoren zeichnet sich durch ein gutes Wirkungs- und geringes Nebenwirkungsprofil aus.“ Trizyklische Antidepressiva wie Imipramin stellen eine Alternative bei älteren Patienten dar; auch Östrogene können zur Behandlung der Schleimhautatrophie indiziert sein und zu einer subjektiven Verbesserung führen. Dauerkatheter sind laut Klingler als Dauerlösung nur als ultima ratio zu empfehlen. „Eine gute Alternative stellt der intermittierende Einmalkatheter dar. Operative Methoden wie die Sakrale S3-Neuromodulation bleiben schweren oder therapierefraktären Inkontinenzformen vorbehalten“.
> Vergleich der Nebenwirkungen: LHRH-Agonisten versus Kastration
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 / 15.08.2007





