ÖÄZ 12 - 25.06.2009Interview zu Gestzeslage, Administration und Reformen - Bernhard Tilg

Interview - Landesrat Bernhard Tilg


Vieles in Schwebe in Tirol



Der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg analysiert im Gespräch mit Ruth Mayrhofer veraltete Gesetze, überlegt zeitgemäße Strategien, und erklärt, warum in den USA nach der Clinton- nun auch die Obama-Administration mit einer Gesundheitsreform scheitern könnte.   

 

ÖÄZ: Sie sind seit 1.7.2008 Mitglied der Tiroler Landesregierung. Davor waren Sie zuletzt vier Jahre lang Rektor der Privatuniversität UMIT in Innsbruck. Was hat Sie bewogen, den „Kurswechsel“ von der Wissenschaft in die Politik zu vollziehen?
Tilg: Als Rektor und Geschäftsführer der UMIT habe ich mich in den letzten Jahren intensiv mit den Themen Standortentwicklung, Forschung & Entwicklung und Ausbildung in den Themen Gesundheit, Life Sciences und Technologie beschäftigt. Dabei hat UMIT maßgeblich dazu beigetragen, dass am Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Tirol neue Studien, Kompetenzzentren und innovative Arbeitsplätze entstanden sind. Als Experte für Gesundheit, Wissenschaft und Technologie hat es mich sehr gefreut, dass Landeshauptmann Günther Platter auf meine Expertise in der Zusammenstellung seines Teams gesetzt hat. Es macht mir heute große Freude, in dieser verantwortungsvollen Position als Landesrat für Gesundheit, Wissenschaft und Verkehr für unser Land Tirol und für die Tirolerinnen und Tiroler tätig sein zu dürfen.


In Tirol zeichnet sich – genauso wie in anderen Bundesländern – ein „Hausapotheken-Sterben“ aufgrund der aktuellen Gesetzeslage ab. Wie stehen Sie dazu, dass speziell ältere Menschen, Personen ohne Auto etc. dadurch oft weitere Wege als bisher für ihre Arzneimittelversorgung auf sich nehmen müssen?
Prinzipiell ist mir natürlich die bestmögliche Versorgung der Tiroler Bevölkerung ein Anliegen. Wie Sie schon richtig festgestellt haben, legt das Apothekengesetz fest, dass Bewilligungen für Hausapotheken zurückzunehmen sind, wenn in einem Umkreis von vier Kilometern eine neue öffentliche Apotheke aufmacht. Durch diese Regelung kann es dazu kommen, dass für Patienten, die in der Nähe von einem Arzt mit Hausapotheke gewohnt haben, die Versorgung mit Medikamenten schlechter wird, da sie weitere Wege in Kauf nehmen müssen. Das ist natürlich für die betroffene Person ein Problem. Auf der anderen Seite wird für die Bevölkerung im Umkreis der neu errichteten öffentlichen Apotheke die Versorgung mit Medikamenten unter Umständen besser werden. Es gibt hier also Pro’s und Kontra’s, die in der Argumentation es zu bedenken gilt.


Wäre in Tirol nicht Platz genug für beide Versorger - Apotheken und ärztliche Hausapotheken - da?
Das kommt sicher auf den Einzelfall an. Ich kann es mir gerade in Tirol durchaus vorstellen, dass Hausapotheken neben den öffentlichen Apotheken bestehen. Gerade in den Tälern ist die Versorgung der Bevölkerung in manchen Fällen sonst schwer möglich. Allerdings ist – wie überall im Gesundheitswesen – niemandem damit gedient, wenn parallele Strukturen entstehen, die der Bevölkerung keinen Mehrwert bringen, der öffentlichen Hand aber wesentlich mehr kosten.


Nicht nur die ärztlichen Hausapotheken, sondern auch die Sprengelärzte drohen in Tirol bald „auszugehen“, weil sich Allgemeinmediziner wegen der Arbeitsbedingungen (24-Stunden-Bereitschaft 365 Tage im Jahr, Anm.) nicht mehr dafür bewerben. Welche Maßnahmen wollen Sie setzen, um diese Situation zu verbessern?
Die Situation bei den Sprengelärzten ist in der Tat sowohl für viele Gemeinden als auch für viele Sprengelärzte nicht ideal. Es ist zwar rechtlich möglich, dass der Sprengelarzt sich zum Beispiel im Urlaub vertreten lassen kann, allerdings muss dafür auch eine Vertretung gefunden werden. Insgesamt kann gesagt werden, dass das Gemeindesanitätsdienstgesetz in der Form, in der es jetzt in Kraft ist, nicht mehr zeitgemäß ist, da sich seit dem Entstehen des Gesetzes, das vor allem die jederzeitige ärztliche Versorgung der Bevölkerung auf dem Lande sichern sollte, einiges an den Rahmenbedingungen geändert hat. So haben wir jetzt beispielsweise durch Notärzte und Flugrettung andere Möglichkeiten als früher. Deshalb bin ich auch gerade damit beschäftigt, eine Novelle des Gemeindesanitätsdienstgesetzes ausarbeiten zu lassen. Natürlich ist dabei auch die Tiroler Ärztekammer eingebunden. Denn immerhin ist meine Aufgabe als Gesundheits-Landesrat, für die bestmögliche ärztliche Versorgung der Tiroler Bevölkerung Sorge zu tragen und dabei benötige ich natürlich die Tiroler Ärztinnen und Ärzte als Partner.


Der ärztliche Nacht-Bereitschaftsdienst während der Woche seitens der niedergelassenen Allgemeinmediziner ist in Tirol wegen offenbarer Finanzierungsmängel ebenfalls noch nicht geregelt. Wann rechnen Sie mit einer Lösung?
Auch an diesem Thema wird gerade gearbeitet. Die von Ihnen angesprochene Finanzierung ist natürlich in Zeiten wie diesen, in denen das Land Tirol aufgrund der Wirtschaftskrise mit Mindereinnahmen in Millionenhöhe zu kämpfen hat, ein großes Thema. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass sich die ärztliche Nachtbereitschaft finanzieren lässt und bald umgesetzt werden kann.


Könnte das Nachtdienst-Modell, das die Steiermark mit 1.4.2009 diesbezüglich eingeführt hat, auch eines für Tirol sein?
Das Steirische Modell hat sehr interessante Ansätze. Es wird natürlich geprüft, ob ein solches Modell auch für Tirol geeignet ist.


Zum Thema Krankenhäuser: Während man der ärztlichen Versorgung in den Krankenhäusern ausgezeichnete Qualität attestiert, gibt es doch vermehrt Patientenbeschwerden. Nach Ansicht der Tiroler Ärztekammer könnten diese durch bessere Arbeitsbedingungen der angestellten Spitalsärzte hintan gehalten werden. Stichworte dazu: derzeit nicht besetzte Planstellen, Arbeitszeiten nicht nach Gesetz, administrative Überlastung. Wie beurteilen Sie die Situation und wie könnte man für Verbesserungen sorgen?
Die Versorgung in den Krankenhäusern in Tirol hat, wie Sie bereits gesagt haben, eine ausgezeichnete Qualität. Zur weiteren Verbesserung des vorhandenen Systems und zur Verbesserung der regionalen Versorgung arbeite ich gerade daran, den Österreichischen Strukturplan Gesundheit im Regionalen Strukturplan Gesundheit Tirol 2015 umzusetzen. In diesem Zusammenhang soll insbesondere die regionale Versorgung an die tatsächlichen Gegebenheiten angepasst werden. Es ist das Ziel, dafür zu sorgen, dass sowohl die Versorgung in den Bezirkskrankenhäusern an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst wird als auch die Etablierung von Schwerpunkten an spezifischen Krankenanstalten. Denn manche Disziplinen benötigen eine gewisse Anzahl an Fällen, damit sie überhaupt effizient und mit hoher medizinischer Qualität funktionieren können. In diesem Zusammenhang müssen sich die Krankenanstaltenträger auch mit der personalen Situation an den Krankenanstalten auseinander setzen.


In den USA wird derzeit an einer Gesundheitsreform gearbeitet. Sie selbst kennen die Verhältnisse dort, haben Sie doch etwa einen längeren Forschungsaufenthalt in Kalifornien verbracht. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Amerika in absehbarer Zeit ein „Europa angenähertes“ Gesundheitswesen erhält beziehungsweise wo sehen Sie die Stolpersteine dafür?
Der letzte demokratische Präsident Bill Clinton und seine Frau Hillary, die nun der Regierung Barack Obamas angehört, haben bereits 1992 versucht, eine Gesundheitsreform durchzusetzen und sind daran gescheitert. Das Problem in den USA ist, dass es keinen Konsens in der Bevölkerung gibt, dass eine medizinische Grundversorgung für alle notwendig sei. Umfragen – selbst unter den Personen, die davon betroffen sind, dass sie über keine Krankenversicherung verfügen – zeigen: es herrscht ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Wohlfahrtsstaat europäischer Prägung vor. Es ist daher die Frage, ob trotz der finanziellen Belastung durch die Wirtschaftskrise am Ende des Tages immer noch der politische Wille und die finanziellen Mittel für eine Gesundheitsreform vorhanden sind. Denn Sie dürfen nicht vergessen, Bill Clinton ist in einer Phase der Hochkonjunktur, in der es Budgetüberschüsse gab, an der Umsetzung der Gesundheitsreform gescheitert.

 


Steckbrief DI Dr. Bernhard Tilg
Geboren 1967, verheiratet, zwei Kinder
1991 Diplomingenieur – Elektrotechnik
1995 Promotion zum Doktor der Technischen Wissenschaften
ab 1998 Forschungsaufenthalt an der University of California, USA
1999 Lehrbefugnis als Univ. Doz.
ab 2002 Univ. Prof. an der UMIT
ab 2002 Vizerektor der UMIT
2004 – 2008 Rektor der UMIT
seit 1.7.2008 Mitglied der Tiroler Landesregierung (Tiroler Volkspartei), u.A. zuständig für Gesundheit, Krankenanstalten,  niversitätsangelegenheiten, Fachhochschulen, europäische Verkehrspolitik ...



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009

 

 

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