Belvedere: Herbert Boeckl
Der Meister der Eruption
Herbert Boeckl zählt zu den großen Künstlern Österreichs im 20. Jahrhundert. Eine umfassende Ausstellung im Belvedere mit rund 150 Werken präsentiert die stilistischen Facetten des Mannes, der nicht zuletzt durch seine Vielfalt fasziniert.
Von Renate Wagner
Herbert Boeckl (1894 - 1966), gebürtiger Kärntner, der einen Teil seines Lebens in Wien verbrachte, begann zwar ein Architekturstudium, wandte sich aber dann der Malerei zu und stellte bereits als 19-Jähriger erstmals aus. Während des Kriegsdienstes an der italienischen Front schloss er eine Freundschaft, die für ihn später unendlich wichtig werden sollte: Der Kunsthistoriker Bruno Grimschitz wurde Direktor der Österreichischen Galerie im Belvedere. Er sorgte nicht nur dafür, Boeckls Werke in großem Maße für das Haus anzukaufen, sondern diese auch im Dritten Reich so unauffällig wegzuräumen, dass sie nicht dem „Entartet“- Wahn der Nationalsozialisten in die Augen stachen. So besitzt das Belvedere heute die größte Boeckl-Sammlung.
Schon in den 30er Jahren war er Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste und vertrat Österreich bei der Weltausstellung in Brüssel. Nach dem Krieg politisch unbelastet, berief er als Rektor der Akademie Künstler wie Gütersloh und Wotruba an das Haus. Seine große Retrospektive 1964 in Wien hat er noch erlebt, bevor er nach einem Schlaganfall bis zu seinem Tod zwei Jahre ans Krankenbett gefesselt war.
Herbert Boeckls Werke sind im Belvedere großflächig nach ihrer Entstehung angeordnet und zeigen, wie vielfältig sich sein Schaffen im Lauf seines Lebens gestaltete. Als „Moderner zwischen den Zeiten“ definiert, zeigte er sich vom Jugendstil ebenso beeinflusst wie vom Expressionismus, wobei er in dieser Ära seine Stärke entfaltete: den kraftvollen Pinselstrich, die wild aufgetragene Farbe. Hier fand er in der Eruption sein Element, wobei er Einflüsse (Kokoschka, Cezanne) keinesfalls verleugnete, aber dennoch durch seine Persönlichkeit umformte. Dabei hat Boeckl alle Themen abgedeckt - Porträts, Akte und Stillleben, Landschaften und Szenen und ebenso die Stile abgeschritten: Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen, Plastiken, später auch Gobelins oder Collagen.
Ohne die Gegenständlichkeit je aufzugeben, lösen sich in der Nachkriegszeit gelegentlich die Formen von Boeckls Bildern in Richtung des Kubismus auf, manche Aquarelle wirken wie hingetupfte Farbflecke, Landschaftsbilder zerlegen sich in Teile. Ebenso zeigt die Ausstellung den Gobelin, den Boeckl zwischen 1956 und 1958 unter dem Motto „Die Welt und der Mensch“ für die Wiener Stadthalle schuf und den Künstler kurz vor seinem Tod in einer gänzlich anderen „Welt“ angekommen zeigt. So bedeutet diese Ausstellung für den Besucher einen faszinierenden Spaziergang durch Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts am Beispiel eines einzigen Künstlers.
Was, Wann, Wo:
Herbert Boeckl. Retrospektive
Bis 31. Jänner 2010,
täglich von 10 bis 18 Uhr,
Mittwoch bis 21 Uhr
Unteres Belvedere,
Rennweg 6, 1010 Wien
www.belvedere.at
Im 456 Seiten starken, großformatigen Katalog wird das Gesamtwerk Boeckls nach den letzten wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgearbeitet.
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009




