Logo Aerzteverlagszeitung
ArchivÖÄZ 6 - 25.03.2007

Interview Univ. Prof. Elmar Joura


HPV-Impfung schützt auch vor Vulvakarzinom

 


Neueste Studien haben ergeben, dass die HPV-Impfung nicht nur gegen Veränderungen am Gebärmutterhals, sondern zu 100 Prozent die Entstehung von HPV-assoziierten Vulvakarzinomen verhindert. Diese Daten präsentierte Univ. Prof. Elmar Joura vom AKH Wien beim 16. Österreichischen Impftag in Salzburg, wie er im Gespräch mit
Nani Kail  erklärt.


ÖÄZ: Welche Neuigkeiten bezüglich der HPV-Impfung gibt es?


Joura:
Anhand neuester Studiendaten konnte nachgewiesen werden, dass die derzeit am Markt befindliche HPV-Impfung nicht nur gegen Veränderungen am Gebärmutterhals, sondern auch zu 100 Prozent bei der Vorbeugung gegen Oberflächenkarzinome sowie HPV 16 und HPV 18 assoziierte Karzinome an der Vulva hilft. Diese ganz neuen Daten mit dreijährigem Follow-up führen zu einer ganz wichtigen Erweiterung der Indikation. Die Studie ist weltweit mit etwa 20.000 Patientinnen gelaufen. Die Abteilung für Frauenheilkunde am Wiener AKH war im Rahmen der Studie das wichtigste europäische Zentrum.


Ist die Bevölkerung ausreichend über HPV informiert?


Das Bewusstsein bezüglich der Papillomavirus-Infektio-nen ändert sich jetzt relativ rasch. Vor einigen Jahren sind noch die meisten Frauen, bei denen eine Veränderung im Abstrich diagnostiziert wurde, aus allen Wolken gefallen, wenn man ihnen erklärt hat, dass ihre Erkrankung durch Papillomaviren bedingt ist. Heute hingegen wissen neun von zehn Frauen, dass für ihre Erkrankung ein Virus verantwortlich ist. Mir ist bewusst, dass die Patientinnen, mit denen ich zu tun habe, wahrscheinlich nicht ganz dem Durchschnitt der Bevölkerung entsprechen, weil sie sich durch ihre bereits bestehende Erkrankung sicherlich schon weiter informiert haben. Aber klar ist, dass sich in den letzten drei Jahren viel verändert hat, und die Patientinnen heute relativ detaillierte Aufklärungen über die Infektion wünschen.


Wann und wer soll überhaupt geimpft werden?


Der Impfstoff wird für alle Mädchen und Frauen im Alter von neun bis 26 Jahren empfohlen. Je früher man impft, umso besser. Ziel ist es, den Krebsvorstufen, die meistens im dritten und vierten Lebensjahrzehnt auftreten, und auch den Condylomen, die ihren Altersgipfel zwischen 20 und 25 Jahren haben, zuvorzukommen. Allerdings werden mit Ende dieses Jahres weitere Studien ausgewertet. Ab diesem Zeitpunkt ist mit einer Erweiterung der Zulassung bis 45 Jahre zu rechnen. Grundsätzlich sollten zukünftig sowohl die Mädchen als auch die Burschen geimpft werden.


Gibt es nach einer Infektion eine dauerhafte Immunität?


Durch eine Infektion entsteht keine ausreichende Immunität. Die Papillomaviren erzeugen im Körper zwar Antikörper. Allerdings ist deren Bildung so gering, dass man nicht von einer dauerhaften Immunität sprechen kann. Die Viren schlummern im Epithel und präsentieren dem Immunsystem anscheinend zuwenig Antigene, damit eine effiziente Antikörperbildung stattfinden kann. Durch eine natürliche Infektion besteht daher kein Schutz vor einer nachfolgenden Infektion.


Wird die Impfung daher auch für bereits infizierte Frauen empfohlen?


Ja. Auch Frauen, die eine Infektion hinter sich haben, sollten mit dem Vierfachimpfstoff immunisiert werden, denn die Impfung schützt vor Reinfektionen. Das Virus, das sich aber bereits im Körper der Frau befindet, wird durch die Immunisierung nicht beeinflusst. Wichtig ist, dass eine HPV-Testung nicht notwendig ist. Sie treibt nicht nur die Kosten in die Höhe, sondern führt auch zu Verunsicherung. Die HPV-Testung ist in diesen Fällen geradezu kontraproduktiv.
Würden Sie persönlich auch Patientinnen über 26 Jahre impfen oder ist das gesetzlich gar nicht möglich?
Eine solche Impfung ist schon möglich, allerdings als ‚Off-Label-Use’. Auch Kinderärzte verwenden viel ‚off-label’, weil in einigen medizinischen Bereichen eine Zulassung für Kinder nicht dezidiert vorliegt. Ich halte es so, dass ich die Patientinnen über die Zulassungsbestimmungen aufkläre und den Wunsch der Betroffenen nach einer Impfung genau dokumentiere. Auf diese Art und Weise kommt man auch mit dem Gesetz nicht in Konflikt.


Wer darf keinesfalls geimpft werden?


Ein Ausschlusskriterium wären beispielsweise allfällige Allergien. Bislang sind jedoch noch keine Allergien gegen den HPV-Impfstoff nachgewiesen worden. Daher ist dieses Kriterium als rein theoretisch zu betrachten. Schwangere sind auch von der Zulassung ausgenommen. In unserer Studie jedenfalls sind ein paar Hundert Frauen schwanger geworden. Der Impfstoff hat diesen Schwangeren und auch den Kindern absolut nicht geschadet. Daher lautet die allgemeine Empfehlung, nicht in der Schwangerschaft zu impfen. Wenn eine Frau während eines bereits begonnenen Impfzyklus schwanger wird, sollte man die nächste Impfung erst nach der Geburt durchführen. In der Stillperiode jedoch darf geimpft werden.


Der Impfstoff ist nach wie vor sehr teuer. Erwarten Sie in naher Zukunft eine Preissenkung?


Der Preis ist mittlerweile schon von anfänglich 208 auf derzeit 155 Euro gesenkt worden. Ich glaube allerdings, dass dieser Preis vorerst so bleiben wird. Eine dramatische Preissenkung wird wahrscheinlich erst im Rahmen eines öffentlich finanzierten Impfprogrammes erfolgen. Wenn die öffentliche Hand mit der Firma direkt über eine sehr hohe Stückzahl den Preis verhandeln kann, wird dieser sicherlich deutlich geringer ausfallen als der jetzige Einzelstückpreis in der Apotheke.


Ist es realistisch, dass die öffentliche Hand die Kosten übernehmen wird?


In Italien und Griechenland ist heute bereits festgelegt, dass die HPV-Impfung für alle zwölfjährigen Mädchen bezahlt wird. Bei uns in Österreich sind da sicherlich noch sehr viele Gespräche auf allen Ebenen notwendig, um zu einer solchen Entscheidung zu kommen. Aber es muss auf jeden Fall das langfristige Ziel sein, eine breite Durchimpfung bei den jungen Mädchen und Burschen zu erreichen.


Wie unterscheidet sich der neue Impfstoff vom aktuellen?


Die jetzige Impfung schützt vor den vier wichtigsten Stämmen, nämlich sowohl vor den krebserregenden Stämmen 16 und 18 als auch vor den Stämmen 6 und 11, die für mehr als 90 Prozent der Genitalwarzen verantwortlich sind. Die HPV-Vierfachimpfung schützt also einerseits vor Gebärmutterhalskrebs, vor Genitalwarzen und auch vor Oberflächenkarzinomen der Vulva. Der neue Impfstoff wird wahrscheinlich ab kommendem Herbst in Europa erhältlich sein und die Zulassung ist für zehn- bis 55-jährige Mädchen und Frauen geplant. Dieser Impfstoff fokussiert jedoch nur auf Krebs und bietet keinen Schutz vor Feigwarzen. Er schützt nämlich ausschließlich vor den onkogenen Stämmen 16 und 18, die jedoch die Ursache für mehr als 70 Prozent aller Erkrankungen an Gebärmutterhalskrebs sind.


Ist der jetzige Impfstoff damit überholt?


Die beiden Impfstoffe ergänzen einander zukünftig in der Zulassung. Und letztendlich ist es immer gut, wenn man zwischen zwei Dingen wählen kann und nicht nur einen einzigen Impfstoff zur Verfügung hat.


Wenn Sie einen Sohn im entsprechenden Alter hätten, würden Sie ihn auch impfen?


Wir haben nun erstmals die Möglichkeit, uns aktiv vor Krebserkrankungen schützen zu können und wir können unseren Kindern einen optimalen Impfschutz für die Zukunft mitgeben. Ich habe alle meine vier Kinder bereits geimpft.