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ArchivÖÄZ 17 - 10.09.2009

Messie-Syndrom


Wenn Sammeln zur Krankheit wird


Die Organisations-Defizit-Störung – so der Fachausdruck für das Messie-Syndrom – geht Hand in Hand mit anderen Zwangsstörungen. Es kann aber auch eine unbehandelte Erscheinungsform einer Schizophrenie, einer Borderline-Persönlichkeit oder einer Demenz sein.
Von Monika Berthold    

Unter der Bezeichnung Messies (abgeleitet vom englischen mess = Unordnung) fasst man jene Menschen zusammen, die unter einer pathologischen Sammelwut leiden. Sie müllen ihre Wohnung zu, können nicht Ordnung halten, sind damit in ihrem Lebensbereich drastisch eingeschränkt und außerdem unfähig, ihren Alltag weitgehend zu organisieren.

Offensichtlich sind das gar nicht so wenige. Deutsche Selbsthilfegruppen sprechen in ihren Publikationen von etwa 300.000. Extrapoliert auf Österreich wären das hier 30.000 Personen, die man als Messies bezeichnen könnte. Andere Schätzungen sprechen in Deutschland sogar von 1,8 Millionen Menschen, wenn man das Phänomen des Zumüllens und des Lebenschaos weiter fasst. Das wären dann für Österreich an die 180.000 Betroffene, wobei eine ausgeprägte weibliche Dominanz zu beobachten ist. 70 Prozent der Messies sind Frauen.

Tatsache ist, dass sich an der Spezialambulanz für Zwangsstörungen an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien in den letzten Jahren zunehmend Menschen mit Sammelzwängen vorgestellt haben, die unter einem Messie-Syndrom leiden. Wie der Leiter der Universitätsklinik, o.Univ. Prof. Siegfried Kasper, in einem Gespräch mit der Österreichischen Ärztezeitung feststellt, dürfte es sich beim pathologischen Sammeln (auch Organisations-Defizit-Störung genannt) nicht wirklich um ein neues medizinisches Phänomen handeln. Vermutlich, so der Experte, hat es diese Erkrankung schon immer gegeben. Nur hat es bisher die Medizin nicht als eigenständiges Leiden klassifiziert.

Innere Leere und Einsamkeit

Dazu kommt, dass in früheren Zeiten, in denen die Großfamilie unter einem Dach in meist beengten Verhältnissen wohnte, der pathologische Sammler keine Chance hatte, seine Leidenschaft auszuleben – die Gemeinschaft hat ihm naturgemäß Schranken gesetzt. Erst seit jedem seine eigene Wohnung zur Verfügung steht, können Messies ihrem Drang ungehindert nachgehen. Kasper räumt allerdings ein, dass das krankhafte Sammeln auch Ausdruck des Zeitgeistes sein kann – anhäufen von Dingen, auch wenn sie nutzlos sind, als Kompensation für eine innere Leere, unter der moderne Menschen oft leiden. Auch die zunehmende Vereinsamung der Menschen verstärkt das Phänomen.

Ein ständiger Zwang

So werden die Räume mit Zeitungen, alten Kleidern, verrosteten Klappbetten, Büchern, Schachteln, muffigen Matratzen und verschmutzten Einsiedegläsern so vollgestopft, dass die Zimmer nicht mehr begehbar sind. Ist alles voll, werden Räume angemietet und wieder zugemüllt. Dass diese Erkrankung die Familie zerstört, liegt in der Natur der Sache. Nicht selten flüchtet der Partner aus der Ehe oder lebt in einer Zweitwohnung, in die auch die Kinder umziehen müssen, weil in einer Müllwohnung nicht zu existieren ist.

Messies, so Kasper, stehen unter einem ständigen Zwang. Nicht nur, dass sie bei keiner Deponie, keinem Flohmarkt vorbei können, ohne etwas mitzunehmen. Sie können sich auch von nichts trennen. Etwas auszumisten bedeutet einen fast körperlichen Schmerz und den Sturz in tiefe Verzweiflung. Wenn es einmal gelingt, einen Messie dazu zu bringen, etwas wegzuwerfen, kann es passieren, dass es den Patienten kurze Zeit später zum Mistkübel treibt, um alles wieder herauszuholen. Das ist der Grund, warum das Horten zu den Zwangsstörungen gehört wie das Ordnungs-, das Wasch- oder das Kontrollritual. Nicht selten, so Kasper, geht das Sammel-Syndrom Hand in Hand mit anderen Zwangskrankheiten wie Alkoholismus, Narzissmus, Dysphorie, Aufmerksamkeitsstörungen oder mit Hyperaktivität. Kasper auf die Frage nach den Ursachen: „Die kennt man noch nicht genau. Das muss erst erforscht werden.“

Bisher nur Vermutungen


Diskutiert werden jedoch Beobachtungen, wonach für das Horten und Sammeln genetische Faktoren verantwortlich gemacht werden. So soll das Messie-Phänomen familiär gehäuft auftreten. Verwandte ersten Grades zeigen vermehrt diese Merkmale. Weiters konnte man feststellen, dass das Horten bei Patienten mit Tourette-Syndrom mit drei Chromosomen-Regionen verbunden ist. Bei neurologischen Befunden von Messies wiederum wurde im Vergleich zu anderen Zwangspatienten eine geminderte Stoffwechselaktivität in verschiedenen Anteilen des Gyros cinguli sichtbar. Patienten mit starkem Sammelzwang leiden nicht nur unter einer beeinträchtigten Entscheidungsfähigkeit, sondern auch unter verminderten Hautleitwerten und Gedächtnisproblemen. Das Phänomen Messie kann eine undiagnostizierte und deshalb unbehandelte Erscheinungsform von Schizophrenie, Borderline-Persönlichkeit oder Demenz sein. Vielleicht steht auch eine Störung des dopaminergen Systems dahinter. Als psychologische Ursachen kommen frühkindliche Belastungen in Betracht – etwa dass die Eltern dem Kind zu wenig Autonomie einräumten und seine Handlungsimpulse unterdrückten.   

Heilung ist möglich


So komplex das Krankheitsbild auch ist, das pathologische Sammeln ist gut behandelbar, betont Kasper. Die Therapie der Wahl besteht aus einer Kombination von Psychotherapie und Medikamenten. Zum Einsatz kommen Gesprächs- und Verhaltenstherapie sowie Psychopharmaka (zum Beispiel Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), die auf den Patienten abgestimmt werden. Im Rahmen der Behandlung erscheint es oft notwendig, zu diagnostischen Zwecken Wohnungs- oder Hausvisiten zu machen. Lehnt ein Patient Hausbesuche ab, weil er sich für die Unordnung schämt, kann eine Exposition in der Vorstellung durchgeführt werden.

Die Ergebnisse der Therapie sind vielversprechend, betont Kasper. Fast 50 Prozent der Patienten berichten, dass sie nach der Behandlung ihr Leben wieder in den Griff bekommen haben. Das Problem liegt aber woanders: Die Patienten kommen erst gar nicht an die Klinik, wo man ihnen helfen könnte, weil sie entweder der Meinung sind, ihre Sammelwut sei völlig in Ordnung oder weil sie sich schämen. In den meisten Fällen wird das Messie-Phänomen im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen wie Alkoholismus, Zählzwang oder Kontrollzwang diagnostiziert. Immerhin wird bei 30 Prozent der Patienten mit Zwangsstörungen ein Sammelzwang gefunden.

Anlaufstelle Hausarzt

Dass dabei den niedergelassenen Ärzten und vor allem den Hausärzten die wichtigste Rolle zukommt, liegt auf der Hand. Sie sind die ersten, denen einen derartige Störung auffällt oder fungieren als erste Anlaufstelle für die gepeinigten Angehörigen. Sie kennen die Patienten, können die erste Einschätzung durchführen und haben am ehesten die Chance, einmal die Wohnung oder das Haus der Betroffenen zu besuchen. Kasper: „Der Hausarzt, den die Familie seit Jahren kennt und dem sie vertraut, ist derjenige, der dem Patienten beibringen kann, dass pathologisches Sammeln eine Krankheit ist wie zu hoher Blutdruck oder Diabetes.“ Damit könnte man die Betroffenen dazu bringen, professionelle Hilfe beim Psychiater in Anspruch zu nehmen. Und der Hausarzt ist es auch, der klar machen kann, dass diese Zwangsstörung kein Schicksal ist, sondern behandelt und geheilt werden kann.  

Buchtipp:
Das Messie-Syndrom
(Pritz, Vykoukal, Reboly, Agdari-Moghadam)
Springer Wien, New York



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 17 / 10.09.2009