Interview - Präs. Walter Dorner
Alles ausgeschöpft
Die Ärzte haben im Zug der Verhandlungen alle Möglichkeiten ausgeschöpft, zur Kostendämpfung im niedergelassenen Bereich beizutragen, sagt ÖÄKPräsident Walter Dorner. Er fordert nun die Regierung auf, die richtigen Hebel in Bewegung zu setzen. Das Gespräch führte Agnes M. Mühlgassner.
ÖÄZ: Nachdem das sogenannte Kassenpapier fertig war, hat der Finanzminister ein „Njet“ eingelegt und Nachbesserungen gefordert. Haben die ÖÄK und der Hauptverband ihre Aufgabe nicht gut erledigt?
Dorner: Ich glaube nicht, dass er Nachbesserungen will, sondern Konkretisierungen über die Höhe der Einsparmöglichkeiten, wobei wir ja immer gesagt haben, dass die Maßnahmen, die wir vertreten haben, jene Bereiche berühren, die in Sillian im Regierungsprogramm angesprochen wurden und auch zur Kostendämpfung führen. Gerade die Ärzte haben schon 2008 und 2009 mit maßvollen Abschlüssen weit unter der Inflationsrate und mit dem sorgsamen Umgang bei der Medikamentenverschreibung wesentlich dazu beigetragen, dass es den Krankenkassen nicht schlechter geht als jetzt.
Sind Sie zufrieden mit dem, was in den Gesprächen zwischen der ÖÄK und dem Hauptverband herausgekommen ist?
Die Inhalte der Strukturverbesserung in ihrer Gesamtheit werden zu Kostendämpfungen führen, aber sie müssen auch behutsam umgesetzt werden, um dem niedergelassenen Bereich die Weiterentwicklung und den dynamischen Fortschritt in der Medizin nicht vorzuenthalten.
Wo sehen Sie den großen Durchbruch bei den Ergebnissen?
Die Tätigkeit in den vier Arbeitsgruppen, die breit zusammengesetzt waren mit Vertretern aus der Ärzteschaft, war doch ein wesentlicher Punkt für die letztendlich pragmatische Endfertigung des Papiers. Wichtig ist, dass man sich vor einem Jahr vorgenommen hat, gemeinsam mit dem Hauptverband die Umsetzung „Vertrag vor Gesetz“ nie aus den Augen zu verlieren. Entscheidend dafür ist, dass ein Großteil der Umsetzung im Gesamtvertrag festgelegt ist und nach diesen Regeln umgesetzt wird. Dies gilt für die Einzel-Ordinationen, aber auch für alle Formen der ärztlichen Zusammenarbeit, sei es im Bereich der Gruppenpraxen oder bei den Ärzte-GesmbHs. Speziell bei den Ärzte-GesmbHs scheint der Durchbruch gelungen zu sein, dass es für Ärzte ein und dieselben Rechte gibt wie für GesmbHs im Bereich der Rechtsanwälte, eben speziell auf die Bedürfnisse der freiberuflichen Tätigkeit zugeschnitten.
Noch vor einem Jahr wollte man den Ärzten die Qualitätssicherung wegnehmen. Jetzt sieht es aber so aus, dass die ÖQMed eine enorme Ausweitung ihrer Kompetenzen erfahren hat.
Natürlich hat man auch bei der Qualitäts-Diskussion schon bei der Baumblüte festgestellt, dass das Obst wurmig sein würde. Jetzt sieht man, dass wir sehr wohl in der Lage sind, gute Früchte zu produzieren, die auch die Qualitäts-Merkmale der modernen Managements haben, wie etwa die erst kürzlich erfolgte ISO-Zertifizierung der ÖQMed, dass wir darüber hinaus auch in der Lage sind, die Ausbildung wie den Lehrgang für Riskmanagement im Spital anzubieten und dass wir die Erfahrungen auf diesem Gebiet so erweitern können, dass die ÖQMed auch im Fehlermelde- und Fehlerlernsystem CIRS ihre Berechtigung hat. Das ergibt automatisch auch eine deutliche Präferenz für weitere Prozess-Vorgänge in der Ordination und daraus geht auch automatisch hervor, dass Prozess- und Ordinationsmanagement die nächste Stufe sein werden, auf die man bei den Kollegen Wert legen wird.
Waren Sie sehr verärgert, als Hans-Jörg Schelling über die Medien verkündet hat – ohne dass es vorher mit der ÖÄK abgesprochen war, dass ein Einsparpotenzial von 2,5 Milliarden mit dem Kassenpapier möglich ist?
Ich war nicht nur verärgert, sondern ich war sehr verwundert, dass ein exzellenter Manager und Wirtschaftsfachmann, der sich in ökonomischen Dingen besonders gut auskennt, Begriffe völlig sachfremd verwendet hat, wo doch jeder weiß, dass es sich bei der versuchten Kassensanierung mit dem Strukturpapier „nur“ um sogenannte Dämpfungsmaßnahmen handeln kann, die das schwarze Loch der Krankenkassen nicht größer werden lassen. Trotzdem bleibt das Thema der Entschuldung der Krankenkassen eine vordringliche Forderung meinerseits und vieler Experten. Nur wenn man die Lasten, die man vor sechs Jahren den Krankenkassen auferlegt hat, abnimmt, werden sie das Joch der Verschuldung ablegen können.
Völlig offen ist ja nach wie vor der Spitalsbereich. Wie geht es hier weiter? Was kann oder muss hier geschehen?
Die Spitäler sind nur deshalb nicht angerührt worden, weil es die 15a-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern gibt. Man wird sich auch hier dieses System überlegen müssen, nicht, dass es weniger Geld für die Spitäler gibt, sondern ob das LKF-System in der heutigen Zeit noch objektiv und sinnvoll ist. Man wird sich auch ganz klar entscheiden müssen: Wenn ein Patient im Bett liegt, dessen Bett ist es. Und nicht: ob man von einem akut oder chronisch Kranken spricht.
Im Bereich IT sind die Formulierungen im Kassenpapier nur sehr vage; hier ist die Rede von Absichtserklärungen. Warum gibt es hier keine konkreteren Aussagen?
Gerade was den IT-Bereich anlangt, sind viele Aspekte, unter anderem der finanzielle, in ihrer gesamten Tragweite nicht völlig klar. IT wird nur dann eine deutliche Verbesserung der Kostenstruktur bringen, wenn dadurch das Service für den Menschen erhöht, die Bürokratie beim Arzt verringert und die Unterstützung für den Arzt erhöht wird. Wenn man versucht, diese Entwicklung nur als Kontroll- und Spitzelorgan zu installieren, wird man scheitern. Die Entwicklung in diesem Bereich ist unzweifelhaft nicht mehr zurückzudrehen. Es war ein guter Weg, die E-Card einzuführen. Bei den Krankenhäusern aber konnte man sich nicht flächendeckend einigen, welches System der Datenverarbeitung man verwendet. Es gibt aber sicher moderne und billigere Systeme als die, die wir derzeit haben.
Wie geht es jetzt mit dem Kassenpapier weiter?
Ich denke, dass wir gut gearbeitet und ein gutes Papier erstellt haben. Das wird auch der Herr Vizekanzler sehen. Die Regierung soll dort die Hebel ansetzen, wo sie selbst schon geortet hat, dass man sparen kann. Wir Ärzte können nicht einsparen, wir können nur zur Kostendämpfung beitragen. Sonst kommt es zu Rationierungen.
Sind Sie optimistisch, dass das Papier im Herbst akzeptiert wird?
Wir Ärzte haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir sind bis an den äußersten Limes der Möglichkeiten der niedergelassenen Ärzte gegangen. Beim nächsten Schritt der Belastung wird das Wasser überrinnen. Ich möchte im Herbst nicht einen ähnlichen Zustand erleben so wie jetzt im Sommer das Wetter die Bevölkerung belastet.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2009






