ÖÄZ 12 - 25.06.2009Onkologie: Weiterleben nach Krebs

Weiterleben nach Krebs


Patient bleibt man ein Leben lang



Kann eine Krebserkrankung kurativ behandelt werden, stehen Arzt und Patient früher oder später vor der Situation die Behandlung als beendet zu erklären. Der Patient muss zurück ins sein „altes“ Leben. Aber die Angst vor einem Wiederauftreten der Erkrankung bleibt.
Von Sabine Fisch

 

Die Anzahl „geheilter“ Krebspatienten nimmt seit einigen Jahren kontinuierlich zu. Das liegt zum einen an der gestiegenen Lebenserwartung insgesamt. Zum anderen ist dies sicherlich auf die verbesserten therapeutischen Möglichkeiten zurück zu führen, die bei vielen Krebserkrankungen heute eine kurative Behandlung ermöglichen. Höchst ungern wird in diesem Zusammenhang von „Heilung“ gesprochen; es ist dann eher die Rede von „Langzeitremission“. „Als geheilt kann ein Krebspatient eigentlich erst dann gelten, wenn er in hohem Alter an einer anderen Erkrankung stirbt“, wie es der Präsident der Österreichischen Krebshilfe, Univ. Prof. Paul Sevelda ausdrückt.


Dennoch: Wenn eine kurative Behandlung durchgeführt werden kann, stehen Arzt und Patient irgendwann vor dem Ende der Behandlung und vor der Frage: Wie geht es jetzt weiter? „Der entscheidende Ansatz ist, dass der Patient lernen muss, mit der Diagnose Krebs zu leben“, so Sevelda. „Das bedeutet nicht gleichzeitig, dass er oder sie krebskrank ist.“


Das sieht auch Johanna König so. Die Schriftstellerin, die an Brustkrebs erkrankt war, sieht sich auch heute - nach dem erfolgreichen Ende ihrer Behandlung - als Krebspatientin. Für sie ist dieser Terminus positiv besetzt: „Ich stehe als Krebspatientin unter der Obhut und ständigen Beobachtung meiner Ärzte - und das ist gut so.“ Ihren Alltag lebt sie dagegen als gesunde Frau. „Im Moment bin ich gesund, es geht mir sehr gut“, sagt König, die angibt, kaum noch an ihre Krebserkrankung zu denken, was sie auf ihre positive Lebenseinstellung zurückführt. „Ich lasse es nicht zu, daran zu denken, dass die Krankheit wieder kommen könnte“, sagt die Schriftstellerin, die im Vorjahr ein Buch über ihre Krebserkrankung veröffentlicht hat.


Die Angst vor Leid und Schmerzen


Nicht jeder Patient ist imstande, eine derart positive Lebenseinstellung zu kultivieren. Die größte Angst der Betroffenen ist und bleibt das Wiederauftreten der Krebserkrankung, weiß auch Paul Sevelda. „Es ist die Angst vor dem Leid, den Schmerzen und vor dem leidvollen Sterben, die die Patienten umtreibt, die Angst vor Schmerzen und davor, abhängig zu sein.“ Nicht selten ist es auch die Angst, von anderen abhängig zu werden. Diese Angst kann auch der behandelnde Arzt dem Patienten nicht nehmen. Sehr wohl allerdings können positive Botschaften vermittelt werden. Eine der häufigsten Fragen ist jene nach der Lebenserwartung nach einer Krebserkrankung. „Ich sage dann immer, diese Frage kann ich nicht beantworten - und das ist gut so“, formuliert Sevelda. „Fest steht: niemand lebt ewig und das ist gut so.“ Entscheidend sei viel mehr, das Leben zu genießen, „und dazu ist es notwendig, sich als gesund zu sehen und sein Leben nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten.“


Schlapp machen gilt nicht


Das ist nicht immer leicht. Eine Krebserkrankung ändert vieles, ja sie kann das ganze Leben vollständig umkrempeln. Die kurative Behandlung ist dabei durchaus mit einem anstrengenden Langstreckenlauf zu vergleichen - schlapp machen gilt nicht, weiß auch Johanna König: „Ich habe den harten Weg gewählt“, meint sie. König musste die Amputation einer Brust ebenso überstehen wie eine Strahlentherapie und mehrere Chemotherapiezyklen. Ist diese anstrengende Behandlung überstanden, muss vielfach das Leben als gesunder Mensch ganz neu aufgebaut werden. Für viele ist das allerdings tatsächlich so etwas wie eine zweite Chance, weiß Paul Sevelda: „Vom Zeitpunkt der Diagnosemitteilung an ist nichts mehr so, wie es vorher war. Aber es gibt gar nicht so wenige Krebskranke, die durch die Diagnose eine unglaubliche Bereicherung ihres Lebens erfahren haben, vor allem, weil sie sehr viel mehr Augenmerk auf sich selbst und die wichtigen Dinge des Lebens legen.“


Dieser Aussage kann auch Johanna König zustimmen: „Als mein Arzt mir sagte, ich sei wieder gesund, war ich unglaublich erleichtert, all das hinter mir zu haben.“ Das Leben wieder zu genießen, wieder als gesunde Frau zu leben - all das hätte ihr unglaublich viel Kraft gegeben. Das ist durchaus nicht für alle Patienten so. „Es gibt Patienten, die nach der Beendigung der Behandlung unter Depressionen leiden“, erläutert Paul Sevelda. „Wir versuchen diesen Patienten durch psychoonkologische Begleitung zu helfen. Das gelingt sehr oft, aber leider nicht immer.“ Vor allem jene Betroffenen, deren Beziehungen durch die Erkrankung auseinanderbrechen, können nach Beendigung der Therapie oft nur sehr schwer den Weg zurück in ein normales Leben finden. Und der Zusammenbruch von Partnerschaften ist für krebskranke Menschen leider ein häufiges Phänomen. Genaue Zahlen gibt es natürlich nicht, aber „wir erleben es überproportional häufig, dass sich die Lebenspartner von Krebspatienten trennen, weil sie mit der Situation nicht zurande kommen können“, berichtet Paul Sevelda. Für die behandelnden Ärzte heißt dies, dass Lebenspartner von Anfang an offen und ehrlich in die Behandlung, mögliche Nebenwirkungen und Folgen involviert werden müssen, damit dieser mit der Situation umgehen lernen kann.


Viel zu wenig Zeit


Ein zweiter wesentlicher Bereich, in dem Krebspatienten nach Ende der Therapie zu kämpfen haben, ist das Berufsleben. Aufgrund der anstrengenden Behandlung kann es zu Krankenständen bis zu einem Jahr kommen - und da in Österreich bei einer fristgerechten und arbeitsrechtlich einwandfreien Kündigung kein Grund angegeben werden muss, stehen nicht wenige Patienten nach Beendigung ihrer Therapie ohne Arbeitsplatz und soziale Absicherung da. Hilfe bietet in Österreich die Krebshilfe, die eigene Sozialberatungsstellen unterhält, die über mögliche Hilfeleistungen informieren. Auch bei anderen Fragestellungen wie Depressionen und anderen psychischen Problemen steht die Österreichische Krebshilfe auch nach Beendigung einer Therapie den Patienten und ihren Angehörigen zur Verfügung. Dies ist auch dringend notwendig, denn die Spitalsärzte, welche die Patienten behandeln, können diese Leistungen nicht erbringen, weiß Paul Sevelda: „Ich glaube, es gibt hier ein großes Defizit: Die Ärzte in den Krankenhäusern haben nicht einmal im entferntesten Zeit dazu, sich derartigen Fragestellungen ausführlich zu widmen.“ Auch der Umgang mit den Ängsten der Patienten kann für die behandelnden Ärzte schwierig sein. „Der Angst vor einem Rezidiv begegnen viele Ärzte defensiv, weil sie ein solches als Niederlage empfinden würden“, konstatiert Sevelda und ergänzt: „Das ist es natürlich nicht.“


Untersuchung nicht vergessen


Für Johanna König stellen sich Gedanken an ein Wiederauftreten ihrer Erkrankung nicht ein. „Mir geht es gut, auch die Nachwirkungen der Chemotherapie sind gänzlich weg“, erzählt die Schriftstellerin. „Das schönste Geschenk ist meine wiedergekehrte Fitness. Das glaubt man ja nicht, wenn man so krank ist und unter den Auswirkungen einer Chemotherapie leidet. Da ist man froh über jeden Atemzug, den man machen kann.“ Und auch an die regelmäßigen Nachsorgeuntersuchungen will die Autorin in Zukunft denken. „Ich habe mir den nächsten Termin ganz groß in den Kalender geschrieben“, berichtet sie: „Denn die letzten beiden Termine habe ich vergessen, weil es mir so gut geht, dass ich daran überhaupt nicht gedacht habe.“

 

Tipps:

• Johanna König. „Grün ist die Farbe der Hoffnung“,
Mohorjeva Hermagoras Verlag 2008

www.krebshilfe.net

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009

 

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