ÖÄZ 12 - 25.06.2009Leopold Museum: Wien 1900

Leopold Museum: Wien 1900


Königsweg durch eine Epoche


Der vierte Stock des Leopold Museums hat sich in eine wahre Schatzkammer verwandelt: Alle Besitztümer des Hauses zum Thema Wien 1900 sind nach einzelnen Schwerpunkten überzeugend zusammen gestellt.
Von Renate Wagner


Rund 370 Werke hat das Museum Leopold, zum allergrößten Teil aus eigenen Beständen, zusammen getragen, um die Epoche „Wien 1900“künstlerisch zu dokumentieren. Rund 60 Gemälde, 80 graphische Werke, circa 80 Möbel, dazu Stücke des Kunstgewerbes, Fotos und dokumentarische Objekte verbinden sich zu einer (vorläufigen) Dauerausstellung allerersten Ranges.


Der Rundgang, der im Leopold Museum angelegt ist, beginnt mit den Vorläufern der „Modernen“, die sich mit ihnen zeitlich teilweise überschnitten, der Historismus des Hans Makart einerseits, jene hervorragenden österreichischen „Stimmungsimpressionisten“ andererseits, deren Hauptvertreter – Tina Blau, Emil Jakob Schindler (der Vater von Alma Mahler-Werfel), Theodor von Hörmann, Carl Moll, – keinerlei Konkurrenz scheuen müssen. Ein Saal ist den Arbeiten des vielseitigen Koloman Moser gewidmet, der als Maler, Graphiker und Kunsthandwerker gleich bedeutend war und für die Secession wie für die Wiener Werkstätte eine herausragende Rolle spielte. Einen natürlichen Schwerpunkt stellt der Raum für Gustav Klimt dar, mit dessen „Tod und Leben“ das Haus ein Hauptwerk besitzt. Seine verloren gegangenen „Fakultätsbilder“ kann man in originalgroßen Schwarzweiß-Reproduktionen betrachten. Themen am Rande, die von Bedeutung sind, werden angesprochen, etwa der „Japonismus“, der Einfluss asiatischer Kunst auf Wien 1900. Und wenn ein Raum sich der „Psychoanalyse“ widmet, so hat Rudolf Leopold hier auch afrikanische Masken aufgestellt, die einen Weg ins Unterbewusste weisen mögen… so wie Freuds „Traumdeutung“ von 1900, die als Buch ausgestellt ist.


Optischer Höhepunkt ist jener Raum, dessen Panorama-Fenster sich in Richtung Ringstraße öffnet und den Blick über die beiden Museen bis zur Neuen Hofburg schweifen lässt. Am Fußboden zeigt ein übersichtlicher Stadtplan von Wien, wie sich die Stadt im Jahr 1903 präsentierte. Ein besonders schöner Raum ist der Wiener Werkstätte gewidmet. Dabei wird der ungeheure Stilwille klar, mit dem die Künstler (Josef Hoffmann an der Spitze) hier das Alltagsleben von Möbel bis Geschirr, Stoffe bis Einrichtungsgegenstände aller Art, Vasen, Silber bis Schmuck durchdrangen.


Ein Schwerpunkt in der Sammlung Leopold galt immer schon den Werken von Richard Gerstl, dessen Popularität trotz seines besonderen Talents hinter den „spektakuläreren“ Künstlern Klimt und Schiele zurück geblieben hier. Hier nimmt er seinen gebührenden Platz ein. Der Schwerpunkt des Expressionismus liegt bei Schiele und Kokoschka, während Bilder des Ersten Weltkriegs den natürlichen Schlusspunkt der Entwicklung markieren: Hier sieht man die erschütternden, meisterlichen Leichenberge des Albin Egger-Lienz, die vorwärts strebenden Bilder eines Anton Kolig oder Herbert Boeckl. Sie markieren mit ihrem Bekenntnis zum Schrecken in der Kunst auch ein völlig neues Zeitalter. 



Was, Wann, Wo:

Wien 1900
Aktuelle Dauerausstellung
zumindest bis Ende 2009
Täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr,
Donnerstag von 10.00 bis 21 Uhr.

Leopold Museum
Museumsquartier/Museumsplatz 1
1070 Wien

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009

 

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