ÖÄZ 12 - 25.06.2009Interview zu steigender Prävalenz des Typ 1-Diabetes - Univ. Prof. Bernd Zimmerhackl

Interview - Univ. Prof. Dr. Bernd Zimmerhackl


Steigende Prävalenz und jüngere Kinder



Die Prävalenz des Typ 1-Diabetes nimmt generell zu, und die Kinder sind bei der Erstmanifestation immer jünger. Bei den diesjährigen Ärztetagen in Velden hält Univ. Prof. Bernd Zimmerhackl einen Vortrag zu diesem Thema; Sabine Fisch hat mit ihm das folgende Interview geführt.


ÖÄZ: Wie häufig ist Typ 1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen?

Zimmerhackl: In Österreich erkranken jährlich rund acht von 100.000 Kindern und Jugendlichen an Typ 1-Diabetes. Das sind jährlich nur rund 250 Neuerkrankungen. Die Alpenrepublik liegt damit im europäischen Mittelfeld. In Finnland etwa sind es 50/100.000 Kinder, das heißt etwa 400 bis 500 Kinder und Jugendliche, die jedes Jahr neu diagnostiziert werden. In Japan liegt die Inzidenz gar nur bei zwei bis fünf auf 100.000 Kinder.


Nimmt die Zahl der jugendlichen Typ 1-Diabetiker zu?
Die Zahl der erkrankten Kinder und Jugendlichen steigt tatsächlich an. In Finnland haben sich die Erkrankungszahlen in den vergangenen Jahrzehnten verdoppelt. Wir haben auch gute Zahlen aus Österreich, Leipzig und Baden-Württemberg, wo wir ebenfalls eine kontinuierliche Zunahme beobachten. Zudem wird die Diagnose bei immer jüngeren Kindern gestellt.


Wann manifestiert sich Typ 1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter?
Am häufigsten erkranken Kinder an der Schwelle zur Pubertät. Einen Erkrankungsgipfel beobachten wir auch zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr. Prinzipiell kann die Erkrankung allerdings in jedem Alter zwischen Null und Achtzehn auftreten. Aber auch Erwachsene können an Typ 1-Diabetes erkranken. Das wird dann als LADA-Diabetes – latent autoimmune diabetes in the adult – bezeichnet. 


Wie manifestiert sich Typ 1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen?
Das erste, was den Eltern meist auffällt, ist ein vermehrter Durst, die Kinder trinken plötzlich wesentlich mehr, weil sie durch die mit dem Diabetes einhergehende osmotische Diurese mehr ausscheiden. Typischerweise kommen die Kinder zu uns, wenn sie etwa zehn Prozent ihres Körpergewichts verloren haben, denn trotz vermehrtem Trinken kann dieser Verlust kaum ausgeglichen werden.


Was sollte der Allgemeinmediziner über Typ 1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen wissen?
Bei einem auffälligen Kind sollten Blutund Urinzucker sowie Aceton im Harn nachgewiesen werden. Die weiterführende Untersuchung umfasst die Feststellung des HbA1c- oder des Insulinwertes oder des C-Peptids. Damit sollte die Diagnose gesichert sein.


Welche therapeutischen Möglichkeiten bestehen bei Typ 1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter?
Die Erstmanifestation eines Typ 1-Diabetes sollte auf einer spezialisierten Station im Krankenhaus erfolgen. Dabei wird mit Insulin behandelt, bis sich der Zuckerspiegel wieder normalisiert hat. Ab dem zweiten Behandlungstag wird von der intensiven Insulintherapie auf eine Dauertherapie umgestellt. Dazu gibt es folgende Möglichkeiten: Die konventionelle Therapie, bei der der Patient fixe Insulindosen spritzt und sich an eine Diät hält, die intensivierte Therapie, aber die favorisierte Methode ist die Insulingabe über eine Pumpe. Das ist sicherlich die eleganteste Methode, da sie den physiologischen Verlauf des Insulinspiegels im Tagesverlauf am besten imitiert. Die Pumpen sind zudem inzwischen so klein und praktisch, dass wir sie bereits im Kleinkindesalter einsetzen können. Dafür ist allerdings geschultes Personal erforderlich, um eine exakte Einstellung der Pumpe zu gewährleisten.


Was kommt in der Therapie des Typ 1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen?
Intensiv gearbeitet wird an sogenannten Closed-Loop-Systemen, bei der nicht nur die Insulinabgabe über eine Pumpe erfolgt, sondern auch die Messung des Glukosespiegels über einen Sensor im Blut direkt erfolgt. Das wäre eine künstliche Bauchspeicheldrüse. Derzeit sind die Versuche zwar schon vielversprechend, aber noch nicht einsatzbereit. Ich rechne in etwa fünf Jahren mit der praktischen Anwendung derartiger Systeme.


Mit welchen Komplikationen müssen Typ 1-Diabetiker rechnen?
Die gefürchtetsten Komplikationen sind natürlich die Hypoglykämien. Hypoglykämien können aber auch nach zu intensiver sportlicher Betätigung auftreten. An der Uniklinik Innsbruck bieten wir in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik für Sportmedizin ein eigenes Sportprogramm für jugendliche Diabetiker an, damit diese den richtigen Umgang mit Belastung und Insulinabgabe lernen. Das Problem beim Typ 1-Diabetiker ist, dass die Folgeschäden an der Niere und am Auge bereits im mittleren Alter auftreten.


Welche Probleme haben jugendliche Typ 1-Diabetiker?
Wenn die Patienten in die Pubertät kommen, findet eine Neu-Adaptation der Persönlichkeit statt. Da leiden die Betroffenen häufig sehr unter ihrer Erkrankung, gehen an ihre Grenzen, stellen Vieles in Frage. Es findet eine Umstellung des Hormonhaushaltes statt und eine Entwicklung einer Insulinresistenz. Es werden auch vermehrt Wachstumshormone ausgeschüttet. All dies erschwert die Blutglukoseeinstellung während der Pubertät. Eine psychosoziale Unterstützung der Betroffenen und ihrer Familien wäre in dieser Zeit unbedingt erforderlich. Leider werden dafür von der Krankenkasse beziehungsweise vom Krankenhausträger keine Mittel bewilligt. 



Ärztetage Velden

16. bis 22. August 2009
Velden, Tagungszentrum Volksschule und Casineum
Weitere Informationen:
www.arztakademie.at



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009

 

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