ÖÄZ 13/14 - 15.07.2009Spitalsärzte - hoher Dokumentationsaufwand

Spitalsärzte


Spitzenleistungen trotz Spitzenstress


Österreichs Spitalsärzte betreuen Millionen Patienten nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen – und das unter zunehmend schwierigeren Bedingungen: So benötigen Spitalsärzte mittlerweile 40 Prozent ihrer Zeit für die Dokumentation.


Dass der Betrieb in den Spitälern überhaupt noch funktionieren kann, ist der Kompetenz und Flexibilität der Ärztinnen und Ärzte zu verdanken, die bereits an die Grenze ihrer Möglichkeiten stoßen“, betonte der Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte im Rahmen einer Pressekonferenz Anfang Juli in Wien. In den österreichischen Spitälern arbeiten mehr als 20.000 Ärzte. So sind beispielsweise in den Spitälern der steirischen KRAGES rund 2.000 Ärzte tätig; davon sind 15 Prozent rund um die Uhr anwesend. Wieso die Arbeitsbelastung dermaßen gestiegen ist, erläutert Mayer folgendermaßen: „In den letzten Jahren hat es eine massive Steigerung der Belegstage gegeben bei gleichzeitigem Rückgang der Liegedauer der Patienten.“ Die Konsequenz, die sich laut Mayer daraus ergibt: „Unsere Arbeitszeiten sind intensiver geworden.“ Noch dazu kämen viele Arbeiten, die uns „an die Grenze der Belastung bringen“ – als Beispiele nannte er etwa die Tätigkeit in den Ambulanzen sowie die Dokumentation. Und trotz der widrigen Umstände werde in Österreichs Spitälern Spitzenmedizin geboten, wie Mayer betonte.

Als Negativ-Beispiel in puncto Ambulanzen berichtete der oberste Spitalsärztevertreter in der ÖÄK, dass etwa im Klinikum Wels-Grieskirchen an einem Wochenende - also von Freitag Nachmittag bis Montag in der Früh - rund 1.000 (!) Ambulanzkontakte verzeichnet werden. Und  auch die Dokumentation wird immer mehr anstatt weniger. Harald Mayer: „Derzeit verbringen wir schon 40 Prozent unserer Arbeitszeit nur mit Dokumentation.“ Wieso hier nichts passiert? Mayer: „Von Seiten der Bundeskurie fordern wir schon seit fünf Jahren die Einführung eines Dokumentations- Assistenten. Für diese Arbeit kann man kostengünstigeres Personal einstellen und wir Ärzte hätten dann automatisch wieder mehr Zeit dafür, was wir gelernt haben: nämlich für die Behandlung von Patienten.“

Insgesamt sprechen die Fakten eine eindeutige Sprache. Die Zahl der in den öffentlichen Krankenhäusern stationär behandelten Fälle steigt kontinuierlich an. Mittlerweile werden pro Jahr 2,7 Millionen Patienten in Krankenhäusern aufgenommen. Die Konsequenz: Auf einen Arzt kamen 1995 rund 125 Patienten, 2007 waren es bereits 138. Mayer: „Die zunehmende Belastung hat negative Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Spitalsärztinnen und Spitalsärzte, denn dieser Leistungsdruck schlägt sich nach wie vor in überlangen Dienstzeiten nieder. Die Einhaltung der Arbeitszeiten wird seit dem Vorjahr erfreulicherweise schärfer kontrolliert. Diesen Weg muss man weitergehen, denn das dient der Sicherheit der Patienten und ist für die Gesundheit der Ärztinnen und Ärzte notwendig.“

Die schwierige Situation wird dadurch verschärft, dass auch die Zahl der Ambulanzbesuche zunimmt. Sie liegt derzeit bei rund 16 Millionen im Jahr. Jeder fünfte Österreicher sucht – vor allem am Wochenenden und an Feiertagen – zumindest einmal im Jahr eine Spitalsambulanz auf, sagt die Statistik. Allein am AKH Wien erfolgen im Jahr durchschnittlich 1,3 Millionen ambulante Untersuchungen bei rund 600.000 Patienten. Harald Mayer: „Wir brauchen endlich neue Kooperationsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte. Nur so können Ordinationen arbeitsteilig in den Abenden und an Wochenenden geöffnet sein.“

Die gegenwärtige Situation bringt die Spitalsärzte jedoch an ihre Grenzen. „Wir sind teilweise sogar über der Grenze der Belastbarkeit“, wie der Kurienobmann erklärt. „Es gibt keine andere akademische Berufsgruppe mit einer so hohen Burnout-Rate und einer so hohen Suizidrate.“ Nach dem derzeit gültigen Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz (KAAZG) sind bis zu 72 Stunden Wochenarbeitszeit erlaubt, im Durchrechnungszeitraum sogar bis zu 60 Stunden. Seit 1. September 2008 gibt es („glücklicherweise“ – Zitat Mayer) Sanktionsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst. Mayer dazu: „Offensichtlich ist das der einzige Weg, dieses Gesetz einzuhalten.“

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen leisten die Ärzte in den Spitälern hervorragende Arbeit, die international anerkannt wird. Der European Consumer Health Index attestiert Österreich kurze Wartezeiten auf medizinische Leistungen, sehr gute medizinische Ergebnisse, eine ausgezeichnete Erreichbarkeit medizinischer Leistungen und Platz 1 bei der Langzeit-Überlebensrate bei Krebs. Mayer: „Österreich kann auf diesen hohen medizinischen Standard stolz sein. Den Verantwortlichen muss aber auch klar sein, dass es dringend Reformen zur Entlastung der Ärzteschaft geben muss, damit dieser Standard beibehalten werden kann.“ KM, AM  


Medizinischer Fortschritt zum Wohle der Patienten


Behandlungs- und Operationsmöglichkeiten verändern den Berufsalltag der Spitalsärztinnen und Spitalsärzte, berichtet der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie Univ. Prof. Albert Tuchmann. Diese Methoden ermöglichen es einerseits, immer mehr Patientinnen und Patienten in kürzerer Zeit zu behandeln, und sie bringen andererseits den Kranken entscheidende Verbesserungen und einen Gewinn an Lebensqualität.

Zu den wichtigen medizinischen Fortschritten der letzten Jahrzehnte zählt die minimal-invasive Chirurgie. Seit Ende der 1980er-Jahre werden immer mehr Körperregionen minimalinvasiv operiert, insbesondere der Appendix, Hernien, der Dickdarm, Zwerchfell-Brüche oder Gastric banding. Auch Tumor-Operationen können minimal-invasiv durchgeführt werden.

Als neues Verfahren wurde kürzlich beim 50. Chirurgenkongress in Wien die Operationsmethode „Notes“ vorgestellt. Der Begriff steht für „Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery“, also für Eingriffe, bei denen der Operateur natürliche Körperöffnungen als Zugang für seine Instrumente nutzt, wie Mund, Scheide oder After. Die Narben befinden sich im Körperinneren und sind damit nicht sichtbar. So wurden beispielsweise bereits Gallenblasen durch die Scheide der Frau entfernt. Die Operationszahlen steigen stetig, die Methode befindet sich aber noch in der klinischen Erprobung.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2009


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