Mobilfunkstrahlen
Leben im Feldversuch
In puncto Strahlenbelastung durch Handys ist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Allerdings sollte schon jetzt der Umgang mit dem Handy sehr selektiv erfolgen; dies gilt besonders bei Kindern, wie Experten bei einer Veranstaltung der Wiener Ärztekammer betonten. Von Christina M. Eder
Aus unserem Alltag ist es kaum noch wegzudenken: das Handy. Allerdings werden zunehmend gesundheitliche Beschwerden mit der Belastung durch Mobilfunkstrahlen in Zusammenhang gebracht; ebenso auch allfällige Langzeitfolgen. Mit diesen und anderen Fragen befasste sich eine von der Ärztekammer Wien veranstaltete Podiumsdiskussion im Wiener RadioKulturhaus unter dem Motto „Telefonieren mit dem Handy: Wie gefährlich sind Mobilfunkstrahlen?“
Strahlung wirkt gentoxisch
In vitro-Versuche in Zellkulturen haben gezeigt, dass hochfrequente, elektromagnetische Strahlung wie Mikrowellen- und Mobilfunkstrahlung Brüche in Zellkernen auslösen kann, erklärte der Referent für Umweltmedizin in der Österreichischen Ärztekammer, Gerd Oberfeld. „Solche Untersuchungen zeigen, dass Hochfrequenzstrahlung gentoxisch wirkt“. Auch in vivo konnten DNA-Einzelstrang- und Doppelstrangbrüche aufgrund von Hochfrequenzbestrahlung nachgewiesen werden. In Versuchen mit Ratten konnten Strangbrüche durch die Gabe von Melatonin verhindert werden. In Versuchen kam es bei transgenen Mäusen, die für 18 Monate hindurch zweimal täglich 30 Minuten GSM-Strahlung ausgesetzt wurden, zu einer 2,4fach erhöhten Lymphomrate.
Kürzlich wurden Ergebnisse einer schwedischen Beobachtungsstudie publiziert. In der Zeit zwischen 1997 und 2005 wurden 907 Fälle von bösartigen Gehirntumoren diagnostiziert; parallel dazu wurden 2.162 Kontrollpersonen erfasst und beide Gruppen auf einen Zusammenhang mit der Nutzung der mobilen Telekommunikation (Mobil- und Schnurlostelefone) untersucht. Oberfeld dazu: „Die Statistik zeigte dabei eine relevante Expositions-Wirkungsbeziehung. Nach zehn Jahren Handynutzung hat sich das Tumor-Risiko verdreifacht. Das sind Ergebnisse, die unbedingt Ernst genommen werden müssen“. Im Vergleich zur Belastung durch feldintensive Kurzzeitexposition – also etwa während des Telefonierens – wurde auch die Belastung durch feldschwache Langzeitexposition (Sendeanlagen) untersucht. Eine französische Studie untersuchte den Anstieg von 16 Beschwerdebildern (Müdigkeit, Reizbarkeit, Kopfschmerz, Konzentrationsstörungen usw.) je nach der Entfernung vom Sendebereich. Alle der untersuchten Beschwerden fanden sich häufiger in sehr geringer Entfernung (unter zehn Meter), aber auch in einer Entfernung von 50 bis 100 Meter, was genau dem Bereich entspricht, in dem diese elektromagnetischen Strahlen aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften im städtischen Bereich auf Gebäude treffen. „In Spanien haben wir die Belastung durch Strahlung im Schlafraum gemessen und die geschätzte Entfernung von Sendestationen erfragt, um auch eventuelle Befürchtungen der Menschen im Ergebnis zu berücksichtigen“, erklärt Oberfeld. Es zeigte sich eine zehnfach erhöhte Wahrscheinlichkeit für Schlafstörungen, die bei höherer Belastung immer weiter anstieg; ähnliche Ergebnisse ergaben die Auswertungen für die Items Müdigkeit und Depression. Allerdings muss bei all diesen Studien zwei wichtigen Aspekten Beachtung geschenkt werden: Für diese Untersuchungen melden sich eher Menschen, die einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlen und gesundheitlicher Beeinträchtigung erwarten. „Das heißt, dass diese Ergebnisse selektioniert sind und sich nicht 1:1 auf die Allgemeinbevölkerung umlegen lassen, jedoch auch Zusammenhänge früher erkannt werden können“, betont Oberfeld.
Angesichts der zahllosen Untersuchungen zum Thema bezeichnete es DI Uwe Möbius von der Forschungsgemeinschaft Funk e. V. in Bonn als „problematisch, dass die Wissenschaft keinen Unbedenklichkeitsbeweis antreten kann“. Es gäbe ein weltweit gespanntes Netz, dass sich mit dem Thema auseinandersetze. Allerdings „hat man bahnbrechende Beweise bisher weder in die eine noch in die andere Richtung gefunden“. Was man laut dem Experten prinzipiell nicht nachweisen kann: den Nicht-Effekt. Auch die WHO berufe sich vorerst nur auf Expertenbewertungen mit der Kernaussage, dass ‚unterhalb der Grenzwerte keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit angenommen werden müssen’. Möbius: „Wenn es Effekte geben würde, müssen diese recht gering sein. Sonst wären sie bei dem Forschungsaufwand in den letzten Jahrzehnten längst bewiesen worden“.
Mehr als 10.000 Studien gäbe es zu diesem Thema, wie der Referent für Umweltmedizin der Wiener Ärztekammer, Erik Huber, betonte. „Aber die meisten behandeln messtechnische Probleme oder andere Frequenzen. Es gibt nur wenig gute Studien, die gesundheitsrelevante Themen behandeln“. Wenn bisherige Studien allerdings insgesamt „begründete Zweifel“ (Huber) an der Unbedenklichkeit aufkommen lassen, sei dies jedenfalls Grund genug für eine Warnung. „Das Ganze ist ein riesiger Feldversuch. Wir verbreiten zuerst eine Technologie und schauen, was dabei herauskommt“, so Huber. An die Industrie richtete er die Forderung, vermehrt Forschungsmittel bereit zu stellen, um die Auswirkungen von Handystrahlen auf den Menschen erforschen zu können.
Der Experte kritisierte, dass Kinder mittlerweile die Hauptzielgruppe der Telekomindustrie darstellten. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen müsse jedoch absolute Priorität haben. Huber forderte in diesem Zusammenhang auch die Kennzeichnung von Handys mit SAR-Werten sowie die Beilage der von der Ärztekammer herausgegebenen Leitlinien „Zehn medizinische Handyregeln“ beim Verkauf eines Handys. Auch Wolfgang Ecker vom Gesundheitsministerium empfiehlt: „Handys sollten speziell von Kindern nicht als Spielzeug, sondern als modernes Kommunikationsmittel gesehen werden“. Des Weiteren habe das Gesundheitsministerium im Dezember des Vorjahres klare Empfehlungen zum vernünftigen Umgang mit Mobiltelefonen ausgesprochen. Ebenso gäbe es auch Empfehlungen des Obersten Sanitätsrates, die eine Minimierung der Exposition bei der Standortwahl von Mobilfunksendeanlagen vorsehen.
Heftige Kritik an den von der Ärztekammer erstellten Leitlinien übte Univ. Prof. DI Ernst Bonek von der TU Wien: „Das Plakat strotzt nur so vor technischem Unsinn“. Was Huber zu folgender Replik veranlasste: „Auch der Oberste Sanitätsrat hat sich bereits in vielen Punkten den Warnungen der Ärztekammer angeschlossen“. So schlecht könne also die Linie der Ärztekammer nicht sein.





