Kommentar - Vize-Präs. Artur Wechselberger
„Wie Blinde, die über Farben reden“
Von Artur Wechselberger*
Das war meine Assoziation bei der Lektüre des Artikels „Turnus am Wendepunkt?“ in der ÖÄZ vom 25. Mai 09.
Als seit nahezu 30 Jahren niedergelassener Allgemeinmediziner, der als Lehrpraxisinhaber viele Jahre Allgemeinmediziner ausgebildet hat und seit zwei Jahren auch Studierende im klinisch praktischen Jahr betreut, bin ich überrascht vom mangelhaften Wissen über das Wesen der Allgemeinmedizin, wie es mir zum Teil in diesem Artikel entgegenzuschlagen schien. Mehr als zehn Jahre versuche ich mit engagierten Allgemeinmedizinern als Lehrbeauftragte an der Medizinischen Universität Innsbruck den Studierenden zu vermitteln, was Allgemeinmedizin ist und was das Fachgebiet ausmacht. Ähnliche Anstrengungen finden an allen medizinischen Universitäten Österreichs statt. In den meisten ist schon ein entsprechender Lehrstuhl eingerichtet.
Und trotzdem wird offensichtlich noch immer das ius practicandi als Approbation zum Arzt mit dem ius practicandi zum Arzt für Allgemeinmedizin gleichgesetzt. Zur Approbation als Arzt mag der derzeitige „Turnus“ ideal erscheinen, wenn auch die EU Österreich für die Länge der Ausbildung rügt. Zum ius practicandi als Arzt für Allgemeinmedizin ist er lückenhaft im Inhalt, fehlerhaft in der didaktischen Vermittlung und zu kurz in der Relation zum Umfang des Faches. Gerade die Anwendung moderner medizinischer Diagnose- und Behandlungsstrategien mit den begrenzten Möglichkeiten einer Allgemeinpraxis, die Betreuung chronisch Kranker unter Einbindung des sozialen Umfeldes und der Umgang mit Gesundheitsproblemen in ihrer physischen, psychologischen, sozialen, kulturellen und existenziellen Dimension leiden unter den massiven Ausbildungsdefiziten.
Ganz zu schweigen von den Anforderungen einer integrierten Gesundheitsversorgung, in der die Allgemeinmedizin die Kernstruktur für den Einsatz multidisziplinärer Teams aus dem Gesundheits- und Sozialwesen bilden soll und organisatorische wie ökonomische Kompetenz beweisen muss. Ausbildungs- und Qualitätserfordernisse, denen besonders dann nicht Rechnung getragen wird, wenn der „Turnus“ nach wie vor als allgemeine medizinische Ausbildung statt als Ausbildung zum Allgemeinmediziner gesehen wird.
Unsicherheit in den ersten Praxisjahren, ökonomisches und haftungsrechtliches Risiko und hartes Learning by Doing oder Lernen, neben der Praxisführung, in zeitraubenden, teuren Fortbildungsveranstaltungen und Ausbildungslehrgängen sind die harte Konsequenz für die jungen Allgemeinmediziner. Risiken und Aufwendungen, die eine gediegene und fachspezifische postpromotionelle Ausbildung verhindern könnte.
*) Dr. Artur Wechselberger ist 1. Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009




