Logo Aerzteverlagszeitung

Sterbehilfe


Die vielen Facetten eines Problems

Die Diskussion über die Sterbehilfe reißt nicht ab, wie aktuelle Berichte immer wieder zeigen. Wie verhalten sich Ärzte, wenn ein solcher Wunsch an sie herangetragen wird?

Von Eveline Schütz

Seit seinem 27. Lebensjahr litt der Italiener Pergiorgio Welby an Muskel-Dystrophie. Die letzten 30 Jahre seines Lebens konnte er nicht mehr gehen, die letzten zehn Jahre hing er an einer Beatmungsmaschine. Als er letztlich auch noch künstlich ernährt werden musste und nur noch über seine Augen kommunizieren konnte, da stand für den 60-jährigen Piergiorgio Welby fest: Das ist kein Leben mehr. Und er begann mit seiner ganzen, noch vorhandenen Kraft dafür zu kämpfen, ihn sterben zu lassen. Als nach langem Ringen ein Arzt diesem Wunsch nachkam und die Apparate, die Welby am Leben erhielten, abschaltete, war Italien gespalten: in eine konservative Seite, die das Handeln des Arztes Mario Ricci als Totschlag oder Mord verurteilt sehen wollte und in eine liberale, die nur Welbys Recht auf selbstbestimmtes Sterben erfüllt sah.

Ein Salzburger Arzt spritzt einer langjährigen Freundin eine tödliche Dosis Morphium. Die Frau, die über viele Jahre an schweren Depressionen gelitten hatte, habe ihn ausdrücklich darum ersucht, so der Arzt in seiner „Rechtfertigung“. Zuvor habe er alles versucht, der Frau bei der Bewältigung ihrer Depressionen zu helfen. Die tödliche Spritze habe er ihr aus Mitleid gegeben.

15 Jahre lang war die US-Amerikanerin Terri Schiavo im Wachkoma gelegen, in das sie 1990 nach einem Herzstillstand gefallen war. Sieben Jahre lang kämpfte ihr Ehemann Michael darum, dass die künstliche Ernährung seiner Frau eingestellt werde, damit sie endlich sterben könne. Er sei überzeugt – so Michael Schiavo in seinen Anträgen an das Gericht – dass seine Frau so nicht weiter leben hätte wollen. Es war ein Tauziehen mit den Eltern von Teri Schiavo, die mit allen Mitteln darum kämpften, dass man ihre Tochter am Leben ließ. Letztlich entschied das Gericht im Sinne des Ehemannes und Terri starb am 31. März 2005, nachdem ihr 13 Tage zuvor die Magensonde entfernt worden war.

Es hat in den vergangenen Jahren immer wieder Aufsehen erregende Fälle von Sterbehilfe gegeben. Aber Sterbehilfe ist nicht gleich Sterbehilfe – wie diese drei Beispiele deutlich vor Augen führen. Und doch wird in der öffentlichen Diskussion oft zu wenig differenziert. Man muss zwischen aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe unterscheiden, wobei die Grenzen fließend sind. So haben Untersuchungen gezeigt, das ein und dieselbe Akt der Sterbehilfe für einen Juristen Tötung auf Verlangen, für einen Arzt indirekte Sterbehilfe sein kann. Benötigen wir ein Gesetz, das besser regelt, wann aus „Nächstenliebe“ gehandelt wurde und wie weit diese Liebe gehen darf, ohne Schuld auf sich zu laden? Oder benötigen wir ein Gesetz, das ethisches Verhalten bis ins Detail definiert und festschreibt, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen ein Akt der Sterbehilfe sanktioniert oder nicht sanktioniert werden muss?

Die Beendigung des jahrelangen Todeskampfes des Piergiorgio Welby in Italien durch Abschalten der lebenserhaltenden Apparate ist definitionsgemäß ein Fall von direkter Sterbehilfe. Diese ist an sich verboten. In Österreich und vielen anderen Ländern darf jedoch keinem Patienten eine Behandlung, die er nicht will, aufgezwungen werden, sagt Univ. Prof. Johannes Bonelli vom Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik. Im §110 des Österreichischen Strafgesetzbuches ist festgeschrieben, dass eigenmächtige Heilbehandlung verboten ist. Lehnt ein Patient eine Behandlung ab, so haben die Ärzte dem Rechnung zu tragen. Voraussetzung: Der Patient muss zustimmungs- und einsichtsfähig und sich der Konsequenzen bewusst sein. Das Patientenverfügungsrecht, das seit 1. Juli 2006 in Kraft ist, geht in die gleiche Richtung. Die verbindliche Patientenverfügung ermöglicht für den Fall, dass die Selbstbestimmungsmöglichkeit nicht mehr gegeben ist, festzuschreiben, dass  man bestimmte medizinische Behandlungen wie etwa künstliche Beatmung und Ernährung etc. – nicht haben wolle.

Schwieriger ist die Situation, wenn etwa von einem Patienten mit einem apallischen Syndrom keine ausdrückliche Willensbekundung vorliegt, sagt die Anästhesistin und Intensivmedizinerin Univ. Prof. Sylvia Fitzal vom Wiener Wilhelminenspital. Wenn man nicht weiß, ob der Patient künstlich beatmet werden will, etwa bei einer schweren Lungenentzündung. Hier werde man versuchen, im Gespräch mit den Angehörigen den vermutlichen Willen herauszufinden. Fitzal: „Beim leisesten Zweifel am Wunsch des Patienten wird jedoch weiter behandelt“. Es gehöre auch eine hohe moralische und medizinethische Verantwortung dazu, etwa zu entscheiden, wann bei Patienten mit schwersten Schädigungen des Gehirns die Therapie abzubrechen sei. Es müsse jedenfalls, so Fitzal, „eine zu 100 Prozent stichhaltige Begründung geben, dass eine infauste Situation vorliegt.“ 

Direkte Sterbehilfe im Sinn von Tötung auf Verlangen ist in Österreich ebenso wie in den meisten Ländern strikt verboten und mit erheblichen Strafandrohungen belegt. Dass dies durch das Patientenverfügungsgesetz auch nicht aufgeweicht werden sollte, darüber waren sich alle im Parlament vertretenen Parteien bei der Beschlussfassung des Gesetzes einig. Auch die Österreichische Ärztekammer hat sich immer vehement gegen direkte Sterbehilfe ausgesprochen.

Nicht zuletzt mit dem Verweis auf die Grauzonen und darauf, dass das Problem nicht dadurch aus der Welt zu schaffen sei, dass man Euthanasie unter Strafe stellt, wurde in den Niederlanden und in Belgien die Euthanasie unter bestimmten Voraussetzungen straffrei gestellt. Man wollte das Problem kanalisieren und hat die „Lösung“ ausschließlich einer Berufsgruppe – den Ärzten – zugesprochen. Dass gleichzeitig das Strafmaß für illegale Euthanasie (Euthanasie durch Personen, die nicht Ärzte sind) erhöht wurde, ging und geht in der Diskussion oft unter. Die „Verantwortung“ zur Lösung des Problems der Ärzteschaft zuzuschieben, dagegen verwehre man sich, sagt Bonelli, dadurch würde das grundsätzliche Verständnis dessen, was der Auftrag des Arztes sei, stark verschoben. „Der Arzt soll Leben erhalten und nicht umbringen. Diese Art der Hilfe, nämlich Sterbehilfe, haben wir nicht gelernt. Ärzte sind nicht die Spezialisten fürs Töten“.

Ähnlich strikt lehnt der Vorsitzende Bioethik-Kommission, Univ. Prof. Johannes Huber, direkte Sterbehilfe ab. „Warum verlangen denn Menschen, dass man ihrem Leben ein Ende setzen möge?“, fragt der Experte. Nicht etwa, weil sie an unerträglichen Schmerzen zu leiden hätten. Die könnten mit den heutigen Möglichkeiten der Schmerztherapie in den allermeisten Fällen gut in den Griff bekommen werden. Vielmehr sei es die Vereinsamung der Menschen und das Gefühl, den Angehörigen und der Umwelt nur noch Last zu sein, aber auch das Gefühl, dass man sich von ihnen ein sozialverträgliches Sterben erwarte – das lasse alte und kranke Menschen nach Sterbehilfe verlangen. „Wie die bisherigen Erfahrungen in den Niederlande gezeigt haben, wird durch die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet“, ist Huber überzeugt.

So wie in vielen anderen europäischen Ländern ist in Österreich nicht nur die passive indirekte Sterbehilfe sondern auch aktive indirekte Sterbehilfe erlaubt. Lassen nicht auch diese Rahmenbedingungen ausreichend Raum für Missbrauch? Direkte Sterbehilfe per Strafe zu verbieten, indirekte Sterbehilfe jedoch zu gestatten? „Hier geht es um die Linderung des Leidens, auf das jeder Patient ein Recht hat“, betont Fitzal. So sei es nicht nur unter Ärzten sondern auch unter Juristen und Ethikern unumstritten, dass bei schwerstkranken, sterbenden Menschen die Schmerzbekämpfung oberste Priorität habe. Wobei die für schwerste Schmerzzustände eingesetzten Opioide nicht nur einen Lebensverkürzenden sondern durchaus auch einen Lebensverlängernden Effekt haben können. „Nimmt man Patienten ihre Scherzen, verbessert dies ihre Lebensqualität. Dadurch haben sie weniger Angst und Stress, was wiederum die Lebenskraft erhöhe. Letztlich kann das wiederum zu einer Lebensverlängerung beitragen“, erklärt Fitzal. Daher dürfe bei der Diskussion um die zur Schmerzlinderung gegebenen Opioide nicht immer nur die möglicherweise Lebensverkürzende Wirkung dieser Substanzklasse in den Vordergrund gerückt werden. Ähnlich argumentiert auch Bonelli, wenn von den Befürwortern der direkten Sterbehilfe mit dem Vorwurf konfrontiert wird ‚die Ärzte machen es ja sowieso, sie geben Schmerzmittel und dann stirbt der Patient ...“. Bonelli dazu: „Dieser Vorwurf ist unbegründet, zumal man Opiode heute in den meisten Fällen so gut dosieren kann, dass sie nicht zu einem schnelleren Sterben beitragen müssen“.


Aktive, passive, direkte und indirekte Sterbehilfe

Wenn ein todkranker oder dahinsiechender Patient auf eigenen Wunsch (er muss entscheidungsfähig sein und freiwillig darum bitten) vom Arzt getötet wird, liegt aktive direkte Sterbehilfe (= aktive Euthanasie) vor. Unter Euthanasie versteht man immer direkte Sterbehilfe.

Passive direkte Sterbehilfe (= passive Euthanasie) meint die gezielte Tötung eines Menschen durch gezielte Unterlassung von lebensrettenden Maßnahmen.
Wenn man einen hoffnungslos kranken oder dahinsiechenden Patienten durch Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen „sterben lässt“, wird passive indirekte Sterbehilfe geleistet.

Von aktiver indirekter Sterbehilfe spricht man, wenn ein todkranker oder dahinsiechender Patient eine medikamentöse Therapie erhält, die ihn schmerzfrei macht, die aber Lebensverkürzend sein kann.



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 7 / 10.04.2007