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ArchivÖÄZ 23/24 - 15.12.2009

Kondratieff-Zyklen


Nächste Welle: Gesundheit


Laut Leo Nefiodow, einem der führenden Konjunkturforscher, befinden wir uns derzeit im sechsten Kondratieff-Zyklus, in dem erstmals nichts Materielles, sondern die psychosoziale Kompetenz sowie das Gesundheitswesen im Vordergrund stehen.


Seine „Theorie der langen Wellen“ hat ihn zu einem der führenden, aber auch zum umstrittensten Konjunkturforscher unserer Zeit gemacht. Prof. Leo A. Nefiodow stützt seine Forschung auf die Einteilung der wirtschaftlichen Bewegungen in drei verschiedene Wellen, die sich in Hinblick auf ihre Länge unterscheiden. Das erklärte er bei einem Vortrag im Casineum Velden im November, an dem auch die Vize-Präsidentin der Ärztekammer Kärnten, Eveline Fasching, teilnahm. Neben kurzen (bis zu acht Jahren), mittleren (bis zu elf Jahren) dauernden Auf- und Ab-Bewegungen liegt sein besonderer Fokus auf den langen Wellen, die 20 bis 70 Jahre, durchschnittlich aber 50 Jahre anhalten und von einer bahnbrechenden Erfindung ausgelöst werden. Sie sind als Kondratieff-Zyklen in die Wirtschaftsliteratur eingegangen. Diese Bezeichnung geht auf Nikolai D. Kondratieff zurück, der 1926 im „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ seine Erkenntnisse über die wirtschaftliche Entwicklung in den Industrieländern seit Ende des 18. Jahrhunderts publizierte. Seiner Ansicht nach existieren drei große Auf- und Abschwungwellen der Konjunktur. Der erste Kondratieff-Zyklus wurde 1780 durch die Basisinnovation der Dampfmaschine eingeleitet und stellte die Massenproduktion in den Mittelpunkt. Der Trend ging von der bisherigen Fertigung in einer Manufaktur zur Fabriksarbeit über. Um 1850 führte die Basisinnovation Eisenbahn in den zweiten Kondratieff-Zyklus und ermöglichte eine Ausdehnung der Marktgebiete. Der durch den optimierten Transport möglich gemachte Warenfluss war ausschlaggebender Faktor für die folgende Verteilung der Güter.

Innovationen, die den Bereich der Chemie und Elektrotechnik betrafen, führten ab 1890 in den dritten Kondratieff-Zyklus. Durch die neuen Techniken konnte das bisherige Problem der fehlenden Energie gelöst und für eine Verbesserung der maschinellen Produktion gesorgt werden. Die daraus folgende Massenproduktion führte auf Seiten der Endverbraucher zu einem erstmals auftretenden Phänomen des Massenkonsums. Bis zu Kondratieffs Tod waren so gesehen die Dampfmaschine, die Eisenbahn und die Elektrizität die Basisinnovationen, die die stagnierende Wirtschaft wieder belebten. Nach der Ermordung des Wirtschaftszyklusforschers, dessen Ideen mit den Ideologien des kommunistischen Systems Stalins nicht vereinbar waren, wurde die Lehre des russischen Ökonomen nicht nur von Nefiodow, sondern auch von Nobelpreisträgern wie Simon Kuznets oder Jan Tinberger und Wirtschaftswissenschaftlern wie Joseph A. Schumpeter fortgesetzt. Die nachfolgende Forschung bestimmte 1935 mit dem Aufkommen des Automobils den Beginn des vierten Kondratieff-Zyklus, der von individueller Reise- und Fortbewegungsmöglichkeit gekennzeichnet war. Obwohl der Transport von Gütern längst durch die Eisenbahn möglich war, sorgte die Ausbreitung des PKWs für eine hohe Mobilität von Einzelpersonen. Einerseits resultierte daraus eine Ausweitung des Aktionsradius, andererseits aber auch eine Erhöhung des Massenverkehrs.

Der fünfte Kondratieff-Zyklus wurde 1980 von neuen Informationstechnologien ausgelöst. Somit konnte das Problem des langsamen und schlechten Informationsflusses optimiert und eine Erweiterung der Wirtschaftsräume geschaffen werden. Diese Erneuerungen waren für die Wirtschaft weltweit von großer Bedeutung. Gemeinsam mit dem Auto können diese Informationstechnolgien als treibende Kräfte der beiden Zyklen nach Kondratieffs Tod gesehen werden.

Momentan befinden wir uns im sechsten Kondratieff, wo erstmals nichts Materielles, sondern die psychosoziale Kompetenz im Vordergrund steht. Es ist eine Konjunkturperiode, die weg vom Computer hin zum Menschen führt und diesen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt rückt. Die physischen und psychischen Komponenten stehen gleichermaßen im Vordergrund und betonen ein ganzheitliches Wohlbefinden des Menschen. Nefiodow sieht insbesondere den Informationsmarkt, sowie Umweltschutz, Biotechnologie und Gesundheit als die aus diesen Überlegungen resultierenden Produktivitäts-Reserven dieses Zyklus. Dieses Verständnis zieht Neuheiten auf dem Gesundheitsmarkt nach sich, die das herkömmliche Handelsangebot verändern und erweitern. Der konventionelle Mega-Markt Gesundheit, der Medizintechnik, Pharmaindustrie, Ernährung, Krankendienste, Sanatorien, Kuranstalten sowie sonstige Handwerker umfasst, wird durch einen neuen florierenden Gesundheitssektor ergänzt. Neben Biotechnologie und Umwelttechniken setzt der neue Markt auf Naturheilverfahren, Wellness und Gesundheitstourismus, Sport, Religion, Spiritualität, den psychologischen Bereich sowie alternative Heilmethoden. Auch ein Trend zur Zuzahlung und Beteiligung an Krankenversicherungen zeichnet sich ab.

Nefiodow sieht folgende Indikatoren für den Gesundheitsmarkt:

1)    In den USA hat Gesundheit heutzutage eine übergeordnete Bedeutung. Hier fließt sehr viel Geld: 2018 werden die US-Ausgaben für Gesundheit 20 Prozent des BNP betragen. Extrapoliert man diese Kosten, so wird Gesundheit nach 2018 zu teuer, denn in den USA stehen dann 50 Prozent Arbeiter 50 Prozent Kranken gegenüber.

2)    Bis 2003 floss sehr viel Geld in die Forschung und Entwicklung von Gesundheitsthemen und Biowissenschaften.

3)    Arbeitsplatzentwicklung zwischen 1980 und 2000: Von 2001 bis 2007 kam es zur höchsten Steigerung bei Arbeitsplätzen im Gesundheitswesen; jeder zweite Arbeitsplatz entsteht im Gesundheitswesen. Die Krise 2007/2008 hat gezeigt, dass hier auch nicht gespart wurde.

Problematisch ist laut Nefiodow die Kompatibilität von Schulmedizin und dem neuen Gesundheitsmarkt, da sich viele Ärzte auf traditionelle Methoden berufen und kaum offen für alternative Konzepte zeigen. Eine ganzheitliche Sicht auf den Patienten fehlt, denn gerade Fachärzte würden sich fälschlicher Weise nur auf das kranke Organ konzentrieren und sehen den Menschen nicht in seiner Ganzheit. Krankheiten, die aus verschiedensten Ursachen und Einflüssen entstehen können, werden auf diesem Weg nur behandelt, nicht aber vollständig geheilt. Auch Psychotherapeuten verfügen laut Nefiodow nicht über die Fähigkeit der Heilung. Sie helfen zwar, seelisches Leid zu lindern; eine vollkommene Genesung des Klienten trete aber nicht ein. Im Gegensatz zur Schulmedizin und Psychotherapie schreibt der Wirtschaftsforscher der Spiritualität und dem Glauben eine große Rolle im Heilungsprozess zu. In ganzen 70 Prozent der Fälle würde der christliche Glaube positiv auf die Gesundheit wirken. In Zukunft müsse deshalb der psychosozialen Kompetenz eine tragende Rolle zugeschrieben werden. Durch ein besonderes Augenmerk auf Menschenkenntnis, Teamfähigkeit, Motivationsbereitschaft, Kommunikation und Kreativität könnte die Produktivität nachhaltig erhöht werden.

Die sechste Welle ist also nicht wie bisher von Innovationen aus dem High tech- oder dem wirtschaftlichen Bereich gekennzeichnet, sondern von Fähigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich. Diese Auseinandersetzung mit dem Menschen auf psychosozialer und psychotherapeutischer Ebene vermittelt eine Steigerung des Wohlgefühls und kann als größter Nutzen dieses Zyklus verstanden werden. Als Wachstumsbarriere sind moralische Defizite, die sich gesellschaftlich in Gewalt, Kriminalität, Drogenmissbrauch, Umweltzerstörung, Energieverschwendung oder auch in Terrorismus manifestieren, zu sehen. Nefiodow benutzt den physikalischen Begriff der Entropie, um diese Unordnung der Gesellschaft zu bezeichnen. Er beschreibt eine Ursachenkette, bei der die moralischen Defizite bei seelischen und sozialen Störungen beziehungsweise Erkrankungen körperliche Leiden im Sinne von Unordnung und Destruktivität nach sich ziehen. Besonders im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, wo zahlreiche Ressourcen durch Frust, Mobbing, Streit und Intrigen verloren gehen, schlagen sich diese Mängel nieder. Diese Unstimmigkeiten in interpersonellen Relationen hinterlassen ein Loch, welches nicht durch maschinelle Innovationen oder technische Einrichtungen kompensiert werden kann.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009