Camerata medica
Musik hält gesund
Vor genau fünf Jahren hat der Wiener Orthopäde Martin Donner die Camerata Medica, ein Kammerorchester, ins Leben gerufen, das großteils aus Ärzten und Pharmazeuten besteht. Von Monika Berthold
Warum eigentlich nicht?“ Das ist die einfache Antwort von Martin Donner auf die Frage, wie er auf die Idee kam, ein Mediziner-Orchester zu gründen. Und es ist die Antwort eines Machers und Enthusiasten. Umtriebig und vielseitig war er schon immer. In Wien geboren, studierte er in seiner Heimatstadt zuerst Wirtschaft und wechselte später zu Medizin. Seine Liebe aber galt immer der Musik. Schon als Mittelschüler studierte er am Konservatorium der Stadt Wien Flöte und schloss mit dem Diplom ab. Nach zwei nicht geglückten Probespielen bei den Wiener Symphonikern entschied er sich doch für den Arztberuf und spezialisierte sich nach dem Medizinstudium im Fach Orthopädie und orthopädische Chirurgie.
Die Arbeit in der orthopädischen Praxis, die er sich in Wien aufbaute, war die eine, das Musizieren die zweite Seite seines Lebens - eine Leidenschaft, die er übrigens mit vielen Arztkollegen gemeinsam hat. In keinem anderen Beruf gibt es so viele Musizierende wie unter den Medizinern. Laut Schätzungen spielt etwa jeder zehnte Mediziner ein Instrument.
Die enge Verbindung zwischen Medizin und Musik geht bekanntlich bis in die Antike zurück. Schon die alten Griechen wussten vom positiven Effekt des Spiels und des Gesangs auf den Organismus. Donner: „Aus der Geschichte der Wiener Universität weiß man, dass man im Mittelalter hier nur dann Medizin studieren durfte, wenn man auch ein Instrument beherrschte. Denn Musik führt zum Menschen.“
Im Frühjahr 2004 war es dann so weit. Donner gründete die Camerata Medica. Es handelt sich dabei, wie aus der Homepage der Musikervereinigung hervorgeht, um ein „aus Angehörigen der medizinischen und pharmazeutischen Berufe zusammengesetztes Kammerorchester, das die ins frühe 20. Jahrhundert zurückreichende Tradition eines Wiener Ärzteorchesters fortführen und mit neuem Leben erfüllen soll“. Das einstige Ärzteorchester entstand, wie Donner berichtet, schon vor dem Ersten Weltkrieg und erreichte ein beachtliches künstlerisches Niveau Nach einer durch den Zweiten Weltkrieg erzwungenen Pause wurde bald nach dem Krieg ein „Wiederbelebungsversuch“ unternommen, der allerdings bald versandete. Donner: „50 Jahre lang gab es dann nichts.“
Bis der Wiener Orthopäde nach zahlreichen Gesprächen mit dem bekannten Internisten, Medizinhistoriker und begeisterten Pianisten Univ. Prof. Anton Neumayr - er beschäftigte sich unter anderem mit den Krankengeschichten berühmter Komponisten wie Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert - einen Neuanfang wagte. „Die Kollegen waren von Anfang an mit Feuereifer dabei“, berichtet Donner. „Schon nach wenigen Wochen formierte sich ein Orchester von 50 Mitgliedern, die, abgesehen von dienstlichen Verhinderungen, privaten oder familiären Verpflichtungen, keine Probe auslassen“. Geprobt wird jeden Mittwoch Abend zwei bis drei Stunden, wozu der jetzt frisch restaurierte Festsaal im Wiener Rudolfspital zur Verfügung steht. Trotz der berufsbedingt oft nicht einfachen Probenlogistik hat das Orchester schon bald nach seiner Gründung eine bemerkenswerte Qualität erreicht und mittlerweile bereits zwölf Konzerte gegeben, wofür die Akademie der Wissenschaften genauso ihren Festsaal öffnete wie das Congress Casino Baden, das Wiener Konzerthaus oder das Akademische Gymnasium in Wien.
Gemäß dem Motto „Musik hält gesund“ gehören für die Orchestermitglieder die Proben zu den Fixterminen im Wochenkalender, auf die sie sich freuen. „Musik ist ein guter Ausgleich für unseren Beruf, der uns oft mit menschlichen Extrem-Situationen konfrontiert. Und Musizieren vermittelt noch etwas, vielleicht das Wichtigste im Leben, nämlich die Fähigkeit, etwas miteinander zu tun, im Team zu agieren, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Das ist besonders wichtig für junge Leute, die sich, speziell in Zeiten wie diesen, zunehmend als Einzelkämpfer fühlen“, meint Donner. Darüber hinaus widmen die musizierenden Ärzte ihre Kunst einem guten Zweck. Bisher gab es Benefizkonzerte für das Kinderkrebsforschungsinstitut am St. Anna-Kinderspital, für „Ärzte ohne Grenzen“, „die Möwe“, die „Down-Syndrom Österreich“-Selbsthilfeorganisation, das Palliativhospiz in Rohrbach im Mühlviertel, für die „CliniClowns“ („Rote Nasen“) und die österreichische Flüchtlingsorganisation Hemayat.
Für den Herbst steht etwas Besonderes bevor. Die Camerata Medica feiert mit einem Festkonzert im Großen Sendesaal des ORF ihr fünfjähriges Bestehen. Auf dem Programm stehen neben der „Egmont“-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven, das „Concierto de Aranjuez“ für Gitarre und Orchester von Joaquin Rodrigo mit einem Gitarrevirtuosen aus Montevideo und Dvorak‘s 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“. Orchesterleiter ist Nicolas Radulescu, der, in Graz zum Dirigenten ausgebildet, die musizierenden Ärzte seit März 2006 in idealer Weise betreut. Er weiß genau, was er von einem zwar sehr ambitionierten, aber eben doch nicht Berufs-Orchester, verlangen kann und wird mit seiner freundlich-bestimmten Art von allen Musikern voll akzeptiert.
Camerata Pannonica seit 1993
Donner, selbst Flötist, bringt übrigens in Sachen Orchesterführung jede Menge Erfahrung mit. Bereits 1993 gründete er das Internationale Kammerorchester Camerata Pannonica (CAMPAN), das Musiker aus der ganzen Welt alljährlich im Grenzgebiet zwischen Österreich und Ungarn zusammenbringt. Begonnen hat die CAMPAN vor 17 Jahren im Esterházy‘schen Sommerschloss im ungarischen Fertöd. Nach zwölf Jahren übersiedelte sie 2004 in das österreichisch-ungarische Grenzstädtchen Köszeg, wo jeden Sommer zehn Tage in einer - zu dieser Zeit leerstehenden - Internatsschule gewohnt, geprobt und auch jede Menge Kammermusik gespielt wird.
Das Abschlusskonzert findet seit 2007 im neu erbauten Franz Liszt-Konzertzentrum im Geburtsort von Liszt im burgenländischen Raiding statt - einem Konzertsaal, der architektonisch, vor allem aber mit seiner ausgezeichneten Akustik seinesgleichen sucht. Auf dem Programm steht nahezu die gesamte Orchesterliteratur von Mozart und Haydn über die Romantiker bis Kodály und Strawinsky. Sonntag, den 30. August 2009 ist es wieder so weit - die Camerata Pannonica bringt in Raiding für fast 600 Konzertgäste Gustostücke von Haydn, Schostakowitsch und Bruckner zur Aufführung. Die Leistungen erreichen internationalen Standard und sind bereits im ganzen Land bekannt. Donner: „Wir haben Spitzenkräfte dabei wie die Pianistin Catalina Butcaru aus Wien, die als Shooting-Star der jungen Generation gehandelt wird oder den aus der italienischen Schweiz stammenden Cellisten Orfeo Mandozzi. Für die Qualität garantiert vor allem unser Nicolas Radulescu, der seit 2007 auch die Camerata Pannonica leitet.“
80 Prozent des Orchesters zählen bereits zum fixen Ensemble. Die Musiker sind Ärzte, Wissenschafter oder Journalisten. Sie überwinden mit ihrem Spiel Sprach- und Landesgrenzen. Ihr Berufsalltag tritt einige Tage hinter ihre musikalische Berufung zurück. Organisiert wird alles, sowohl die „Medica“ als auch die „Pannonica“, von Martin Donner und seinen Mitarbeitern aus den beiden Orchestern. Der Orthopäde auf die Frage, wann er denn eigentlich schlafe: „Am Wochenende. Überdies - mit Musik geht alles. Sie verleiht Flügel.“
Details zum Konzert
Das diesjährige Konzert der Camerata Pannonica findet am Sonntag, dem 30. August 2009 um 11 Uhr statt.
Ort: Franz Liszt-Zentrum Raiding/Burgenland
Dirigent: Nicolas Radulescu
Solist: Orfeo Mandozzi
Programm:
J. Haydn - Ouverture zur Symphonie Nr. 60 „Il Distratto“
D. Schostakowitsch - Konzert für Violoncello und Orchester, op.107
A. Bruckner - Sinfonie Nr. 4 in Es-Dur „Romantische“
Kartenbestellung unter: 01/894 0614 oder per E-Mail: martin@donner.at
Tipp:
www.cameratamedica-wien.at
www.camerata-pannonica.com
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2009




