Influenza-Impfung
Image-Probleme
Nur rund 15 Prozent der Österreicher sind gegen Influenza geimpft. Österreich gehört damit europaweit zu den Schlusslichtern. Derzeit wird an einem Impfstoff gegen die Neue Grippe gearbeitet. Geimpft werden muss aber sowohl gegen die saisonale als auch gegen die Neue Grippe. Von Sabine Fisch
"Es gibt kaum einen Bereich, in dem so viele falsche Vorstellungen vorherrschen, wie bei der Impfung gegen Influenza“, sagte Univ. Prof. Michael Kundi, Leiter des Instituts für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien im Rahmen einer Podiumsdiskussion anlässlich der 5. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM). „Das beginnt schon mit dem Verwechseln der Grippe mit dem grippalen Infekt“, so Kundi weiter. Trotzdem liegt die Durchimpfungsrate in Österreich nur bei 15 Prozent. „Die Erfahrungen der vergangenen Saison waren fürchterlich“, betonte Univ. Prof. Michael Kunze, Leiter des Instituts für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien. „Die Influenza-Impfung hat ein Imageproblem, erklärte der Sozialmediziner und ergänzte: „Entscheidend ist die Rolle der Kollegen.“ Wolfgang Ecker vom Gesundheitsministerium sieht die „saisonale Influenza als stark unterschätzte Infektionskrankheit.“ Vor allem die Verwechslung zwischen Grippe und grippalem Infekt führe dazu, dass viele Menschen die Influenza-Impfung ablehnen würden.
Druck machen
Eine Ansicht, der Univ. Prof. Wolfgang Popp, Vorstand der 11. Medizinischen Abteilung am Geriatriezentrum Wienerwald, durchaus zustimmt. Er fordert die Kollegen auf, mehr Druck auf die Patienten auszuüben: „Hängen Sie ein Plakat mit den Impfempfehlungen in die Ordination und sprechen Sie ihre Patienten konkret auf die Impfung an“, forderte der Experte und fügt hinzu: „Wir brauchen nur die Impfung. Sie ist das Beste, was wir tun können.“ Dem pflichtet die niedergelassene Allgemeinmedizinerin Ingrid Pichler bei - wenn auch mit Vorbehalt: „Besonders die jährlich zu erneuernde Impfung ist den Patienten schwer zu erklären“. Sie plädiert für eine intensive Öffentlichkeitsarbeit für die Influenza-Impfung, denn „am besten funktioniert in meiner Praxis die FSME-Impfung.“ Diese wird - seit Jahren in gleicher Weise - zu Beginn der Zecken-Saison intensiv mit Plakaten und Fernsehspots beworben. Außerdem macht Pichler auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Gerade die Generation der 30- bis 50-Jährigen ist eher keine Stammklientel in der Praxis des Allgemeinmediziners. Da hilft auch kein Wartezimmerplakat.“ Diese Patienten seien nur über eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit zu erreichen. Und daran fehlt es.
Influenza-Impfstoffe werden von mehreren Pharmafirmen hergestellt. Bislang gab es keine Bestrebungen, gemeinsame öffentlichkeitswirksame Anstrengungen für eine Impfkampagne zu unternehmen. „Ich fordere die Pharmafirmen auf, sich zusammen zu tun und gemeinsam Werbung für die Influenza-Impfung zu machen“, fordert Univ. Prof. Egon Marth, Vorstand des Institutes für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin an der Medizinischen Universität Graz. Der Umwelthygieniker ist davon überzeugt, dass „in Österreich massiv daran gearbeitet werden muss, die Mitbürger von der Influenza-Impfung zu überzeugen.“
Ärzte auch lustlos
Allerdings steht die Unlust an der Grippeimpfung in der Bevölkerung jener unter den Ärzten um nichts nach – wenn es dafür auch keine offiziellen Zahlen gibt. Ein unorthodoxes Beispiel aus Graz zeigt allerdings, dass auch Ärzte zur Grippe-Impfung „motiviert“ werden müssen, wie der Betriebsdirektor der Universitätsklinik Graz, Gebhard Falzberger, berichtet: „2005 waren an der Landesklinik von 7.000 Mitarbeitern nur 400 grippegeimpft.“ In diesem Jahr wurde das „grippefreie Klinikum“ ausgerufen – mit wenig Erfolg, obwohl die Impfung gratis angeboten wurde. 2006 wurden die Führungskräfte an der Klinik – nach Falzbergers Worten „massiv dazu motiviert, sich für die Grippeimpfung einzusetzen.“ Außerdem wurden mobile Impfteams zusammengestellt, welche die Angestellten an ihrem Arbeitsplatz immunisierten. Dies erhöhte die Rate der geimpften Mitarbeiter des Klinikums auf immerhin 1.500. Im Jahr 2007 war dann ein Anstieg auf 4.500 Mitarbeiter, die sich gegen Influenza impfen ließen, zu beobachten. Den massiven Anstieg erklärt Gebhard Falzberger wie folgt: „Wir haben jedem Angestellten, der sich impfen ließ, eine Gratisvignette oder zwei Monatskarten für die Grazer Verkehrsbetriebe geschenkt.“ Dieses Geschenk wurde 2008 nicht mehr angeboten. Die Folge: Nur noch 1.800 Angestellte der Grazer Landesklinik folgten dem Aufruf zur jährlichen Grippeimpfung.
Verbote verhindern Impfung
Auch Wolfgang Popp setzte sich an seiner Abteilung am Geriatriezentrum Wienerwald intensiv für die Impfung der Angestellten ein. „Wir haben unseren Ärzten gesagt, dass sie die Kollegen impfen sollen“, berichtet Popp, der damit die Durchimpfungsrate auf 95 Prozent erhöhen konnte. Dann folgte allerdings ein herber Rückschlag: „Diese Aktion wurde uns verboten. Nur der Betriebsarzt dürfe die Angestellten impfen.“ Die Folge auch hier: Die Durchimpfungsrate sank auf magere 20 Prozent. Egon Marth wiederum berichtete von einer Weisung des ehemaligen Leiters der Abteilung für Kinderheilkunde am Krankenhaus Leoben, Univ. Prof. Ingomar Mutz: „Wer in seiner Abteilung während der Grippe-Saison nicht gegen Influenza geimpft war, durfte die Intensivstation nicht betreten.“
Teure Impfung?
Für die Bevölkerung gilt, so die Ansicht der Teilnehmer der Podiumsdiskussion, dass ein wesentlicher Hemmschuh die Kosten für die Influenza-Impfung darstellen. „Die Sozialversicherungen bezahlen die Influenza-Impfung nicht“, meldete sich der Chefarzt der BVA, Dietmar Steinbrenner, aus dem Publikum zu Wort und hielt ein prinzipielles Problem in diesem Zusammenhang fest: „Die Krankenversicherung hat den gesetzlichen Auftrag zur Krankenbehandlung und nicht zur Prophylaxe. Deshalb können wir die Impfung auch nur bezuschussen, aber nicht zur Gänze finanzieren.“ In den Augen von Michael Kundi „eine Schande. Das ASVG wurde bereits x-mal novelliert, und trotzdem bleibt die Prävention ausgespart.“ Inklusive Ärztehonorar kostet die Impfung den Impfling zwischen 27 und 30 Euro. Impfaktionen, die jedes Jahr laufen, vergünstigen den Preis meist noch um rund zehn Euro. In der Praxis scheint dies allerdings wenig zu ändern. So berichtet eine Betriebsärztin der Wiener Linien aus dem Publikum, dass die Durchimpfungsrate bei den Wiener Linien - trotz Gratisimpfung - konstant bei rund 20 Prozent liege.
Kinder als Grippe-Motoren
Peter Grabner, Chefarzt der Versicherungsanstalt der österreichischen Eisenbahnen will die Ärzte in die Pflicht nehmen: „Sie haben es in der Hand, die Impflust zu schüren“, appelliert Grabner an seine niedergelassenen Kollegen. „Denn durch eine hohe Durchimpfungsrate können wir eine Epidemie verhindern“, so Grabner. Dabei soll es bei weitem nicht nur um die Impfung von Risikogruppen wie etwa ältere Menschen oder chronisch kranke Patienten gehen. Vor allem die Kinder, so die Diskussionsteilnehmer, dürften nicht vergessen werden. „Die Kinder sind die Motoren der Epidemie“, sagte Michael Kunze. Michael Kundi ergänzt: „Die Kinder werden von den Eltern angesteckt, die Säuglinge stecken die Kinder an und diese infizieren die älteren Menschen.“
Ärzte als Multiplikatoren
Speziell in Zeiten einer Pandemie sollte die Influenza-Impfung ein wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsvorsorge sein, waren sich die Experten der Podiumsdiskussion abschließend einig. „Die Neue Grippe weist einige Parallelen zur Spanischen Grippe auf“, warnte Egon Marth. „Wenn das Virus mutiert, könnten wir vor einer ähnlichen Situation wie 1918 stehen.“ Denn auch die Neue Grippe greift am häufigsten junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren an, wie dies auch bei der Spanischen Grippe der Fall war. Eine Impfung gegen die saisonale Grippe ersetzt allerdings die Immunisierung gegen die Neue Grippe, die ab Herbst 2009 in Österreich erhältlich sein soll, nicht. Geimpft werden muss dann gegen beide Grippetypen.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2009




