ÖÄZ 12 - 25.06.2009Standpunkt - Ist der Mensch eigentlich lernfähig?

Standpunkt - Vize-Präs. Günther Wawrowsky


Ist der Mensch eigentlich lernfähig?

 


Die armen Kranken zwang man, sich von einem von oben her bestimmten Arzt behandeln zu lassen. Die Ärzte zwang man durch eine maßlose Konkurrenz eine Stellung anzunehmen, welche ihnen den ihrer Anstrengungen würdigen Lohn vorenthielt. Diese Verhältnisse mussten notwendig die Armen und die Ärzte erbittern; beide mussten allmählich mehr und mehr von der Überzeugung durchdrungen werden, dass sie Opfer falscher gesellschaftlicher Grundsätze waren …“. Das hat niemand Geringerer als Rudolf Virchow in der „ Medizinischen Wochenschrift“ geschrieben - und zwar in der Ausgabe vom 3. November 1848!


In wesentlich jüngerer Vergangenheit, nämlich im Herbst 2007, tauchte hierzulande der politische Wunsch zur Positionierung sogenannter AVZs auf. Medizinische Versorgungszentren für die Armen, Diagnostik, Therapie und Krankenbetreuung unter öffentlicher Hand, also Staatsmedizin oder gar über private, nichtärztliche Anbieter als gewinnorientierte Unternehmungen. Der bisher bewährte, kompetente, wohnortnah tätige, freie Arzt – ausgestattet mit dem Vertrauen seiner oft langjährigen Patienten - und der daraus resultierenden Verantwortung schien bedroht und obsolet.


Ein Pfeiler des „besten medizinischen Versorgungssystems der Welt“- die damalige Gesundheitsministerin betonte es nur allzu gerne - schien der Politik entbehrlich. Unser berechtigter, aber für die Öffentlichkeit mit Worten oftmals nur schwer erklärbarer Widerstand, ließ dieses Vorhaben scheitern. Jedoch die dahinter verborgene Absicht war damit natürlich nicht ausgerottet.


So kam es schon im darauf folgenden Frühling zum allseits bekannten „Sozialpartnerpapier“, das zu Konfrontation und Eskalation führte. Eine Koalition zerbrach, eine Regierung ging. Doch der Geist blieb.


Nun, in der Mitte des Jahres 2009, stehen wir vor folgender Situation: Eine „mittelfistig ausgabenseitig ausgeglichene Gebarung“ der Sozialversicherungsträger wird als Voraussetzung für einen Finanzfluss vorgegeben, damit der Weiterbestand der Gebietskrankenkassen überhaupt noch ermöglicht werden kann. Und wieder ist es zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.


Bei der Sicherung der Banken war es nicht so kompliziert. Da flossen zuerst die Milliarden und erst danach, als schon viel, viel Geld hineingepumpt wurde, macht man sich über das System Gedanken. Was für mich die Wertelandschaft deutlich aufzeigt: Geld geht vor Gesundheit.


Wollen die politisch Verantwortlichen dieses Landes die Fortführung einer medizinischen Betreuung durch best ausgebildete, motivierte freie Ärztinnen und Ärzte, ermöglicht durch ein selbstverwaltetes Sozialversicherungssystem? Oder betreiben sie die Aushöhlung und den schleichenden Untergang desselben?


„Und welches Resultat für den Staat? Die Zahl der Siechen vermehrte sich, wie die Zahl der Armen überhaupt stieg. Mochte immerhin in den Händen Einzelner größerer Reichtum angehäuft werden, der National-Wohlstand im Ganzen erhielt immer schwankendere Grundlagen.“ So Rudolf Virchow am 3. November 1848.



Günther Wawrowsky
3. Vize-Präsident der Österreichischen Ärztekammer


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009

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