ÖÄZ 23/24 - 15.12.2009E-Medikation - Nichts ist fix

E-Medikation


Nichts ist fix


Mehr Fragen als Antworten gibt es derzeit rund um das Thema E-Medikation. Vor dem Start der Pilotprojekte im Herbst 2010 müssen noch grundlegende Sachverhalte geklärt werden: angefangen vom Datenschutz über die Finanzierung bis hin zur Haftung.

Von Agnes M. Mühlgassner  


Zumindest eines ist derzeit fix: die drei Regionen, in denen im Herbst 2010 die für ein Jahr anberaumten Pilotprojekte laufen sollen. Und zwar in Tirol West in Reutte-Zams, in Oberösterreich in Wels-Grieskirchen sowie im 22. Wiener Gemeindebezirk, dem Einzugsgebiet des SMZ Ost-Donauspitals, wo es keine hausapothekenführenden Ärzte gibt.

Unter dem Titel „E-Medikation – politische und ökonomische Implikationen“ war eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus dem Ministerium, der Gemeinde Wien, der Apotheker und Ärzteschaft angekündigt worden. Im Endeffekt wurde die im November in Wien veranstaltete Podiumsdiskussion jedoch über weite Strecken von Ärzten bestritten, nachdem sich sowohl der im Gesundheitsministerium zuständige Sektionschef Clemens Auer, die Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely als auch Apothekerkammer-Präsident Heinrich Burggasser kurzfristig entschuldigen ließen.

Die durch die E-Medikation dann verfügbare Medikamentenliste stellt für Artur Wechselberger, 1. Vizepräsident der ÖÄK, einen Teil der Patienten-Sicherheitsstrategie dar. Eben, weil Patienten die Namen der ihnen verordneten Medikamente oft vergessen, wollten die Ärzte einen Überblick über die Medikamente, „damit wir hier die Sicherheit haben, dass ein Medikament nicht doppelt verordnet wird und um mögliche Interaktionen abzufragen“. Klare Vorstellungen hat er auch darüber, wie es jedenfalls in den Ordinationen nicht laufen soll: „Es soll nicht eine so komplizierte Sache werden, dass ich zwei zusätzliche Angestellte einstellen muss. Und ich gehe auch davon aus, dass die Interaktionsprüfung in Sekunden abläuft.“ In erster Linie gehe es um die Beschaffung und die Weitergabe von Informationen, darauf beruhe die gesamte Diagnostik und Therapie. „Wichtig für uns Ärzte ist die Usability, das die Information vorhanden ist. Wir brauchen ein System, das die Rezeptausstellung in der Ordination nicht behindert, sondern beschleunigt“, betonte Wechselberger.

Schon heute gebe es eine gute Medizin in Österreich, „auch mit nur wenig E-Health“, stellte der Primarärzte-Referent in der ÖÄK, Robert Hawliczek fest. Und weiter: „Man soll die E-Medikation nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen. Sie stellt sicherlich eine große Hilfe und Sicherheit für Spitalsärzte dar, aber sie ist nur ein Tool“. Und er mahnte, „die E-Medikation als das zu sehen, was sie ist: ein Hilfsmittel.“ Hawliczek warf auch die Frage auf, ob und wie die Wahlärzte eingebunden werden. Hier sei – im Gegensatz zu den Kassenärzten - die Einbindung schwierig.

Auch Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer Wien und Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Wien, sieht in der E-Medikation ein Tool des Qualitätsmanagements, nicht ein finanzielles. „Ich bin immer ganz beunruhigt, wenn sich die Sozialversicherung und die Politik finanzielle Erfolge erwarten. Die E-Medikation ist kein finanzielles Tool“. Wichtig sei, dass sie in den Ordinationen handhabbar sei. Steinhart stellte auch die Frage nach den Kosten für die Implementierung des Systems, denn „der Einstieg mit der E-Card war für uns Ärzte ein Trauma und auch, wie die Diskussion rund um ELGA gelaufen ist“.

Mit einer Ersparnis von 120 bis 150 Millionen Euro pro Jahr rechnet Wolfgang Gerold vom Wiener Krankenanstaltenverbund. Wiewohl er gleichzeitig davon überzeugt ist, dass das neue System „noch Geld kosten wird“. Dieser Ansicht ist auch Artur Wechselberger. Zwar seien die Ärzte davon überzeugt, dass dieses System das Potenzial zur Qualitätsverbesserung habe, „wir wollen aber nicht die Zahler dieses Systems sein, sei es durch Kosten oder dadurch, dass das System langsam ist und unsere Zeit kostet“, stellte er klar. Angesichts der Tatsache, dass die Apotheken für den Arzneimittelgurt schon „viele Millionen“ (Gerold) in die Hand genommen hätten, seien diese nicht bereit, sämtliche Kosten für die E-Medikation zu übernehmen. Seine Vorstellung: Die Bundesgesundheitskommission müsse ELGA mit den Mitteln ausstatten, damit die Pilotprojekte für ein Jahr laufen können.

Bis es soweit ist, gibt es allerdings noch viel zu tun – wie der weitere Verlauf der Diskussion zeigte. Die Einbindung in bestehende Systeme könnte sich schwierig gestalten – gibt es doch derzeit 72 Anbieter von Arzt-Software. „Das ist ein Thema, das wir in der Euphorie der Qualitäts- Ausrichtung noch nicht diskutiert haben. Es werden Systeme entwickelt, die Implementierungen werden an den Ordinationen hängen bleiben“, fürchtet Steinhart.

Nach wie vor offen sind auch Fragen rund um den Datenschutz. „Hier ist die Sicherheit des Bürgers zu sehen, die gefährdet sein kann“, meinte Hawliczek. Steinhart ergänzte: „Die Gefahr der Transparenz ist enorm. Das Arbeiten damit ist nicht unbedingt einfacher. Ich würde mit fliegenden Fahnen wieder zu meinem Kartei-System wechseln.“ Gerold wiederum meinte dazu: „Die absolute Sicherheit gibt es nicht auf dieser Welt“. Und bei der Haftung gestand er ein, dass „sie bis jetzt ein völlig leeres Feld ist“. Weitaus düsterer beurteilt Steinhart diesen bisher nicht beachteten juristischen Aspekt. „In Wirklichkeit wird das nicht beherrschbar sein“. In der Praxis bedeute das beispielsweise, dass man eine gesamte Medikamentenliste durchsehen müsse, wie Hawliczek erklärte. Und weiter: „Für ELGA gibt es Schätzungen, dass man mit zwei Minuten zusätzlichen Zeitaufwand pro Konsultation eines Arztes oder Apothekers Mehrkosten von rund 40 Millionen Euro im Jahr erzeugt.“ Um allerdings gleich mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen, nämlich jenem des Benefits. „Es gibt bis heute keine einzige wissenschaftliche Studie, die einen Benefit von E-Health für den Patienten nachweist“, so Hawliczek, der überhaupt dafür eintritt, dass es in Zukunft sowohl einen ELGA-freien Raum auch einen E-Medikations-freien Raum geben wird müssen. Schon allein aus Informationsgründen sieht Johannes Steinhart unweigerlich eine Zwei-Klassen-Medizin in Österreich kommen. Der Grund: Systemflucht. „Derjenige, der es sich leisten kann, wird zu einem anderen Arzt gehen“, ist Steinhart überzeugt. Er betonte neuerlich den Unterschied zwischen E-Medikation und ELGA – „davor fürchte ich mich wesentlich mehr“ – wie er erklärte. Und weiter: „Bei einem Harnwegsinfekt kann ich nicht eine Krankengeschichte von 35 Jahren abhandeln“.

Ärztliches Wissen und Denken können durch ein solches System nicht einfach ausgeschaltet werden, betonte Wechselberger. Die E-Medikation solle dazu beitragen, Doppelmedikationen zu verhindern, denn „schon jetzt müssen wir Wechselwirkungen – leichte und schwere – bewusst in Kauf nehmen“. So kommt es, dass sowohl intramural als auch extramural rund fünf Prozent der Patienten wegen einer unerwünschten Arzneimittelwirkung behandelt werden müssen. Darüber hinaus sei bekannt, dass ab drei Medikamenten die Nebenwirkungsrate rasch ansteige. Wechselberger weiter: „Wir Ärzte wollen Qualität erbringen, das gehört zum Grundverständnis unserer Tätigkeit. Wenn es eine Technologie gibt, die zur Verbesserung der Qualität beiträgt, werden wir sie gerne annehmen. Wichtig dabei ist, dass diese Technologie als Hilfsmittel zur Verfügung steht“. Dass die Ärzte nicht bereit seien, für den technischen Fortschritt „irgendwelche Grundwerte“ zu opfern, stellte Johannes Steinhart unmissverständlich fest. Denn die E-Medikation „ist vergleichbar mit dem Sprung von einer konventionellen Bombe zur Atombombe“.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009


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