Palliativmedizin
Plattform Wahrheit
Wenn bei einer Krebserkrankung keine Heilungschancen mehr bestehen, ist das bei weitem nicht das Ende therapeutischer Maßnahmen. Die Palliativmedizin versucht, mit Hilfe der Schmerztherapie ebenso wie mit psychoonkologischer Betreuung den letzten Lebensabschnitt des Betroffenen zu erleichtern. Von Sabine Fisch
Den Patienten und seine Gefühle und Wahrnehmungen Ernst zu nehmen ist oberstes Gebot in der Palliativmedizin. „Es gibt nichts Schlimmeres als die Beschönigung der gegebenen Situation“, sagt Univ. Prof. Herbert Watzke von der Universitätsklinik für Innere Medizin I an der Medizinischen Universität Wien. Sätze wie: ‚Das wird schon wieder‘ oder ‚Es ist alles nicht so schlimm‘ sind Gift für die Arzt-Patientenkommunikation im palliativen Setting. „Der Patient spürt genau, wie schlecht es ihm geht und der Arzt signalisiert mit diesen Killerphrasen: Ich will nicht darüber reden“, erläutert Watzke. Der Palliativmediziner spricht damit keineswegs der brutalen Wahrheitsübermittlung das Wort: „Man wird dem Patienten nicht die Wahrheit wie einen Stempel aufdrücken, sondern wie einen Mantel hinhalten, in den er beruhigt hineinschlüpfen kann“.
Ehrlich von Anfang an
Dies ist nicht einfach, speziell dann, wenn der behandelnde Arzt - gemeinsam mit seinem Patienten - lange Zeit alles daran gesetzt hat, die lebensbedrohliche Erkrankung zu bekämpfen oder gar zu heilen. Um diesen Übergang überflüssig zu machen, postuliert der Palliativmediziner einen „ehrlichen Ansatz von Anfang an.“ Dann sei auch die Vermittlung schwieriger Inhalte leichter. Watzke beschreibt diese Art der Kommunikation bildhaft: „Die Wahrheit ist eine Plattform, auf die wir unsere Patienten einladen müssen.“ Der Patient muss dabei die Sicherheit haben, nicht verletzt zu werden. Das beinhaltet auch, dem Patienten nur so viel zu sagen, wie er bereit ist, zu akzeptieren. Für die Praxis bedeutet das etwa, dem Patienten nur offene Fragen zu stellen und Ratschläge zu vermeiden. „Sie müssen auch lernen, Pausen zu ertragen, nicht auf alles sofort eine Antwort zu wissen“, sagt Watzke.
Lebensqualität zu Hause
Der palliativmedizinischen Versorgung in Österreich stellt Herbert Watzke ein gutes Zeugnis aus. „Wichtig sind Palliativstationen an den großen onkologischen Zentren“, betont er. Die Aufgabe der Palliativstation ist dabei durchaus, nicht nur den Patienten dabei zu helfen, ihre letzten Lebensmonate bei guter Lebensqualität zu verbringen. „Vielmehr soll es den Patienten ermöglicht werden, sie nach Hause zu entlassen, damit sie in ihrer gewohnten Umgebung und mit ihrer Familie sein können“, so Watzke. Die Arbeit mit der Familie sei deshalb ebenfalls ein ganz wesentlicher Punkt. „Nur wenn die Angehörigen verstehen, was der Patient braucht, können Verunsicherung und mögliche Probleme rechtzeitig abgefangen werden“, weiß der Experte.
Die Angst vor Opioiden
Ein großes Problem sieht Palliativmediziner Watzke in der Schmerztherapie im palliativen Setting. „Opioide haben sowohl bei Patienten und Angehörigen als auch bei vielen Ärzten immer noch einen sehr schlechten Ruf.“ Patienten verbinden damit häufig eine schlechte Prognose - was die ehrliche Aufklärung in einem noch wichtigeren Licht erscheinen lässt. Angehörige und Ärzte haben nach wie vor Angst vor einem etwaigen Suchtpotenzial dieser Substanzen. Ein Irrglaube, wie Herbert Watzke sagt: „Morphine, vor allem synthetische Morphine, wie sie in der Schmerztherapie zum Einsatz kommen, haben zwar geringe Nebenwirkungen wie etwa Obstipation, lösen aber sicherlich keine Sucht aus“.
Palliativmedizin bedeutet eine ganzheitliche Herangehensweise an den nicht mehr kurablen Patienten. Das Wichtigste im Umgang mit todkranken Patienten bleibt allerdings eines: „Der Arzt muss am Patienten und an der Übermittlung der Wahrheit ehrlich interessiert sein“, fasst Watzke zusammen. „Werden bedrohliche Situationen verbalisiert, sind sie für den Patienten immer noch dramatisch und beängstigend, aber sie können ihn nicht mehr verletzen.“
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009





