ÖÄK-Diplom Geriatrie
Enorm gestiegenes Interesse
Im Herbst dieses Jahres feiert der ÖÄK-Diplomkurs Geriatrie sein 20-jähriges Bestehen. Waren es zu Beginn gerade einmal 35 Ärzte, die den Kurs absolviert haben, ist das Interesse daran enorm gestiegen: Jährlich absolvieren 180 Ärzte die bis dato einzig mögliche Fortbildung in diesem Bereich. Von Sabine Fisch
Bisher haben rund 1.500 österreichische Ärztinnen und Ärzte den Diplomkurs Geriatrie der Österreichischen Ärztekammer absolviert. „Trotz dieser beeindruckenden Zahl führt die Geriatrie im medizinischen Fächerkanon in Österreich immer noch ein Schattendasein“, beklagt Univ. Prof. Franz Böhmer, Leiter des ÖÄK-Diploms Geriatrie/Ost. „Auf universitärer Ebene findet sich bisher nur in Salzburg ein Lehrstuhl für Geriatrie“, so Böhmer. Dies soll sich allerdings bald ändern: In Wien wurde vor kurzem eine Professur für Geriatrie ausgeschrieben.
Große Nachfrage
Bis dato stellt der Diplomkurs Geriatrie der Österreichischen Ärztekammer die einzige mögliche Fortbildung für Ärzte in diesem so wichtigen Bereich dar. Die Nachfrage nach der Ausbildung ist hoch. „Die Medizin für den älteren Menschen gewinnt im Hinblick auf die demographische Entwicklung zunehmend an Bedeutung“, erläutert Univ. Prof. Monika Lechleitner, ärztliche Leiterin des Krankenhauses Hochzirl und Leiterin des DFP Geriatrie/West. Im Jahr 2001 lebten in Österreich 596.000 Menschen über 75 Jahre, 2021 werden es bereits 815.000 sein.
180 Plätze bietet der - in Ost und West geteilte - ÖÄK-Diplomkurs Geriatrie. Bisher konnte der Kurs innerhalb von zwei Jahren absolviert werden. Wenn der Additivfacharzt Geriatrie umgesetzt ist, wird der Diplomkurs eine wichtige Voraussetzung für den Erwerb dieses Facharzttitels bieten. „Dem Diplomlehrgang kommt dann die wichtige Aufgabe der Vermittlung von geriatrischem Basiswissen zu“, weiß Monika Lechleitner. Beide Kursleiter rechnen mit einer Zunahme der Anmeldungen. Um dem Rechnung zu tragen, wird die Dauer des Kurses in Zukunft wahrscheinlich auf ein Jahr verkürzt werden.
Problem Polypharmazie
Die Kursteilnehmer erhalten einen umfassenden Überblick über Erkrankungen und funktionelle Probleme beim geriatrischen Patienten. Zu den Hauptinhalten des Diplomlehrganges zählt die Charakterisierung des geriatrischen Patienten mit seinen altersbedingten Funktionseinschränkungen, der Multimorbidität, den häufig unspezifischen Krankheitssymptomen und dem speziellen Handlungsbedarf in rehabilitativer, somatopsychischer und psychosozialer Hinsicht. „Wir vermitteln die Methode des geriatrischen Assessments, aber auch die Problematik der Polypharmazie und der Arzneimittelinteraktionen“, erläutert Monika Lechleitner.
„Die Polypharmazie ist ein ganz großes Problem beim älteren Patienten“, ergänzt Franz Böhmer. „Wenn jemand fünf verschiedene Medikamente einnehmen muss, leidet dieser Patient in 50 Prozent der Fälle unter unerwünschten Nebenwirkungen“, berichtet Böhmer: „Bei acht Medikamenten liegt die Nebenwirkungsrate bei 100 Prozent.“ Ein Arzt, der den ÖÄK-Diplomkurs Geriatrie absolviert hat, wird - so Böhmer - die Anzahl der verordneten Medikamente nicht halbieren können - aber „er wird zumindest jene Medikamente wählen, die dem alten Menschen nicht schaden, die nicht zu einer Verschlechterung seiner Kognition, seiner Kontinenz oder seiner Homöostase führen.“ Das Wissen um die richtige Medikation für den älteren multimorbiden Patienten umfasst auch den richtigen Umgang mit Diagnosen: „Nicht jede Diagnose beim geriatrischen Patienten muss behandelt werden“, sagt Franz Böhmer. „Eine Behandlungsnotwendigkeit ergibt sich dann, wenn der Patient unter seinen Symptomen leidet oder seine Lebensqualität sich verschlechtert.“
Integraler Bestandteil
Weitere Schwerpunkte des ÖÄK-Diploms Geriatrie sind die Neurogeriatrie und die Gerontopsychiatrie sowie die Palliativmedizin: „Gerontopsychiatrische Inhalte sind von großer und interdisziplinärer Bedeutung“, weiß Lechleitner. Verwirrtheitszustände stellen etwa bei zehn bis 30 Prozent der über 65-Jährigen den primären Grund für eine stationäre Aufnahme dar, weitere 15 bis 30 Prozent entwickeln während eines stationären Aufenthaltes ein Delir. Auch die mit dem Alter zunehmende Anzahl von Demenz- und Schlaganfallpatienten stellen eine interdisziplinäre Herausforderung dar - im Idealfall ist der geriatrisch gebildete Arzt dafür die erste Anlaufstelle. „Der Schwerpunkt Palliativmedizin schließlich ist ein integraler Bestandteil der Geriatrie und „jeder Geriater muss damit umgehen können“, betont Böhmer.
Die Voraussetzungen zur Teilnahme am ÖÄK-Diplomkurs Geriatrie sind denkbar „niederschwellig“. „Die Teilnehmer sind Ärzte aus den verschiedenen Fachbereichen mit einem besonderen Engagement für ältere Patienten und einer entsprechend positiven Einstellung für diesen zunehmend wichtigen medizinischen Schwerpunkt“, sagt Monika Lechleitner. Und Franz Böhmer ergänzt: „Alle Ärztinnen und Ärzte, für die Geriatrie ein wichtiges Thema ist, sind herzlich eingeladen, am Kurs teilzunehmen.“
Stattlicher Baum
1989 fand der erste ÖÄK-Diplomkurs Geriatrie statt, damals nahmen 35 Ärzte daran teil. Mittlerweile wurde der Kurs auf 180 Plätze erweitert. Um eine möglichst wohnortnahe Kursteilnahme zu ermöglichen, wird der Kurs sowohl im Osten als auch im Westen Österreichs abgehalten. Für Böhmer hat sich die Arbeit jedenfalls gelohnt: „Aus einem kleinen Pflänzchen, das vor 20 Jahren gepflanzt wurde, ist ein großer und stattlicher Baum geworden“, so das Resümee des langjährigen Kursleiters. „Der Kurs ist aus dem Diplomfortbildungsprogramm nicht mehr wegzudenken.“ Für die Zukunft wünscht sich Böhmer, „dass die Geriatrie analog der Onkologie denselben Stellenwert im medizinischen Fächerkanon erhält.“
ÖÄK-Diplom Geriatrie
Kursbeginn: 13. November 2009
Kursleitung:
Prof. Dr. Franz Böhmer (Ost),
Univ. Prof. Dr. Monika Lechleitner (West),
Österreichische Ärztekammer,
Referat für Geriatrie
Veranstalter:
österreichische akademie der ärzte
Kurskosten:
€ 2.330,- bei Anmeldung bis 31.7.2009
€ 2.390,- bei Anmeldung nach dem
31.7.2009.
Weitere Informationen:
http://www.arztakademie.at
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2009





