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ArchivÖÄZ 22 - 25.11.2009

Jugendliche Raucher


G
egensteuern notwendig


In Österreich rauchen mehr 15-jährige Jugendliche als in jedem anderen europäischen Land. Der Staat nimmt - in Form von Tabaksteuern - jährlich rund 60,5 Millionen Euro ein. Die strenge Einhaltung von Rauchverboten in der Gastronomie, die Zweckwidmung von Tabaksteuern könnten gegensteuern - wie Beispiele zeigen.
Von Sabine Fisch  

Von den knapp 700.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren in Österreich rauchen knapp 146.000 regelmäßig. Österreich hat damit - neben Grönland - die weltweit meisten jugendlichen Raucherinnen und Raucher. „Zudem rauchen bei uns mehr 15-Jährige als in jedem anderen europäischen Land“, ärgert sich Univ. Prof. Manfred Neuberger vom Institut für Umwelthygiene der medizinischen Universität Wien. Er fordert in einer 2009 in der Wiener Klinischen Wochenschrift publizierten Studie* eine deutliche Verbesserung der Präventionsmaßnahmen für Jugendliche sowie eine Zweckwidmung jener 60,5 Millionen Euro Tabaksteuer, die Jugendliche an den Staat abführen.

In dieser Studie wurden die im Rahmen von internationalen Studien erhobenen Prävalenzen des Tabakkonsums von Kindern und Jugendlichen mit den Daten zur Tabakbesteuerung zusammengeführt. Zur Schätzung des Tabaksteueraufkommens wurden die Raucher-Prävalenzraten aus zwei rezenten internationalen Studien herangezogen (WHO-Studie „Health Behaviour in School-Aged Children“) HBSC sowie EU-Studie „European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs“ ESPAD).

Moralische Verpflichtung

Auch Univ. Prof. Michael Kunze, Leiter des Instituts für Sozialmedizin am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien kann einer Zweckwidmung der Tabaksteuer, die von jugendlichen Rauchern eingenommen wird, durchaus etwas abgewinnen. „Dieses Geld sollte in die Prävention gehen, um die Zahl jugendlicher Raucher zu verringern“, sagt er im Gespräch mit der ÖÄZ. Die Mittel und Wege, die zu einer Eindämmung der hohen Rate an jugendlichen Rauchern führen, sind durchaus bekannt. „Hohe Zigarettenpreise und effektive Präventionsprogramme sind die wirksamsten Möglichkeiten zur Reduktion der Anzahl jugendlicher Raucher“, so Kunze. Diese Meinung erhält Unterstützung durch die Studie von Manfred Neuberger und Markus Pock. „Es wäre die moralische Verpflichtung des österreichischen Staates, die Mittel, die aus der Tabaksteuer eingenommen werden, für wirksame Präventionsprogramme einzusetzen“, so Neuberger.

In Österreich geschieht dies nicht - Maßnahmen zur Tabakkontrolle werden in diesem Land fast ausschließlich aus privater Hand finanziert, wie Neuberger in seiner Studie schreibt. Mit Ausnahme des 2006 installierten Rauchertelefons besteht derzeit keine flächendeckende Raucherberatung; staatlich geförderte Maßnahmen für Jugendliche existieren gar nicht.

Die Weltbank zählt folgende Maßnahmen zu den wirksamsten Möglichkeiten zur Eindämmung der Tabakepidemie:
1) Erhöhung der Zigarettenpreise über Steuern;
2) Rauchverbote an Arbeitsplätzen und öffentlichen Plätzen;
3) Warnungen vor Folgen des aktiven und passiven Rauchens;
4) ein vollständiges Verbot von Tabakwerbung;
5) ein erleichterter Zugang zu effizienten Entwöhnungstherapien.  

Trauriger letzter Platz


Die Europäische Union hat aus diesen Vorgaben eine Bewertung der einzelnen EU-Länder in Punkto Nichtraucher- Politik entwickelt. Auf dieser Liste belegt Österreich den beschämenden letzten Platz mit nur 35 von 100 möglichen Punkten. Besonders schlecht beurteilt wurden die geringen Investitionen in Maßnahmen zur Tabakkontrolle. „Jugendliche in Österreich gelangen sehr leicht an Zigaretten“, wettert Manfred Neuberger. Und weiter: „Die sogenannten „kindersicheren“ Zigarettenautomaten sind eine Farce.“ Auch der Nichtraucherschutz an öffentlichen Plätzen und in Gaststätten ist für den Experten viel zu wenig. „Sogar in Deutschland, das bei weitem keine so fortschrittliche Nichtraucherpolitik betreibt wie etwa Slowenien und Italien, hat man den Zutritt Minderjähriger zu Raucherlokalen untersagt, davon kann in Österreich keine Rede sein.“ Im Gegenteil: Wie in der Studie zu lesen ist, ist in fast allen österreichischen Lokalen das Rauchen nach wie vor erlaubt. „Und dabei ist es mittlerweile selbst in Entwicklungsländern, in denen noch keine umfassenden Rauchverbote durchgesetzt wurden, wenigstens untersagt, Kinder in Raucherräume mit zu nehmen“, weiß Neuberger, der solche Regelungen auch in Österreich dringend befürwortet.

Für die Zweckwidmung von Tabaksteuern - zumindest der von Jugendlichen bezahlten - spricht sich Neuberger auch angesichts des erfolgreichen Schweizer Modells aus. Seit 2004 gehen 2,6 Rappen pro Zigarettenpäckchen an den Schweizer Tabakpräventionsfonds, was jährlich rund 18 Millionen Schweizer Franken (rund zwölf Millionen Euro) für den Fonds einbringt. Dieser hat vor allem die Aufgabe, die Raucherprävalenz von Kindern und Jugendlichen zu senken. „Und seit der Einführung der für Prävention zweckgebundenen Tabaksteuer konnte die Raucherprävalenz unter den Schweizer Jugendlichen signifikant gesenkt werden“, sagt Manfred Neuberger: „Sie liegt mittlerweile nur noch halb so hoch wie in Österreich - bei ähnlichen Ausgangswerten.“

Keine Finanzierungsgrundlage

Österreich hat auf Bundesebene - so die Studie - bisher noch keinerlei Finanzierungsgrundlage für die Tabakprävention geschaffen. „Seit ich denken kann, wollen wir die Erträge aus dem Tabakwarenabsatz direkt in die Gesundheit überführen“, moniert Michael Kunze. „Der Gesundheitsminister ist für derartige Maßnahmen, der Finanzminister leider nicht.“ Zusätzlich wäre laut Kunze die Erhöhung der Zigarettenpreise eine der wichtigsten Maßnahmen, um jugendliche Raucherinnen und Raucher zu verhindern. Er spricht sich außerdem für eine Peergroup-Präventionsarbeit aus. „Wir können den Jugendlichen als Erwachsene nicht erklären, dass Rauchen nicht cool ist. Was wissen wir denn schon über die Dinge, die Jugendliche cool finden?“ Vielmehr sollten - so Kunze - Jugendliche selbst zu Moderatoren ausgebildet werden, die ihre Altersgenossen über die Vorteile des Nichtrauchens informieren.

Für die Studienautoren Manfred Neuberger und Markus Pock muss das Rauchen in der Öffentlichkeit „denormalisiert“ werden: Dazu gehört auch der erschwerte Zugang zu Zigaretten. Um dies zu erreichen, fordert Neuberger eine Finanzierung wirksamer Präventionsmaßnahmen durch eine unabhängige Stelle, welche die Mittel dazu aus einer zweckgebundenen Tabaksteuer erhalten sollte. „Die Regierung muss unbedingt eine unabhängige, selbstständige Institution schaffen“, hält Neuberger fest. „Es darf nicht sein, dass das Gesundheitsministerium mit der Tabakindustrie zusammenarbeitet, um gemeinsam ein Maßnahmenpaket gegen das Rauchen von Jugendlichen zu machen. Das ist scheinheilig und nützt ausschließlich der Tabakindustrie“, zeigt sich Neuberger überzeugt. Artikel 5.3 der Rahmenkonvention der Weltgesundheitsorganisation zur Tabakkontrolle hält fest, dass das Problem des Rauchens nicht mit sondern nur gegen die Tabakindustrie gelöst werden kann.

Natürlich spricht sich Neuberger auch für empfindliche Erhöhungen der Zigaretten- und Tabakwarenpreise aus. „Je teurer die Zigaretten sind, desto mehr erhöht sich die Hemmschwelle für Jugendliche Zigaretten zu kaufen“, sagt Neuberger. Ein weiterer Teil der Tabaksteuer sollte - heißt es in der Studie von Neuberger - zur Bekämpfung des Zigarettenschmuggels eingesetzt werden. Nur dann können die Tabaksteuer und damit der Zigarettenpreis weiter angehoben werden, was nachweislich den Konsum von Jugendlichen senkt. „Ein weiterer Teil der gesamten Tabaksteuer müsste letztlich in Aufklärungskampagnen zu den gesundheitlichen Folgen des Passivrauchs investiert werden, da auf diesem Wissensgebiet sowohl bei Erwachsenen als auch bei Jugendlichen der größte Nachholbedarf besteht“, so Neuberger abschließend.


* Neuberger M, Pock M. Einnahmen des Staates aus dem Zigarettenkonsum Minderjähriger in Österreich. Wien. Klin. Wochenschr. (2009)121:1-5


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2009