Apotheken-Image-Kampagne
Neuer Zündstoff für Querelen?
Seit Anfang Juli läuft die Image-Kampagne „Zum Glück haben wir eine Apotheke im Ort“ der Österreichischen Apothekerkammer, speziell im ländlichen Raum. Die grassierende Problematik der vermehrt schließenden ärztlichen Hausapotheken und einer möglichst optimalen Patientenversorgung wird damit aber nicht gelöst. Von Ruth Mayrhofer
Mit 1.600 Plakatstellen, zahlreichen Kleininseraten in lokalen Medien, Hörfunkspots und Image-Foldern will die Österreichische Apothekerkammer der Bevölkerung im ländlichen Raum den Stellenwert der Arzneimittelversorgung durch öffentliche Apotheken bewusst machen. Die 15 Plakat-Sujets sind seit Anfang Juli bis Ende August 2009 in 565 Gemeinden affichiert; ganze 300.000 Euro ist der Österreichischen Apothekerkammer diese Image-Kampagne wert. „Die Österreicherinnen und Österreicher sollen die Apotheke als sympathisches, vertrauenswürdiges und kompetentes Gesundheitszentrum kennen- und schätzen lernen“, heißt es im Zielsetzungskatalog, nachzulesen in der Österreichischen Apothekerzeitung vom 22. Juni 2009.
Die für die Apothekerkammer entwickelten Slogans zielen auf drei unterschiedliche Strukturen ab: Neben „Zum Glück haben wir eine Apotheke im Ort“ weisen „Endlich! Bald haben wir eine Apotheke im Ort“ und „Was uns fehlt, ist eine Apotheke im Ort“ auf Zukunftsszenarien hin, die doch auch ein gerüttelt Maß an Konfliktpotenzial mit der Ärzteschaft und insbesondere der Problematik der hausapothekenführenden Ärzte beinhalten. Wie bekannt, werden ärztliche Hausapotheken besonders im ländlichen Bereich zunehmend ausgedünnt, weil gemäß Apothekengesetz die Distanz zwischen Hausapotheken und öffentlichen Apotheken das Maß aller Dinge in der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung darstellt. Aufgrund dieser Sachlage müssen – so eine Apotheke in „Gesetzesdistanz“ eröffnet wird – niedergelassene Ärzte ihre Hausapotheke schließen. Für Apothekerkammer-Präsident Heinrich Burggasser ist dies kein Problem: „Es ist völlig logisch, dass eine Hausapotheke geschlossen wird, wenn eine öffentliche Apotheke eröffnet wird“.
Friedliches Nebeneinander
Die berechtigte Frage, ob ärztliche Hausapotheken und öffentliche Apotheken nicht im friedlichen Nebeneinander bestehen könnten, so wie es etwa auch die Österreichische Ärztekammer anstrebt, schmettert Burggasser ab: „Seit 750 Jahren haben wir in Österreich kein duales System“. Auch gäbe es in nur wenigen Ländern dispensierende Ärzte. Die ärztliche Hausapotheke sei immer als „Notversorgung“ in geografisch und verkehrstechnisch schwer erreichbaren Gebieten gedacht gewesen. Burggasser verweist in diesem Zusammenhang auch auf ein Urteil des Verfassungsgerichtshofes im Jahr 1998, in dem bestätigt wurde, dass eine öffentliche Apotheke Vorrang bei der Arzneimittelversorgung genieße. Zudem gäbe es eine natürliche Gewaltenteilung: „Der Arzt stellt die Diagnose und verordnet das Medikament. Die Apotheke gibt das Arzneimittel ab und berät den Patienten zu allen dazugehörigen Fragen“. Ob das wirklich so einfach ist?
Weiteres „Apothekenpotenzial“ geortet
Derzeit gibt es in ländlichen Gemeinden 450 Apotheken. Nach Ansicht der Apothekerkammer hätten weitere 100 Orte – wie etwa der Wintersportort Großarl – das Potenzial für eine öffentliche Apotheke. In 15 Gemeinden wird es schon demnächst zur Eröffnung einer neuen Apotheke kommen: darunter in Bad Zell (wo zwei Hausapotheken schließen werden), in Hof bei Salzburg, in Kaindorf und in Treffen.
Diskussionsstoff bei Ärzten
All das sorgt natürlich nicht unerwartet für Diskussionen bei der Ärzteschaft. In einer Aussendung weist die Österreichische Ärztekammer darauf hin, dass die medizinische Versorgung der Landbevölkerung besonders in entlegenen Regionen „in Gefahr“ sei. Extremer Einsatz, relativ wenige, dafür betreuungsintensive und größtenteils ältere Patienten sowie neue gesetzliche Regelungen machten es jungen Ärztinnen und Ärzten immer schwerer, sich am Land niederzulassen. „Wir sehen den Trend, dass landärztliche Praxen nach der Pensionierung des Inhabers immer seltener nachbesetzt werden können“, betonte auch ÖÄK-Präsident Walter Dorner am Rande der ÖÄK-Vollversammlung Ende Juni in Goldegg.
Verantwortlich für diese Entwicklung ist laut Jörg Pruckner, dem Leiter des Referats für Landmedizin in der ÖÄK, eine Gesetzesbestimmung, wonach immer mehr Ärzte auf dem Land ihre Berechtigung im Rahmen einer Hausapotheken-Bewilligung Medikamente an ihre Patienten abgeben zu dürfen, verliegen, wenn in der Nähe eine öffentliche Apotheke aufsperrt. Doch seien gerade diese ärztlichen Hausapotheken notwendig, um die Existenz der Landärzte in Bezug auf einen Nachbarkollegen, der entweder eine Hausapotheke führt oder im Ort eine Apotheke hat, in entlegenen Gebieten zu sichern. Die ÖÄK fordert daher ein gezieltes Förderprogramm für die Landmedizin. Pruckner: „Ein wesentlicher Punkt ist dabei der Weiterbestand der Berechtigung zur Führung einer ärztlichen Hausapotheke, wenn sich im Umfeld eine öffentliche Apotheke niederlässt. Es gilt: In jedem Ort mit einem Kassenarzt eine Hausapotheke.“ Schließlich habe die Landbevölkerung Anspruch auf ärztliche Versorgung, unterstreicht Pruckner. „Ärzte sind die ersten Ansprechpartner in allen Gesundheitsfragen. Landärzte haben ein besonders weites Behandlungsspektrum, besuchen ihre Patienten auch in den hintersten Talwinkeln und widmen sich auch der sozialmedizinischen Betreuung.“ Gerade die direkte Abgabe der passenden Medikamente unmittelbar in der Ordination oder bei einem Hausbesuch würde von den Menschen außerordentlich geschätzt. Nicht zuletzt zeigten mehr als 100.000 Unterschriften aus der Landbevölkerung hier ein vitales Bedürfnis, gibt Pruckner zu bedenken. Es sei gerade kranken Menschen nicht zumutbar, für die Ausgabe eines Arzneimittels kilometerlange Wege zur nächsten Apotheke zurückzulegen. Pruckner: „Und das oft mehrmals. Denn vielfach sind die verschriebenen Arzneien in kleinen Apotheken gar nicht vorrätig und müssen erst bestellt werden“.
Position und Gegenposition
Für Apothekerkammer-Präsident Heinrich Burggasser ist die Darstellung des ärztlichen Standpunktes zum Thema „Panikmache“, wie er in einer Aussendung ausrichten lässt. Die neue Imagekampagne der Apothekerkammer sei kein Angriff auf die ärztliche Tätigkeit am Land. Im Gegenteil: „Die Apotheker schätzen die Tätigkeit der Landärzte und die Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker am Land im Interesse der Patienten. Daran ist auch nicht zu rütteln“. Die Apotheker seien verpflichtet, eine umfassende Arzneimittelversorgung für die ländliche Bevölkerung sicherzustellen. Burggasser: „Das ist unser gesetzlicher Auftrag, dem wir selbstverständlich gerne nachkommen“.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2009




