ÖÄZ 21 - 10.11.2009Otosklerose und Tinnitus

Otosklerose und Tinnitus


Stress im Ohr


Rund 80.000 Österreicher sind von Otosklerose betroffen; in 70 Prozent der Fälle greift die vom Steigbügel ausgehende Otosklerose auf das gesamte Ohr über. Bei rund einem Drittel der Betroffenen tritt die Otosklerose in Kombination mit Tinnitus auf.

Von Katrin Rupp
 

Die Otosklerose entsteht durch eine Verknöcherung des dritten Gehörknöchelchens (Steigbügel). So viel steht fest. Die Ursache für diesen Prozess hat die Medizin bisher jedoch nicht herausgefunden. „Wir wissen nur, dass diese Erkrankung vererbbar ist und meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auftritt, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer“, erklärt Univ. Prof. Christian Walch von der Abteilung für Neurootologie an der Medizinischen Universität Graz. „Anfangs kommt es zu einer reinen Schallleitungsschwerhörigkeit, die in späterer Folge in eine kombinierte Schwerhörigkeit mündet und oft einen Tinnitus verursacht“, wie der Experte weiter ausführt.

Das wesentliche Problem bei der Behandlung der Otosklerose ist die fortschreitende Verschlechterung und der damit verbundene irreparable Hörverlust. Medikamente können diesen Prozess nicht aufhalten, ebenso wenig ein Hörgerät. „Je früher die Diagnose gestellt und eine Behandlung begonnen wird, umso besser sind aber die Chancen für eine Verbesserung und darauf, dass die Otosklerose nicht auf das gesunde Ohr übergreift, was in 70 Prozent der Fälle geschieht“, so Christian Walch.

Schätzungen zufolge leiden rund 80.000 Österreicher unter dieser speziellen Verkalkung, die mit einer Veränderung der Mineralstoffwechsel im Knochen verbunden ist und auch das Ovale Fenster befällt. Die Folge: Der Steigbügel kann sich nicht mehr frei bewegen, wodurch die Schallübertragung an die Schnecke des Innenohrs behindert und schließlich ganz blockiert wird. „Bei der Audiometrie zeigt sich im Audiogramm ganz deutlich ein Unterschied zwischen der Knochenhörkurve und der Luftleitungskurve“, so Wolfgang Kreuzbauer von der Abteilung für HNO an der Krankenanstalt Rudolfstiftung Wien: „Mit der zusätzlichen Verwendung einer Stimmgabel erhält man eine aussagekräftige Diagnose.“ Optisch wahrnehmbar ist die Erkrankung allerdings erst bei der Operation, bei der das Trommelfell vorgeklappt wird und die Gehörknöchelchen mechanisch angetippt werden. „Das zeigt, ob der Steigbügel tatsächlich starr ist“, erläutert Kreuzbauer. „Eine Operation ist die einzige Möglichkeit, um eine starke Hörverschlechterung aufzuhalten und die Schallleitung zu verbessern“. Mögliche Risiken: „Einerseits mechanischer Natur, wenn die Prothese nicht ausreichend fest sitzt oder ins Innenohr hineinragt. Andererseits kann aufgrund der Dehnung der Geschmacksnerv leiden, da man ihn zur Seite schieben muss.“ In der Folge kann es zu Geschmacksstörungen kommen, die einige Wochen andauern können. Kreuzbauer: „Das größte Risiko ist jedoch, dass das Innenohr auf die Operation reagiert, was bis zur Abschaltung des Innenohrs und damit Ertaubung führen kann, selbst ohne dass der Arzt einen Fehler gemacht hat.“

Beim mikrochirurgischen Eingriff haben sich inzwischen zwei Methoden durchgesetzt: die Stapedotomie und die Stapedektomie – je nachdem, wieviel vom Steigbügel abgetragen wird. Als gängiges Material für die Prothese kommen Titan oder Platin-Teflon zum Einsatz. Nach anfänglichen Schwindelzuständen, die jedoch wieder vergehen, zeigt sich der Erfolg der Operation erst drei bis fünf Wochen später in der Kontroll-Audiometrie. Bei rund einem Viertel der Betroffenen tritt die Otosklerose in Kombination mit Tinnitus auf, oft im Bereich der tieferen Töne. Viele Patienten erhoffen sich, dass das Ohrgeräusch durch den Eingriff wieder verschwindet. „Hier ist seriöse Aufklärung gefragt. Denn es gibt keine Garantie, dass der Tinnitus nach der Operation weg ist. Rund 35 Prozent der Patienten behalten ihn auch nach dem Eingriff“, betont Wolfgang Kreuzbauer.

Tinnitus – die Auslöser

Doch Tinnitus tritt nicht nur als Begleiterscheinung der Otosklerose auf. Als andere mögliche Ursachen kommen Hörsturz, akutes Lärmtrauma, ein Akustikus-Neurinom, Blutgefäß- oder Kiefergelenks-Erkrankungen, funktionelle Störungen der Halswirbelsäule sowie Stress in Frage. „Tinnitus ist ein Symptom und keine eigenständige Erkrankung“, erklärt Christian Walch. „Auslöser sind häufig auch psychische Belastungen oder Burnout, die sich in Form eines Ohrgeräuschs ausdrücken. Deshalb arbeiten wir verstärkt mit Psychologen zusammen, um auch diesen Aspekt abzuklären.“

Neuesten Erhebungen zufolge haben zwölf Prozent der Bevölkerung bereits „mindestens einmal ein Ohrgeräusch über einen längeren Zeitraum wahrgenommen“, so Walch; rund die Hälfte der Betroffenen fühlt sich dadurch latent gestört. Die genauen Ursachen dafür sind nach wie vor unklar. Nachgewiesene Tatsache ist die begleitende Funktionsstörung des Innenohrs, wobei die Haarzellen falsche Impulse an das Gehirn senden, das mit der Bildung überaktiver Zentren entlang der gesamten Hörbahn reagiert. Der akute Tinnitus (innerhalb der ersten sechs Monate) wird in der Regel mit Bluttransfusion, durchblutungsfördernden Medikamenten und Cortison behandelt. „Überprüfen lassen sich die überaktiven Nervenzellen durch eine funktionelle MRT, der Schweregrad wird in der psychologischen Diagnostik mit einem Fragebogen ermittelt. Bei rund 80 Prozent der Patienten gelingt es, dass sie sich an das Geräusch gewöhnen und damit leben lernen“, erklärt Andreas Gschnait, HNO-Facharzt in Wien. „In seltenen Fällen ist eine psychiatrische Erkrankung wie Depression oder Zwangsstörung vorhanden, die stationär zuerst behandelt werden muss. Erst dann kann mit einer psychologisch angeleiteten Retrainings-Therapie begonnen werden, mit dem Ziel, das Geräusch ausblenden zu lernen“, erläutert Gschnait.

Klinische Studien fehlen

Das Hauptproblem beim Tinnitus: Es gibt keine klinischen Studien, die die Wirksamkeit einer speziellen Therapie oder eines bestimmten Medikamentes belegen. „Wir haben eine Zeitlang versucht, mit der Druckkammer zu arbeiten, aber keine wirklichen Besserungen und Heilungen erzielt. Auch Anwendungen wie Ozon-Behandlungen oder Laser-Therapien zeigen nicht den erwarteten Erfolg und sind eher darauf ausgerichtet, dem Patienten das Geld aus der Tasche zu ziehen“, fasst Christian Walch zusammen.

Der Tinnitus kann als permanentes Geräusch in verschiedenen Ausprägungen wie Pfeifen, Rauschen, Knattern oder Piepsen auftreten. Meist wird er durch Umgebungslärm verdeckt, bei audiometrischen Messungen liegt er an der Hörschwelle (20 dB). Störend wirkt das Ohrgeräusch meistens am Abend beim Einschlafen. „Abhilfe schafft hier das Einschalten von Lärm- oder Schallquellen, wie etwa das Radio. Manche Patienten verwenden auch einen Feng-Shui-Brunnen, der ein Rauschen von sich gibt, so dass das eigene Geräusch überdeckt ist“, so Christian Walch. Ähnlich funktioniert auch der „Noiser“, der in Kombination mit der Re-Training-Therapie verwendet wird, und mit Hilfe eines Rauschens das eigene Tinnitus-Geräusch überdecken soll. Eine praktikable Methode, um eine dekompensierte in eine kompensierte Tinnitus-Form hinüber zu führen.


Forschungsansätze beim chronischen Tinnitus

• Stammzelltherapie:

Bisher ist es lediglich in Tierversuchen mit Ratten gelungen, Nervenzellen nachwachsen zu lassen. Neuerdings beschäftigt sich ein Wissenschafter-Team der Stanford Universität in Kalifornien mit der Erforschung der Seitenventrikel-Stammzellen. Darin, so die These, könnte der Schlüssel zu einer Methode liegen, die beschädigten Sinneshaarzellen eines Tages ersetzen zu können. Der Grund: Die Wissenschaftler haben zwei ausschlaggebende Eigenschaften der Stammzellen der Seitenventrikel identifiziert: Sie sehen den Sinneshaarzellen ähnlich und sind in der Lage, sich zu reproduzieren. Diese Entdeckung könnte für eine Transplantationsmethode der Zellen vom Gehirn ins Ohr bedeutend sein, wo die Stammzellen die Funktionsweise der Sinneshaarzellen übernehmen könnten.

• Diminuendo-Mausmodell:

Wissenschafter des Helmholtz Zentrums München unter Leitung von Prof. Martin Hrabé de Angelis, Direktor des Instituts für Experimentelle Genetik, haben ein neues Mausmodell („Diminuendo“) mit einer genetischen Variante entwickelt, bei der eine einzelne Base eines spezifischen microRNA-Abschnitts verändert ist. Mäuse, welche diese miR-96-Veränderung in sich tragen, leiden mit zunehmendem Alter an Schwerhörigkeit. Tragen sie zwei dieser Varianten, sind ihre Sinneshaarzellen sogar von Geburt an geschädigt. Bislang waren zwar schon eine Reihe von Genen bekannt, die in Zusammenhang mit Schwerhörigkeit stehen. „Wir waren aber sehr überrascht, als mit unserem Mausmodell nun diese neue Klasse von Genen, die microRNA, als genetische Ursache für dieses Krankheitsbild entdeckt wurde“, erklärt Helmut Fuchs, wissenschaftlicher Leiter der German Mouse Clinic am Helmholtz Zentrum München. Der entsprechende microRNA-Abschnitt beeinflusst bei der Maus wie auch beim Menschen die Produktion der Sinneshaarzellen im Innenohr.  


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 21 / 10.11.2009


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