Ärztinnentag
Medizin wird weiblich
Frauen spielen in der heimischen Ärzteschaft eine immer wichtigere Rolle, bei der jüngeren Generation stellen sie bereits die Mehrheit. Das soll sich jetzt auch auf die Karrierechancen auswirken. Von Kurt Markaritzer
ÖÄK-Präsident Walter Dorner sprach es beim 11. Wiener Ärztinnentag konkret an: „Die Medizin und die ärztliche Tätigkeit in unserem Land wird zusehends weiblich dominiert. 67 Prozent der Absolventen an den Medizinischen Universitäten sind Frauen. Diese Entwicklung muss auf allen Ebenen des Gesundheitswesens berücksichtigt werden.“ Derzeit hätten viele Ärztinnen in ihrem Berufsalltag noch mit „versteckten Fouls“ zu kämpfen, meinte Dorner. Die Doppelrolle als Ärztin und Mutter sei für die Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen eine erhebliche Belastung. Kinderbetreuungsstellen in Spitälern, die anderswo eingerichtet seien, gäbe es hierzulande so gut wie nicht, Arbeitszeitmodelle, welche ärztliche Tätigkeit und Mutterschaft möglichst vereinbar machen, müssten ausgearbeitet und umgesetzt werden.
Bei der Schaffung von frauenfreundlicheren Bedingungen in den ärztlichen Berufen wurden mittlerweile allerdings Fortschritte erzielt. So berichtete Dorner von einem Übereinkommen, wonach Frauen bei der Bewerbung um Kassenverträge – etwa für eine Gynäkologenstelle – unter bestimmten Voraussetzungen zehn Prozent der Punkte zusätzlich gut geschrieben werden, um ihre Erfolgsaussichten zu verbessern: „Das ist ein kleiner Ausgleich für die strukturellen Benachteiligungen, mit denen Frauen in unserem Beruf nach wie vor zu kämpfen haben.“ Der Ärztekammerpräsident betonte, er sei auch in „guten Gesprächen“ mit Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek, um weitere Verbesserungen zu erreichen.
Die Aussagen des Kammerpräsidenten wurden von den Teilnehmerinnen am Ärztinnentag mit Beifall bedacht – eine Anerkennung, die dem Spitzenfunktionär nicht fremd ist, wie Melitta Bohn-Rieder, die Organisatorin der Veranstaltung, mit einem Lächeln anmerkte: „Präs. Dorner war kürzlich zu Gast bei einer europäischen Ärztinnentagung und hat sich dort als einziger Mann unter lauter Frauen hervorragend behauptet …“. Bohn-Rieder, die Leiterin des Zentrums für Allgemeinmedizin der Wiener Ärztekammer, konstatierte, es habe in letzter Zeit eine Reihe von Verbesserungen für Frauen im ärztlichen Beruf gegeben. Zwar wäre auf diesem Sektor noch immer viel Nachholarbeit zu leisten, doch sei es mittlerweile nicht mehr vordinglich, sich schwerpunktmäßig mit „Gender-Themen“ zu befassen.
Dementsprechend setzten die Ärztinnen bei ihrer heurigen Veranstaltung einen Schwerpunkt, der auch für ihre männlichen Kollegen von Bedeutung ist: die intra- und extramurale Kommunikation, also das Zusammenwirken von niedergelassenen Ärzten und Spitälern. Ein Bereich, zu dem Dorner meint: „Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass viele Schwierigkeiten unserer täglichen Arbeit mit der Problemzone des Übergangs zwischen Spitalsbehandlung und Betreuung durch die niedergelassene Ärzteschaft zu tun haben.“ Die Vorschläge der Ärztekammer dazu sind, so Dorner, bekannt: Sie will einen Ausbau der Gruppenpraxen, die Einrichtung von modernen Ärztezentren mit patientenfreundlichen Öffnungszeiten. Diese Zentren dürften aber nicht der Verantwortung von Finanzinvestoren unterliegen, sondern dürften ausschließlich unter Führung der Ärzteschaft stehen. Bohn-Rieder schlug als eine rasch umsetzbare Maßnahme einen Austausch gegenseitiger Erfahrung zwischen den verschiedenen Ärztegruppen vor: „Ein niedergelassener Arzt sollte Nachtdienst in einem Spital machen, im Gegenzug versieht ein Spitalsarzt einmal Dienst in der Ordination – das Verständnis füreinander würde entscheidend zunehmen!“
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009




