ÖÄZ 12 - 25.06.2009Ärztliche Hausapotheken - Apothekengesetz

Hausapotheken


Da waren’s nur mehr … ???



Die Situation ist bekannt: Ärztliche Hausapotheken werden besonders im ländlichen Bereich immer rarer, weil gemäß Apothekengesetz die Distanz zwischen Hausapotheken und öffentlichen Apotheken das Maß aller Dinge in der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung darstellt. Ein Situationsbericht, der durchaus nachdenklich stimmen sollte. Von Ruth Mayrhofer

 

Schauplatz Arzl im Pitztal, Tirol. Spätestens seit der Schirennläufer Benjamin Raich für Österreich erfolgreich als „Blitz von Pitz“ Pokale und Medaillen sammelt, kennt jeder Österreicher dieses Tal. Umgeben von herrlichen Bergen, langgezogen, ein „Schneeloch“. Das Idyll trügt: Der hausapothekenführende Kassenvertragsarzt Ralf Tursky musste mit 19. Feber 2009 seine Hausapotheke wegen der Eröffnung einer neuen öffentlichen Apotheke in Imst zurücklegen. Ausschlaggebend für die Schließung der Hausapotheke: 150 Meter. Anders gesagt: Würde der Arzt seine Ordination um 150 Meter verlegen, würde die gute Versorgungslage aufrecht bleiben. Ein Ansuchen um Bewilligung einer Filialapotheke in Arzl wurde bereits gestellt.


Bürokratie beiseite: Der Wegfall von Tursky‘s Hausapotheke hat in einem so exponierten ländlichen Gebiet ernsthafte „Nebenwirkungen“. So ergibt sich zum Beispiel die Problematik, dass an Wochenenden und Feiertagen für das gesamte Pitztal jeweils nur ein niedergelassener Arzt mit Hausapotheke zum Dienst eingeteilt wird. Die Entfernung von Arzl bis zum Talschluss beträgt immerhin 39 Kilometer. Nachdem Tursky keine Hausapotheke mehr hat, kann dieser im Zuge von Hausbesuchen in den Gemeinden Wenns, Jerzens und St. Leonhard i. Pitztal nur noch jene Arzneimittel mitführen, die für den ärztlichen Notapparat erforderlich sind. Sämtliche von ihm verordneten Medikamente müssen sich die Patienten im weit entfernten Arzl in der Filialapotheke (so sie genehmigt wird) oder am Wochenende beziehungsweise Feiertag sogar in Imst selbst besorgen. Dass damit eine wesentliche Verschlechterung der Versorgungssituation für die Bevölkerung des Pitztales eintritt, und dass eine Filialapotheke so eine Hausapotheke nicht ersetzen kann, liegt auf der Hand.


Rattenschwanz an Konsequenzen


Zudem haben die niedergelassenen Allgemeinmediziner im Pitztal eine Nachtdienst-Regelung getroffen, die vorsieht, dass in der Nacht jeweils ein niedergelassener Arzt des Pitztales (wie an Wochenenden und Feiertagen) Dienst versieht. Auch in diesem Fall stellt sich die Frage, wie die Patienten weiterhin mit den notwendigen Medikamenten versorgt werden können, wenn Tursky den Nachtdienst versieht, weil ja die Bewilligung zur Hausapothekenführung zurückgenommen wurde. Dass die Patienten jetzt in der Nacht die oft weite Fahrt nach Imst in die Apotheke beziehungsweise am darauffolgenden Tag nach Arzl in die Filialapotheke (nochmals: wenn sie bewilligt wird) auf sich nehmen müssen, um zum verordneten - und damit für sie notwendigen - Arzneimittel zu gelangen. Diese Konsequenzen können wohl nicht im Sinne des „Erfinders“ des Apothekengesetzes gewesen sein.


Der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg sagte in einem ÖÄZ-Interview (siehe Seite 22): ... „Ich kann es mir gerade in Tirol durchaus vorstellen, dass Hausapotheken neben den öffentlichen Apotheken bestehen. Gerade in den Tälern ist die Versorgung der Bevölkerung in manchen Fällen sonst schwer möglich...“.


„Es ist Platz für alle da“, lautet auch das Credo der Österreichischen Ärztekammer, und sie meint damit, dass Hausapotheken und öffentliche Apotheken ohne Weiteres nebeneinander auskommen könnten. Diesen Standpunkt teilen die Apotheker leider nicht. Leidtragende dieser Haltung sind - an vorderster Front - die Patienten.  Auch in den anderen Bundesländern im ländlichen Bereich zeigt sich ein ähnliches Bild. In Salzburg ist mittlerweile jede fünfte Hausapotheke vom Zusperren bedroht. In Maria Saal in Kärnten zeichnet sich eine Hausapotheken-Schließung nur deswegen ab, weil die nächste öffentliche Apotheke lediglich weniger als sechs Kilometer von der Arztpraxis entfernt liegt. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen. Neben der Verschlechterung der Versorgung der Bevölkerung ist dabei ebenfalls zu bedenken, dass speziell in Ein-Arzt-Gemeinden rein wirtschaftlich eine Arztpraxis ohne eigene Hausapotheke in Bedrängnis geraten kann.


„Hausapotheken sind ein wesentlicher Baustein auf dem Weg zum ökonomisch sinnvollen Einsatz von Medikamenten“, erklärt Jörg Pruckner, Leiter des Referats für Landmedizin und Hausapotheken. Schließlich käme den Kassen ein Effizienzpotenzial von rund zehn Millionen Euro durch das Direkt-Abgabesystem und die kostengünstige Verschreibweise der Landärzte zugute. Diese verordnen pro Rezept um sieben Prozent weniger Medikamente als der Durchschnitt. Auch die Kosten pro Rezept waren bei den hausapothekenführenden Landärzten in den vergangenen Jahren um 17 Prozent geringer.


Kehren wir kurz ins Pitztal nach Arzl zurück. Wird dort nun ein Medikament gebraucht, muss der Patient im schlimmsten Fall an die 40 Kilometer bis zur nächsten Apotheke zurücklegen. Haben kranke Menschen kein Auto oder keine Angehörigen, die diese Wege erledigen, gerät die Medikamentenbeschaffung unweigerlich zum Problem. Kein Problem hingegen wäre es, wenn der Arzt selbst das benötigte Arzneimittel dem Patienten übergibt und damit für eine schnelle und fachgerechte Versorgung sorgt. Aber man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Situation der Patienten in diesem Fall bei der Gesetzeswerdung leider nicht eingeflossen ist ...

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009


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