ÖÄZ 12 - 25.06.2009Wien Museum: Hieronymus Löschenkohl

Wien Museum: Hieronymus Löschenkohl


Sensationen aus dem alten Wien



Vor 50 Jahren bezog das Wien Museum sein Haus am Karlsplatz. Nun „feiert“ man mit demselben Künstler Jubiläum, mit dem man einst den Ausstellungsreigen begann: dem unglaublichen Hieronymus Löschenkohl.
Von Renate Wagner


Wien 1870. Ende November stirbt Maria Theresia, nachdem sie ihre Länder mit fester, liebender Hand über vier Jahrzehnte regiert hat. Die Trauer um die Monarchin ist groß und schlägt sich in einer Flut von Bildern und Broschüren nieder. Doch nichts wird so berühmt wie das Blatt „Theresiens letzter Tag“, das damals unglaubliche 7.000 mal verkauft wird. Es handelt sich dabei um eine Scherenschnitt-Darstellung, welche die sterbende Maria Theresia im Lehnstuhl im Kreise ihrer Familie zeigt. Dieses rührend-private und so erfolgreiche Blatt stammt von Hieronymus Löschenkohl. Der 23jährige aus dem Rheinland wird von den alteingesessenen Wiener Kupferstechern und Druckern mit Misstrauen betrachtet - zu Recht, stellt er doch in kürzester Zeit ihre größte Konkurrenz dar. Löschenkohl wird bis zu seinem Tod 1807, aber vor allem für das Jahrzehnt von Kaiser Joseph II. (1880 bis 1890), der bedeutendste, erfolgreichste und berühmteste Chronist des Wiener Lebens.


Löschenkohl ist einerseits „Hofberichterstatter“, der das neugierige Publikum in schnell hergestellten Blättern über öffentliche Ereignisse informiert und klugerweise immer bemüht ist, Kaiser und Hof im besten Licht darzustellen - ob bei offiziellen Vergnügungen oder bei politischen Ereignissen. Daneben aber amüsiert Löschenkohl die Wiener Bevölkerung mit Darstellungen aus ihrem eigenen alltäglichen Leben, welche die Nachwelt als große kritische, satirische Auseinandersetzung mit seiner Epoche erkennt.


Sicherlich war Löschenkohl ein Mann, dem man in heutiger Terminologie eine Witterung für die „Medien“ nachsagen kann, wenn er auch hemmungslos die Sensationslust der Menschen befriedigt und Hinrichtungen ebenso in kolorierten Stichen verkauft wie Schlachtenszenen mit den Türken, die im Vergleich mit den Österreichern bei ihm immer schlechter abschneiden. Modische Exzesse, Geistererscheinungen, aber auch „moderne Literatur“, wenn sie so berühmt war wie damals Goethes „Leiden des jungen Werthers“, finden großen Absatz. Und er liebt es, in die „Unterwelt“ Wiens hinab zu steigen - wenige Bilder aus seiner Werkstatt sind wohl so oft reproduziert worden wie der „Schnepfen-Strich am Graben“, worin er der Wiener Halbwelt, die sich abends die berühmte Flaniermeile eroberte, ein ewiges Denkmal gesetzt hat.


Dass Löschenkohls Bilder, für den alltäglichen Verbrauch und Verschleiß bestimmt und damals sicherlich nicht „Kunst“ oder „museumswürdig“, im Wien Museum so reich vorhanden sind, verdankt man zwei Sammlern aus späteren Zeiten, deren Nachlässe angekauft wurden. An die 800 Motive sind erhalten, und die Ausstellung im Wien Museum, die dem Phänomen Löschenkohl nach 50 Jahren wieder nachspürt, bezieht sich solcherart sowohl auf die Geschichte des eigenen Hauses wie auf die Geschichte Wiens. Nicht nur die Mode, die Sitten, die Skandale und Ereignisse vom Ende des 18. Jahrhunderts sind in Löschenkohls Bildern unendlich detailreich zu betrachten, es ist auch der Zeitgeist von damals, der sich hier entfaltet.



Was, Wann, Wo:

Hieronymus Löschenkohl.
Sensationen aus dem alten Wien.

Bis 16. August 2009.
Täglich außer Montag 9 bis 18 Uhr
Wien Museum am Karlsplatz

http://www.wienmuseum.at

 


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 / 25.06.2009

 

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