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ArchivÖÄZ 11 - 10.06.2009

E-Medikation


Vorrang für die Vision


Seit 3. März 2009 wird getagt. Vertreter des Hauptverbandes, dessen Systempartner, die Ärzte- und Apothekerkammern wollen bis Ende Juni ein von allen Beteiligten „in weiten Bereichen“ akkordiertes Konzept zur Einführung der e-Medikation vorlegen, damit eine Umsetzung noch 2010 erfolgen kann. Von Ruth Mayrhofer

Zur Erinnerung: Medikamente sollen künftig stärker auf Wechselwirkungen und mögliche andere patientenfokussierte Probleme geprüft werden. Damit sollen Verordnungen auf individuelle Verträglichkeit beziehungsweise Unverträglichkeit geprüft werden. Damit dies schnell und unkompliziert vonstatten geht, wird die E-Card zum „Schlüssel“ für diese Anwendung. Denn über die elektronische Gesundheitskarte soll künftig auch die Medikation der Patienten abgerufen werden können. Die verordneten Arzneimittel - so der Plan - sollen zentral in einem Rechenzentrum gespeichert und mit direkter Zugriffsmöglichkeit von Ärzten und Apotheken versehen werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Patienten explizit ihre Zustimmung zur Datenspeicherung erteilen. In einem weiteren Schritt sollen desgleichen die Spitäler an dieses System der Medikamenten-Überprüfung angeschlossen werden. Diese sollen dann bei einer Spitalsaufnahme ebenfalls auf die relevanten Informationen zugreifen können.

Höhere Behandlungsqualität

Mit diesem neuen E-Card-Tool sollen in Folge im Interesse einer Erhöhung der Patientensicherheit Wechselwirkungen oder Doppelmedikationen vermieden, Unverträglichkeiten hintan gehalten, Kontraindikationen rasch festgestellt und ganz allgemein die Behandlungsqualität erhöht werden. Natürlich kommen auch ökonomische Parameter bei diesem Projekt zum Tragen: Doppelverschreibungen genauso wie Arzneimittel-Unverträglichkeiten (letztere durch ihre möglichen Folgen) sind eher Kostentreiber als Kostendämpfer; außerdem soll eine „Erhöhung der Transparenz der Medikamentenverschreibung und Medikamentennutzung“, wie es Hauptverbandschef Hans-Jörg Schelling formulierte, zu weiteren Einsparungen führen.

Nach aktuellen Studien sind Medikationsfehler eine wesentliche Ursache von Behandlungsfehlern. Allein in den USA sind jährlich etwa 770.000 Menschen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen betroffen. Etwa ein Drittel davon werden als „vermeidbar“ angesehen. Schon in den 1990er Jahren löste diese Erkenntnis daher zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der Patientensicherheit aus. Neben nichttechnischen Maßnahmen wie eine Optimierung der ärztlichen Ausbildung oder der Prozesse werden dort besonders rechnerbasierte Medikationssysteme diskutiert. Diese Systeme, welche die elektronische Dokumentation von Verschreibungen unterstützen, werden unter dem Begriff der e-Medikation zusammengefasst. Im Englischen heißt dies CPOE - computerized physician order entry. Bereits sehr einfache Systeme - so haben Studien nachgewiesen - konnten die Medikations-Fehlerrate um 40 Prozent reduzieren. Erweiterte e-Medikation-Systeme - das zeigte schon 1999 eine Forschergruppe im amerikanischen Brigham and Women’s Hospital Boston auf - können diese Rate um 85 Prozent herabsetzen. Voll implementierte CPOE-Systeme sind Untersuchungen zufolge aber nur in fünf Prozent der US-amerikanischen Spitäler vertreten. 2005 schätzte eine Studie aus den USA die potenziellen Einsparungen bei vollständiger Einführung der e-Medikation in einem mittelgroßen Krankenhaus auf eine Million US-Dollar pro Jahr. Dennoch gibt es immer wieder Berichte, dass CPOE-Einführungen am Widerstand der Ärzte scheiterten. „Harte Fakten“, also valide Studien zur Kosteneffizienz, wie sie vielerorts im Zusammenhang mit e-Medikation gefordert werden, liegen allerdings nicht nur in Europa derzeit erst in einem sehr geringen Umfang vor. Hierzulande lässt besonders die angestrebte Transparenz der Verschreibungen bei der Ärzteschaft Bedenken aufkommen, ist die damit verbundene erweiterte Kontrolle durch den Hauptverband bzw. die Kassen nicht sonderlich erwünscht. „Auf den ersten Blick profitieren von e-Medikation-Systemen alle, nur die Ärzte nicht“, sagt Elske Ammenwerth, Vorstand des Instituts für Informatiksysteme des Gesundheitswesens an der Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Technik und Informatik (UMIT) in Hall/Tirol. „Im Sinne der Erhöhung der Patientensicherheit kann man durch diese Vorgangsweisen zweifellos viel erreichen“, meint Ammenwerth, der Nutzen im Sinne einer Qualitätserhöhung und Kostendämpfung liegt auf der Hand.

Widerstand möglich

Allerdings würde dieser Nutzen bei der Ärzteschaft oft nicht oder nur unzureichend erkannt. So käme es in der Klinik genauso wie in der niedergelassenen Praxis zunächst zu subjektiv als unbequem empfundenen Veränderungen in den Dokumentationsusancen sowie in den täglichen Arbeitsabläufen. Auch technische Probleme, wie sie hin und wieder aufträten, würden den Ärzten speziell zu Beginn Zeit und Nerven kosten. Im niedergelassenen Bereich würden die zusätzlichen Kontrollmöglichkeiten der Kassen von Stirnrunzeln bis hin zu offener Ablehnung reichen. In Deutschland, so Ammenwerth, sei deswegen ein e-Rezept-Projekt aufgrund von Widerständen zunächst zurückgestellt worden.

Für Ammenwerth wäre es daher vorrangiges Ziel, „die Ärzte ins Boot zu holen“, umso mehr, als e-Medikation nur ein „weiterer Schritt auf dem durchaus erfolgreichen Weg ist, den Österreich seit 20 Jahren beschreitet“. „Es geht darum, für e-Medication Marketing zu machen“, betont die Expertin in Richtung Hauptverband. „Es muss gelingen, der Ärzteschaft den Nutzen der Systeme zu verdeutlichen. Das kann nur gelingen, wenn die Systeme einfach zu handhaben, nicht fehleranfällig und in die täglichen Praxisabläufe leicht zu integrieren sind“. Desgleichen plädiert sie dafür, die „Vision“ einer möglichst optimalen Patientensicherheit in den Vordergrund zu rücken und andere Aspekte - wie etwa die von vielen nicht erwünschte „gläserne Praxis“ - eingehend zu diskutieren.

Auch für ÖÄK-Präsident Walter Dorner ist es wichtig, dass „die Welt beim Thema e-Medikation nicht neu erfunden werden muss“, wie er in einer Aussendung betonte. Es sei nahe liegend, dass für die e-Medikation keine Zusatz- oder Parallelstrukturen geschaffen würden. Der Nutzung bestehender Strukturen käme besondere Bedeutung zu. „Alles Andere würde das System mit hohen Kosten überfrachten“.

Noch ungeklärt sind nach wie vor jedoch Fragen des Datenzuganges und der Datenabrufbarkeit, also wer Daten einsehen beziehungsweise abrufen darf. Desgleichen vermisst man derzeit auch noch Absicherungsmodelle, die das System vor „Angriffen“ schützen und somit den „gläsernen Patienten“ verhindern können. Auch Kosten-Nutzen-Schätzungen seien wünschenswert, so der ÖÄK-Präsident.

Auf Ende Juni - die Präsentation der Ergebnisse der Diskussionen aller Projektpartner - darf man also gespannt sein. Elske Ammenwerth: „Wenn Österreich es schafft, e-Medikation über die bestehende E-Card abzuwickeln, dann wäre das auch international eine beachtliche Leistung“.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11 / 10.06.2009