ÖÄZ 22 - 25.11.2009Neue Grippe - Impfaktion in vollem Gang

Neue Grippe


Impfaktion in vollem Gang


Mehr als 100.000 Österreicher haben sich bereits gegen die Neue Grippe impfen lassen. Zur Impfung aufgerufen sind derzeit vor allem Angehörige des Gesundheitspersonals, Schwangere und chronisch Kranke vom Säuglingsalter bis zum 49. Lebensjahr.


Da es allein im Raum Wien in der zweiten Novemberwoche mehr als 10.800 Neuerkrankungen gab, wurde die Grippewelle ausgerufen; das Gesundheitsministerium wechselte deswegen im Rahmen der höchsten Pandemie-Alarmstufe 6 von Mitigation Stufe 1 auf Stufe 2 (siehe Kasten). Außerdem sind Tamiflu ® und Relenza® nach einem Beschluss des Hauptverbands ab sofort ohne chefärztliche Bewilligung erhältlich.

Wie der Generaldirektor für öffentliche Gesundheit, Hubert Hrabcik, in einem Hörfunk-Interview erklärte, müsse man bei zehn Prozent der Erkrankten nach bisherigen Erfahrungen mit Komplikationen rechnen; ein Prozent müsse im Spital behandelt werden. Wiederum bei einem Viertel der hospitalisierten Personen komme es zu einer schweren Lungenentzündung. Impfstoff sei den Aussagen von Hrabcik zufolge genug vorhanden. Pro Woche würden 200.000 Impfdosen nachgeliefert. Wegen des großen Andrangs zu den Impfstraßen wurden die Impfmöglichkeiten zunächst in Wien und nachfolgend auch in den Bundesländern ausgeweitet; Impfzentren erweiterten ihre Öffnungszeiten. ÖÄK-Präsident Walter Dorner kritisierte in diesem Zusammenhang, dass es Betriebsärzten derzeit nicht möglich sei, direkt in Unternehmen Mitarbeiter zu impfen. Hier läge „großes Potenzial“, das zu einer Entschärfung der Situation hinsichtlich der Wartezeiten in den Impfstellen vor allem in der Bundeshauptstadt beitragen könnte. Für die Mitarbeiter der Ärztekammer hat Dorner eine Ausnahme-Regelung erzielt: Sie wurden in den Räumlichkeiten der Standesvertretung von ihm persönlich geimpft.

Oberösterreichs Ärztekammer-Präsident Peter Niedermoser konstatierte eine „heillose Überforderung“ der Impfstellen und forderte neuerlich, dass auch Allgemeinmediziner gegen die Neue Grippe impfen sollten. Kritik übte Niedermoser auch daran, dass der Impfstoff derzeit nur in Zehner-Gebinden erhältlich sei.

In ganz Europa gab es bisher 45 Nebenwirkungs- Meldungen (Stand: 16. November) für den auch in Österreich verwendeten Impfstoff Celvapan®. 18 Meldungen kamen aus Irland, fünf aus Großbritannien und 22 aus Österreich. Bei sechs Personen handelte es sich um schwerwiegende Probleme: Drei davon waren Meldungen über schwerwiegende mögliche Nebenwirkungen sowie drei Anaphylaxien. Aus Österreich kam bisher eine Meldung über eine mögliche schwere Nebenwirkung. Ein Patient wurde wegen Atemnot ins Spital aufgenommen; sonst gab es noch Meldungen über Muskelschmerzen, Fieberreaktionen, Kopfweh und Bauchschmerzen. Univ. Prof. Marcus Müllner, Chef der österreichischen Arzneimittelagentur AGESPharmMed, erklärte dazu: „Das sind Ereignisse, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung auftreten. Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit noch nicht belegt.“

Aus Studien, die auch in Österreich durchgeführt wurden, weiß man mittlerweile, wann die Wirkung eintritt. Dazu der Wiener Experte für Impf- und Tropenmedizin, Univ. Prof. Herwig Kollaritsch: „Die Antikörper-Konzentration beginnt ab zehn bis 14 Tagen nach der Impfung zu steigen“. Nach drei Wochen sollte ein Impfschutz gegeben sein.  

Auch weltweit breitet sich die Neue Grippe weiter aus und fordert immer mehr Todesopfer. Rund 6.000 Menschen sind seit dem Ausbruch der Krankheit im April dieses Jahres am H1N1-Virus verstorben. Europaweit sind bereits 317 Todesfälle zu beklagen, davon allein 137 in Großbritannien. Auch in Spanien gibt es eine Vielzahl an Opfern, bereits 63 Menschen kamen durch das H1N1-Virus ums Leben. In Frankreich sind 44 Tote zu zählen. In Norwegen forderte die Neue Grippe 13 Todesopfer und in Irland sowie den Niederlanden sind jeweils zehn Todesfälle bestätigt.

Mit 46 Prozent aller Neuansteckungen ist die Gruppe der Zehn- bis 19-Jährigen besonders betroffen von der Neuen Grippe. Gründe dafür sind laut Univ. Prof. Egon Marth vom Hygiene- Institut der Medizinischen Universität Graz nicht nur die hohe Mobilität und das rege soziale Leben von jüngeren Menschen, sondern auch die im Vergleich zu älteren Menschen verringerte Resistenz gegen den Grippe-Erreger. Laut Marth ist die Neue Grippe eng mit älteren Virenstämmen verwandt und weist große Ähnlichkeiten mit der 1918 herrschenden Spanischen Grippe auf. 1968 kehrte das Virus in mutierter Form zurück und zeigt eindeutige Parallelen zur heutigen Neuen Grippe auf. Wieso speziell eine Lungenentzündung den Krankheitsverlauf verkompliziert, haben Wissenschafter der Imperial College in London herausgefunden. Die Neuen Grippeviren können sich besser an die Rezeptoren in der Lunge binden und so leichter in den Körper eindringen als die Viren der saisonalen Grippe, die vor allem an den Rezeptoren der oberen Atemwege andocken. Somit ist eine Infektion der unteren Atemwege leichter möglich als bei einer saisonalen Influenza.

Österreich ist aber auf schwerere Fälle der Neuen Grippe sehr gut vorbereitet. Bundesweit stehen in den öffentlichen Spitälern 665 Intensivbetten, die mit künstlichen Beatmungseinrichtungen ausgestattet sind, zur Verfügung. Ein ganz anderes Bild zeichnet sich im Osten Europas ab. In der Ukraine haben sich bereits 190.000 Menschen mit dem H1N1- Virus infiziert. Landesweit wurden alle Schulen für drei Wochen geschlossen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Präsident Viktor Juschtschenko forderte bereits Hilfe von den USA, der EU, der NATO und den Nachbarländern der Ukraine an.

Auch in den USA befindet sich die Neue Grippe auf dem Vormarsch. Laut Angaben des US-Seuchenkontrollzentrums CDC (Centers for Disease Control) waren mit Ende Oktober 2009 insgesamt 5,7 Millionen Menschen in den USA mit dem H1N1-Virus infiziert, wobei 1.300 Personen - unter ihnen 114 Kinder - daran verstarben. Aufgrund dessen und der weiterhin steigenden Zahl der Fälle in den US-Bundesstaaten rief US-Präsident Barack Obama am 24. Oktober den nationalen Notstand aus, um Versorgungsschritte schneller einleiten zu können. Allerdings verläuft die Produktion der Impfstoffe in den Vereinigten Staaten äußerst langsam und unzureichend. Mit Ende Oktober hätten von 250 Millionen bestellten Impfstoffen mindestens 40 Millionen bereit gestellt sein sollen, zur Verfügung standen im Endeffekt aber nur circa 26 Millionen Einheiten. Da neben Nordamerika auch Südamerika von einer hohen Zahl an Todesopfern betroffen ist, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO beschlossen, 200 Millionen Dosen des Impfstoffs gegen die Neue Grippe an 100 Entwicklungsländer zu verteilen. Die Ausgabe des Impfstoffs soll laut WHO-Generalsekretärin Margaret Chan im November erfolgen, um eine weitere Ausbreitung der Neuen Gruppe zu stoppen. BO


Mitigation Stufe 2

WICHTIGE ÄNDERUNGEN IN DER MITIGATION STUFE 2 BETREFFEN:


• Die spezifische PCR-Diagnostik (Rachenspülflüssigkeit/Rachenabstrich) wird eingeschränkt und soll grundsätzlich - analog zu der saisonalen Grippe - nur mehr im Rahmen des DINÖ-Sentinella-Systems erfolgen. Die daran teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte wurden bereits benannt. Die Ausnahmen (Indexfälle und hospitalisierte Fälle) werden unter Punkt 4 erklärt. Auf Basis der Sentinella-Zahlen und der Krankenstandstage der Sozialversicherungsträger erfolgt ab nun die Hochrechnung über die Zahl der Erkrankungsfälle.

Im Gegensatz zur Mitigation Stufe 1 sind in der Stufe 2 nur noch folgende Fälle meldepflichtig:

• Laborbestätigte hospitalisierte Erkrankungsfälle
• Todesfälle

Die Falldefinition wurde geändert:

• Wegen der weltweiten Ausbreitung von Influenza A(H1N1) ist es nicht mehr zielführend, den Aufenthalt in bestimmten Ländern als epidemiologisches Kriterium zu verwenden.
• Verdachtsfälle werden als Erkrankungsfälle gewertet.
• Die Primärversorgung erfolgt im Regelfall durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte.
• Die Therapie mit Neuraminidasehemmern ist, entsprechend der aktuellen Fachinformation der jeweiligen Arzneispezialität, wie bei der saisonalen Grippe möglich.
• Das Meldeformular „Meldung Verdacht/Erkrankung Influenza A(H1N1)“ entfällt.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22 / 25.11.2009

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