Standpunkt - Präs. Walter Dorner
Fit, fitter, gedopt
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Leistung ist die Devise des 21. Jahrhunderts. Wohin man auch blickt: Immer wird eine Topleistung verlangt – das beginnt schon bei den Kindern in der Schule, setzt sich fort im Studium und im Beruf und selbst in der Freizeit beim Sport. Es wird immer das absolute Maximum verlangt. Geflissentlich wird dabei darauf vergessen, dass wir keine Maschinen, sondern Menschen sind - und demzufolge die Leistungsfähigkeit nicht grenzenlos gesteigert werden kann.
Der Wunsch des Menschen nach (künstlicher) Leistungssteigerung ist so alt wie die Menschheit selbst: höher, weiter, stärker war das Urprinzip, das den Menschen in der Steinzeit das Überleben gesichert hat. In der modernen Leistungsgesellschaft wurde sie zum Maßstab aller Dinge gemacht, um in den sportlichen Olymp von Ruhm, Anerkennung und Ehre zu gelangen.
So sehr der medizinische Fortschritt in vielen Bereichen absolut zu begrüßen ist, so zeichnet sich hier eine doch sehr negative Entwicklung ab. Was lege artis angewandt für viele kranke Menschen im wahrsten Sinn des Wortes überlebensnotwendig ist, wird im Bereich des Doping völlig pervertiert – ich denke hier nun an die Vorfälle, die im Zusammenhang mit Blutzentrifugen ans Tageslicht gekommen sind.
Die Wissenschafter entwickeln immer ausgefeiltere Methoden des Dopings – und die Analytiker haben Mühe, die Substanzen, die dabei verwendet werden, und auch die Methoden nachzuweisen. Oftmals wird es den Dopingfahndern unmöglich gemacht, zu sagen, ob tatsächlich gedopt wurde, weil die Analytik und der Nachweis den Neuentwicklungen hinterherhinken. Die Grenzen zwischen dem Nutzen, der durch den Einsatz von neuen Methoden und Substanzen entsteht und den Gefahren, wenn sie missbräuchlich angewendet werden, verlaufen hier fließend.
Für mich, der ich jahrelang als Sportarzt viele Spitzensportler und auch Mannschaften betreut habe, steht es außer Zweifel, dass wir Ärztinnen und Ärzte vehement und in aller Öffentlichkeit gegen Doping auftreten. Jedem Arzt, der sich aktiv daran beteiligt - sei es im Spitzensport oder im Hobbysportbereich - muss klar sein, dass Doping verboten ist und hier rechtliche Konsequenzen drohen. Sollte im Zuge der aktuellen Diskussionen und Untersuchungen zu Tage treten, dass Ärzte hier Mitwisser oder sogar Mittäter waren, werden wir von Seiten der Österreichischen Ärztekammer keine Sekunde zögern, die erforderlichen Disziplinarmaßnahmen einzuleiten.
Doping kann auch massive gesundheitliche Schäden nach sich ziehen. Sportler nehmen das aus - wie ich meine - sehr kurzsichtigen Gründen oftmals in Kauf, um rasch Erfolge vorweisen und entsprechend Geld verdienen zu können. Denn wenn der Körper nicht mehr mitmacht und sich die Schäden des jahrelangen Missbrauchs von leistungssteigernden Substanzen welcher Art auch immer bemerkbar machen, ist es mit der Karriere und dem damit verbundenen Geldsegen rasch vorbei.
Die Griechen haben schon einst Kräuter, getrocknete Feigen und Champignons gegessen, um ihrem Körper Höchstleistungen abzuringen. Schon um 1900 hat man herausgefunden, dass anabole androgene Steroide sowohl Männern als auch Frauen zusätzliche Kräfte verleihen. Die Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts hingegen nehmen sich wie ein Hightech-Zauberkasten aus: Anabolika-Doping - die klassische Form des Dopings wird beispielsweise im Doping-Kontroll-Labor in Seibersdorf in der Hälfte aller Proben gefunden, weiters EPO – es wirkt schon in niedriger Dosierung leistungssteigernd, Fremdblut-Doping – damit hat man in den 1980er und 1990er Jahren riesige Umsätze gemacht; dazu kommt noch Eigenblut-Doping und in China soll es bereits Versuche mit Gen-Doping geben.
Doping ist kein Kavaliersdelikt. Jeder Sportler, aber auch jeder Arzt, sollte sich daher gründlich überlegen, ob es sich auszahlt, den natürlichen Grenzen des Körpers mit Hilfe der Errungenschaften der modernen Medizin ein Schnippchen zu schlagen – denn: Irgendwann kommt alles ans Tageslicht.
Walter Dorner
Präsident der Österreichischen Ärztekammer
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 13-14 / 15.07.2009




