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ArchivÖÄZ 18 - 25.09.2009

Interview - Dr. Christiane Druml


Bioethik in Österreich: Zündstoff


Um größtmögliche Übereinstimmung der 25 Mitglieder der Bioethik-Kommission ist deren Vorsitzende, die Juristin Christiane Druml, bemüht. Die Themen, mit denen sich die Experten befassen, sind nach wie vor Zündstoff - etwa die Nutzung von embryonalen Stammzellen, erklärt die Vorsitzende auf Fragen von Katrin Rupp. 

ÖÄZ: Sie sind jetzt seit fast zwei Jahren die Vorsitzende der Bioethikkommission in Österreich. Zeit für einen Rückblick: Wo haben Sie seither Fortschritte erzielt beziehungsweise wo herrscht noch Handlungsbedarf?
Druml: Eines unserer wesentlichen Ziele, den Diskurs von ethischen Fragestellungen in die Öffentlichkeit zu tragen, haben wir sehr Ernst genommen und mit Leben erfüllt. Erfolgreich angenommen wurde u.a. die Initiative „Bioethik an Schulen“. Mitglieder der Bioethikkommission besuchen Schulen, um mit Schülern der 7. und 8. Klassen über aktuelle Themen aus den Life Sciences zu diskutieren. Wir haben an der „Langen Nacht der Forschung“ teilgenommen, eine internationale Tagung „Bioethics and Women“ durchgeführt und an weiteren Veranstaltungen mitgewirkt. Darüber hinaus kann sich die Verabschiedung von vier Stellungnahmen in nur zwei Jahren sehen lassen. Sowohl im Vergleich zu den vorhergehenden Jahren als auch im europäischen Vergleich gehören wir damit zu den „Spitzenreitern“.

Wie schwierig ist es, innerhalb der 25 Mitglieder der Bioethikkommission einen Konsens zu erzielen? Müssen alle Mitglieder zum selben Ergebnis kommen oder sind verschiedene Ansichten zu einer Thematik mitunter erwünscht?
Eine Bioethikkommission reflektiert idealerweise die Pluralität der Weltanschauungen und Meinungsvielfalt der gesamten Bevölkerung, was nicht heißen soll, dass eine Minderheit ihren Standpunkt der Mehrheit aufzwingen darf. Auch sollte die öffentliche Meinung nicht durch dogmatische Einzelinteressen determiniert werden. Auch wenn wir bei der Entscheidungsfindung dazu angehalten sind, auf Konsens zu achten, wird es immer Themen geben, bei denen eine vollständige Übereinstimmung nicht erzielbar ist. Ich bin bemüht, dass größtmögliche Übereinstimmung erreicht wird und dass Teilaspekte, bei denen das absolut nicht möglich ist, mit Respekt und gegenseitiger Anerkennung dargestellt werden.

Der wissenschaftliche Umgang und die Erforschung embryonaler Stammzellen sorgen nicht nur hierzulande, sondern weltweit für Zündstoff. In Österreich gibt es keinen eindeutigen Standpunkt: Einerseits ist die Forschung nicht verboten: So ist etwa der Import von embryonalen Stammzellen erlaubt, aber andererseits dürfen sie nicht gewonnen werden. Wie könnte die Problematik gelöst werden?

Derzeit ist die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen noch Grundlagenforschung. Jedes Land regelt diese Frage auf seine Weise. In Bezug auf ethische Fragestellungen hat die EU wesentlich weniger Mut zum Eingriff als etwa bei Glühbirnen, vor allem wenn man bedenkt, dass europäisches Forschungsgeld auch für embryonale Stammzellforschung eingesetzt wird. Nach langer Diskussion haben wir in Österreich mit großer Mehrheit eine sehr ausführliche und ausgewogene Empfehlung zur Forschung an humanen embryonalen Stammzellen unter klar definierten Bedingungen abgegeben. Unsere Stellungnahme beinhaltet aber auch ein Minderheitsvotum, das nur eine eingeschränkte Forschung befürwortet. Wenn die Ergebnisse der Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen der österreichischen Bevölkerung einmal zugute kommen sollen, dann ist es notwendig, dass sich auch Österreich an Projekten beteiligt, die zu diesen Ergebnissen führen. Alles andere wäre heuchlerisch. Präsident Obama hat die Finanzierung der Stammzellforschung in den USA neu geregelt, die FDA klinische Studien am Menschen bewilligt. Falls dies zu positiven Ergebnissen führt, wird dies weltweit die Debatte grundlegend beeinflussen.

Ein wichtiges Anliegen für Sie ist der Gender-Aspekt, speziell was Frauen in Ethikkommissionen sowie in klinischen Studien betrifft. Was müsste Ihrer Meinung nach verstärkt berücksichtigt werden und warum?
Seit Oktober 2007 stellen Frauen fast die Hälfte der Mitglieder der österreichischen Bioethikkommission - ein nicht übersehbares Statement. Wir wollen den Gender-Aspekt bei allen unseren Themen einbeziehen. Dennoch sind Frauen nach wie vor in Forschungs-Ethikkommissionen wenig vertreten oder sind als Mitglieder aus den Bereichen der Pflege oder als Apothekerin in Alibi-Funktion präsent. In Österreich gibt es ein Defizit, was verbindliche Regeln für klinische Prüfungen an Frauen betrifft. Das führt dazu, dass neue Therapien oder Medikamente erst in zweiter Linie in Bezug auf die Eigenheiten des weiblichen Körpers erprobt werden und erst spät den Frauen zugute kommen.

Als Mitglied der European Conference of National Ethics Committees (COMETH) arbeitet die österreichische Bioethik-Kommission mit Kommissionen anderer Länder eng zusammen. Wie sinnvoll ist ein gemeinsames Agieren?
Ethische Fragestellungen machen nicht an Grenzen halt. Wir müssen mit der EU eine gemeinsame Debatte zu strittigen Fragen führen. Biomedizinische Forschung basiert auf Zusammenarbeit und Vernetzung. Die zweimal jährlich durchgeführten Treffen der europäischen Ethik-Kommissionen sind ein wichtiger Ort für diesen Austausch. Zusätzlich werden wir im Dezember 2009 eine gemeinsame Veranstaltung mit Frankreich über forschungsethische Fragestellungen in Wien durchführen. Eine gemeinsame Sitzung mit dem deutschen Ethikrat zum hochaktuellen Thema der Biobanken ist für den Herbst vorgesehen.

Stichwort Altersforschung: Welche Rolle spielen assistive Technologien?
„Altersforschung“ war von Beginn an ein Themenschwerpunkt der Amtsperiode. Wir sind mit einer immer älter werdenden Gesellschaft und den daraus hervorgehenden Problemen konfrontiert. Verstärkt müssen Medikamente und Therapien speziell für diese Zielgruppe entwickelt werden, die sich in ihrer Reaktion auf Medikamente, in ihrem Metabolismus anders verhält. Zu ermöglichen, dass alte oder gesundheitlich beeinträchtigte Menschen mit Hilfe assistiver Technologien länger autonom leben und in den eigenen vier Wänden bleiben können, ist ein wichtiges Anliegen einer Gesellschaft.

Auf dem Gebiet des ethisch Vertretbaren können viele Themen nur langfristig Veränderungen bewirken. Was würden Sie gerne noch in Angriff nehmen?
In Österreich hat es im letzten Jahr Debatten über wissenschaftliches Fehlverhalten gegeben, was aus institutioneller wie ethischer Sicht zu analysieren ist. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wissenschaft und Medizin darf nicht missbraucht werden. Dies liegt mir besonders am Herzen. Jedes Thema, das die Bioethik-Kommission diskutiert, ist ein umstrittenes Thema - das liegt in der Natur der Sache. Ob es nun um Gentests aus dem Internet geht, um die Thematik des Lebensanfanges oder des Lebensendes: Alle Fragestellungen zeichnen sich dadurch aus, dass die einfache Antwort nicht möglich ist. Bioethik ist kein „instant product“. Wichtig ist, dass die betroffenen Experten gehört und Ärzte in medizinisch relevante Fragen eingebunden werden. Bioethik muss künftig essentieller Bestandteil des Curriculums jeder medizinischen und wissenschaftlichen Ausbildung sein.


Bioethik-Kommission


2001 vom damaligen Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel initiiert, berät die Bioethikkommission als unabhängiges Gremium die Bundesregierung bei Themen rund um ethische Fragen in der Medizin. Die inzwischen 25 Mitglieder (ursprünglich 19) aus den Fachbereichen Medizin, Molekularbiologie und Genetik, Soziologie, Rechtswissenschaften, Philosophie und Theologie arbeiten ehrenamtlich und werden für zwei Jahre bestellt. Im Oktober dieses Jahres beginnt eine neue Amtsperiode.


Zur Person


  • Geboren 1955 in Wien;
  • Verheiratet mit Dr. Wilfred Druml (Nephrologe), drei Kinder;
  • Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, Promotion 1978;
  • Seit 2003 stellvertretende Vorsitzende des Wiener Beirates für Bio- und Medizinethik;
  • Vertritt seit 2006 Österreich im General Assembly des „European and Developing Countries Clinical Trials Partnership“ (EDCTP);
  • Seit 2007 Vorsitzende der österreichischen Bioethik-Kommission beim Bundeskanzleramt;
  • Seit 2008 Mitglied des International Bioethics Committee der UNESCO;
  • Mitglied des Obersten Sanitätsrates sowie des Universitätsrates der Medizinischen Universität Innsbruck.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 18 / 25.09.2009