ÖÄZ 12 - 25.06.2009Arbeits- und Wirtschaftsmedizin

Arbeits- und WIrtschaftsmedizin


Bunt in Theorie und Praxis


Berufliche Zusatzqualifikationen haben noch niemandem geschadet. Derzeit boomt das weite Feld der Arbeitsmedizin, und auch die relativ neue Disziplin der Wirtschaftsmedizin findet viele Interessenten. Die Theorie ist dabei alles andere als grau, und die Praxis noch bunter.
Von Ruth Mayrhofer  

 

In Österreich muss dem Gesetz nach jedes Unternehmen einen Arbeitsmediziner haben. Dieser beschäftigt sich vorrangig analytisch mit den Mitarbeitern und der Gestaltung ihrer Arbeitsplätze beziehungsweise ihrer unmittelbaren Arbeitsumgebung, also dem Arbeitsumfeld, den Arbeitsmitteln und den Arbeitsstoffen. Ziel ist, Arbeitnehmer vor einer Gefährdung für ihre Gesundheit beziehungsweise ihre Leistungsfähigkeit zu schützen und - vorwiegend in großen Unternehmen - ihnen auch ein Gesundheitsangebot im eigenen Haus zu bieten. Klein- und Mittelbetriebe (also die typische „Wirtschaftslandschaft“ in Österreich) können sich auch von anderer Seite Unterstützung holen, um den gesetzlichen Auflagen zu entsprechen - etwa bei der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA).


Einem „großen Gesundheitszentrum in den eigenen vier (Arbeits-)Wänden“ steht Univ. Prof. Bernhard Schwarz als Leiter des Center of Health and Safety der Unicredit Bank Austria vor. Etwa 200 Euro pro Mitarbeiter und Jahr sind als unterer Richtwert anzusehen. Das erscheint viel Geld, doch ergibt diese Investition für Mitarbeiter und Arbeitgeber gleichermaßen eine Win-Win-Situation. „Wir haben insgesamt 20.000 Patientenkontakte pro Jahr“, erzählt Schwarz aus seiner täglichen arbeitsmedizinischen Praxis. „Für unsere Mitarbeiter ist es angenehm und bequem, direkt am Arbeitsplatz medizinische Betreuung zu finden - vom Blutdruckmessen bis hin zu Physiotherapie, vom Verarzten kleiner Wunden bis hin zu Impfungen oder zum Angebot einer kompletten Vorsorgeuntersuchung“. Dabei unterstützen etwa 30 Mitarbeiter den Arbeitsmediziner im Gesundheitsdienst. Aber auch für den Arbeitgeber „rechnet“ sich die Investition: Zum einen fallen Fehlzeiten vom Arbeitsplatz weg (statistisch rechnet man pro Arztbesuch im Minimum mit 1,5 Stunden Wegzeit), die Motivation und Produktivität der Mitarbeiter steigen an, die Krankenstände nehmen ab. „Wir arbeiten im Dienstleistungssektor. Die Gehälter sind daher hoch. Fehlzeiten und Krankenstände schlagen da rasch zu Buche. „Man kann davon ausgehen, dass alleine pro vermiedenem Krankenstandstag etwa 300 Euro gewonnen werden“, erklärt der Arzt, der auch am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien tätig ist. „Und Krankenstandstage sind nur die Spitze des Eisberges an krankheitsbedingten Produktivitätsverlusten“. Schwarz weiter: „Zudem haben Studien aus den USA gezeigt, dass jeder von Unternehmen in Gesundheitsleistungen investierte Dollar sieben Mal retour kommt“. Allerdings: Für Europa, so glaubt Schwarz, könnte wegen der völlig anderen Strukturen im Gesundheitswesen diese „Rechnung“ nicht so hoch ausfallen. Der Nutzen für die Mitarbeiter UND den Arbeitgeber sei dennoch sehr deutlich auf der Positiv-Seite und damit unbestritten.


„Imagefaktoren“ Gesundheit und Zuwendung


Und noch zwei Faktoren, die immer wichtiger werden, führt Schwarz ins Treffen: Erstens können Unternehmen, die sich „Gesundheitsstrukturen“ leisten, Servicebereitschaft, soziale Kompetenz und soziale Verantwortung ihren Mitarbeitern gegenüber glaubhaft vermitteln, ein Punkt, der (zum Beispiel mit Gesundheitszentren) besonders bei hoch qualifizierten Arbeitskräften schon auch einmal den Ausschlag geben kann, wenn sie zwischen zwei annähernd gleichwertigen Jobangeboten entscheiden müssen. Und: auch das Signal „Ich als Arbeitgeber kümmere mich nicht nur um das Geschäft, sondern auch um menschliche Zuwendung“ würde für Mitarbeiter immer wichtiger und letztlich auch für den Betrieb eine Imagefrage.


Kleine Betriebe brauchen mehr Bewusstsein


Im Gegensatz zu großen Unternehmen tun sich kleinere da schon schwerer. Besonders im nieder qualifizierten beziehungsweise Niedriglohn-Bereich fiele die Vorschrift, sich eines Arbeitsmediziners zu bedienen, noch häufig unter die Kategorie „lästig“. Schwarz plädiert daher für Schulungen in diesem Unternehmenssegment, um deren Bewusstsein und Verständnis für betriebliche Gesundheit und Gesundheitsförderung zu schärfen. „Da darf man nicht nachlassen“, meint der Arzt, „diesen Weg muss man permanent beschreiten, auch wenn es manchmal mühsam ist“.


Neuer Lehrgang startet im Herbst 2009


Ist das Gebiet Arbeitsmedizin auch schon seit Jahren existent, müssen sich nicht nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern auch Betriebsärzte auf die sich stetig verändernden modernen Anforderungen im Berufsleben einstellen, betont Schwarz. Daher ist es kein Wunder, dass Ärzte an Lehrgängen in Arbeits- und Wirtschaftsmedizin als Zusatzqualifikation durchaus Geschmack finden. So bietet zum Beispiel die Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin (AAm) ab Herbst 2009 in Kooperation mit der Donau-Universität in Krems einen Masterlehrgang in „Arbeits- und Wirtschaftsmedizin“ an, der Ärzte auf eine präventivmedizinische Tätigkeit in der Wirtschaft vorbereiten soll. Das Curriculum bietet einen fächerübergreifenden Ansatz und verbindet Elemente aus Medizin, Psychologie und Unternehmensführung zu einem ganzheitlichen Konzept. Ergänzend zu diesen Kerndisziplinen werden weitere Kompetenzen aus den Fächern Ethik, Recht und Volkswirtschaft vermittelt.


Der Lehrgang verbindete e-learning-Module und Anwesenheitsmodule. Insgesamt besteht er aus zwei Teilen: dem Basisteil Arbeitsmedizin (360 Unterrichtseinheiten, von denen 200 in persönlicher Anwesenheit besucht werden müssen) und dem Aufbauteil Wirtschaftsmedizin (390 Unterrichtseinheiten, davon ebenfalls 200 mit persönlicher Anwesenheit). Unterrichtet wird von einem ebenso interdisziplinären Lektor-Kollegium. Der insgesamt viersemestrige Lehrgang schließt nach Master-Thesis und Abschlussprüfung mit dem Grad „Master of Science“ ab und kostet insgesamt 15.040 Euro.



Tipp: www.aam.at

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009

 

 

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