Fehlervermeidung
Drei Wege zu mehr Sicherheit
Wo gearbeitet wird, passieren Fehler, auch im Gesundheitswesen. Entscheidend ist, wie man mit diesen Fehlern umgeht und wie man sie vermeidet – und dazu starten die Österreichische Ärztekammer und Patientenvertretungen jetzt neue Initiativen.
Von Kurt Markaritzer
Nach einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO werden jährlich weltweit 234 Millionen Operationen durchgeführt. Dabei kommt es nach Schätzungen bei sieben Millionen Patienten zu operationsbedingten Komplikationen. Die Hälfte dieser Komplikationen könnte allerdings vermieden werden, auch in anderen Bereichen der Spitäler und in den Ordinationen der niedergelassenen Ärzte lässt sich die Pannen-Quote senken. Dafür müssen aber die Voraussetzungen geschaffen werden.
„Damit es so wenig Fehler gibt wie möglich, ist eine entsprechende Fehlerkultur in der österreichischen Medizin vonnöten“, sagt Artur Wechselberger, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, der sich mit diesem Thema intensiv befasst. „Wir wollen eine offene Kommunikation, damit aus Zwischenfällen gelernt werden kann. Auf diese Art lassen sie sich in Zukunft vermeiden – und das dient der Sicherheit der Patienten, die gerade für uns Ärzte das oberste Gebot ist!“ Zu einer solchen Fehlerkultur gehöre aber auch, dass der Gesetzgeber Maßnahmen setzt, um die Angst vor Haftungsfällen und beruflichen Problemen entscheidend zu reduzieren. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) und die Österreichische Plattform Patientensicherheit setzen nunmehr eine Reihe von Initiativen, um dieser neuen Sicherheitskultur zum Durchbruch zu verhelfen. Im Wesentlichen geht es dabei um drei Schwerpunkte:
• das neue Fehler- und Lernsystem CIRSmedical.at (Critical Incident Reporting System), das auf Initiative der Ärztekammer eingerichtet wurde;
• die Verbesserung der Kommunikation zwischen Arzt und Patient nach einem Zwischenfall, um die sich besonders die Plattform Patientensicherheit bemüht;
• die Sicherheit im Operationssaal, die durch die Verwendung einer eigenen Checkliste nach internationalen Vorbildern - insbesondere der WHO - erhöht werden soll.
CIRSmedical ist ein Berichtssystem für kritische Vorkommnisse im Gesundheitsbereich. Mit seiner Hilfe sollen potenzielle und bereits existierende Fehler im österreichischen Gesundheitswesen aufgezeigt werden, damit sie beseitigt werden können und anderswo nicht (mehr) vorkommen. Jeder, der auf das System über die Homepage seiner Interessensvertretung zugreift, kann mit Hilfe einer Maske anonym sicherheitsrelevante Ereignisse aufzeigen, die für die Sicherheit im Gesundheitswesen wichtig sind. Das können Fehler, Beinahe-Schäden, entdeckte Risiken, kritische oder auch unerwünschte Ereignisse sein. Die Fehlermeldungen werden von Experten der Österreichischen Gesellschaft für Qualitätssicherung & Qualitätsmanagement in der Medizin GmbH (ÖQMed) erfasst und von Experten der wichtigsten Institutionen im Gesundheitswesen kommentiert.
Das primäre Ziel des Berichtssystems ist es, vermeintliche Risikosituationen und Beinahe-Fehler im organisatorischen Ablauf und in der Kommunikation zu erkennen. Das ist deshalb so wichtig, weil der Großteil der medizinischen Fehler keine Behandlungsfehler sind, sondern organisatorische Ursachen hat.
Diese Risikofaktoren können und sollen aufgezeigt werden, wobei es keineswegs darum geht, irgendjemanden individuell zu beschuldigen. Angestrebt wird vielmehr eine offene Diskussion über Ursachen von Fehlern oder Beinahe-Fehlern, die schlimme Folgen hätten haben können. Wechselberger: „Wir wünschen uns einen offenen Umgang mit Fehlern, ohne dass gleich Sanktionen befürchtet werden müssen. Nur so können wir aus Fehlern lernen und sie in weiterer Folge verhindern.“ Deshalb ist die garantierte Anonymität von CIRSmedical auch so wichtig.
Wie das praktisch funktioniert, schildert Brigitte Ettl, Obfrau der Plattform Patientensicherheit und ärztlichen Direktorin am Krankenhaus Hietzing in Wien. Sie leitet ein Krankenhaus mit 1.182 Betten und 52.000 Patientenaufnahmen pro Jahr und zieht ein Prinzip konsequent durch: „Wir suchen bei Fehlern keinen Schuldigen, sondern analysieren die Prozesse und setzen Maßnahmen und Entscheidungen, um zu verhindern, dass dieser Fehler erneut passiert.“
Fachleute erwarten, dass die Einführung des Berichtssystems eine wertvolle Unterstützung zur Verhinderung von Fehlleistungen im Gesundheitswesen bieten wird. Außerdem sollen alle Beteiligten im Gesundheitsbereich auf die offene, gelingende Kommunikation im Fall des Falles vorbereitet werden. In der emotional angespannten Stimmung nach einem womöglich folgenschweren Fehler sind die richtige Wortwahl und die geeignete Gesprächsstrategie wichtige Voraussetzungen dafür, dass es nicht zu unnötigen, belastenden Auseinandersetzungen kommt.
Wie diese Gespräche zwischen Arzt und Patient oder auch Arzt und Angehörigen gestaltet werden sollen, geht aus der Broschüre „Wenn etwas schief geht. Kommunizieren und Handeln nach einem Zwischenfall“ hervor. Die Anregungen und Anleitungen stammen von den Harvard-Kliniken. Sie wurden in der Schweiz übersetzt und in Lizenz von der Stiftung Patientensicherheit erworben. Der Inhalt beschäftigt sich mit der zentralen Frage: „Wie sollen Patientinnen und Patienten Zwischenfälle oder Fehler am besten nähergebracht werden?“ Wechselberger hat darauf eine Antwort: „Der Schlüssel dazu heißt offene Kommunikation. Wir Ärzte sollten einen ehrlichen, einfühlsamen Umgang mit den Tatsachen anstreben und den Patienten je nach Situation individuell begreifbar machen. Nur so können wir langfristig das Vertrauensverhältnis stärken.“ Die Broschüre enthält solch praxis- und lebensnahe Empfehlungen. Die ÖÄK hat die Druckkosten dafür übernommen. Besonders risikoreich sind naturgemäß chirurgische Eingriffe, deswegen bemüht sich die Plattform Patientensicherheit in besonderer Weise um die Sicherheit im Operationssaal. Eine ihrer Arbeitsgruppen hat auf der Basis der „Surgical Safety Checklist“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine österreichische Variante erarbeitet. „Die Checklisten fungieren als Sicherheitsnetz im Operationssaal und sind mittlerweile ein internationales Gütesiegel. Allen Beteiligten steht damit ein Gerüst zur Verfügung, das sie an ihre jeweilige Situation anpassen können“, konstatiert Brigitte Ettl.
Derartige Checklisten haben sich international bewährt. So konnten im Zeitraum bis 30 Tage nach der Operation Seitenverwechslungen, chirurgische Infektionen, Komplikationen und Todesfälle um mehr als ein Drittel vermindert werden. Dank der Checkliste fiel die Rate schwerer Komplikationen von elf auf sieben Prozent, die Mortalitätsrate großer Operationen sank von 1,5 auf 0,8 Prozent. Diese Ergebnisse sind so überzeugend, dass die Listen mittlerweile weltweit zur Stärkung der Patientensicherheit empfohlen werden, das geschieht jetzt auch in Österreich. Univ. Prof. Norbert Pateisky, der Leiter der zuständigen Arbeitsgruppe und Abteilungsleiter für Klinisches Risikomanagement an der Universitäts-Frauenklinik am AKH Wien: „Das Abarbeiten der Checkliste stellt sicher, dass alle sicherheitsrelevanten Informationen immer aktiv abgefragt werden, allen Beteiligten bekannt sind und nichts vergessen wird. Vorraussetzung für ein gutes Funktionieren ist allerdings eine entsprechende Schulung und laufendes Training.“
Da und dort werden in Krankenhäusern bereits Checklisten angewendet, sie werden aber nur in wenigen Fällen durchgehend befolgt. Das soll sich nun ändern und dazu dient die neue Checkliste, die klar, einfach und leicht verständlich ist. Man geht Punkt für Punkt die Sicherheitsfragen durch, dadurch werden die häufigsten lebens- und gesundheitsbedrohenden vermeidbaren Risiken ausgeschlossen. Die Liste ist bewusst allgemein und kurz gehalten, soll aber an lokale Gegebenheiten und konkrete Bedürfnisse angepasst und erweitert werden. Die Abfolge besteht aus drei Phasen, wird bei allen Eingriffen an Patienten eingesetzt und richtet sich an alle Berufsgruppen im OP-Team – vom Operateur und Anästhesisten bis hin zum technischen Personal. Diese gleichberechtigte Einbeziehung aller Beteiligten im OP bringt Vorteile: „Auch OP-Fachgehilfen können diejenigen sein, die einen Fehler gerade noch rechtzeitig entdecken“, so Manfred Zottl, Risikomanager im Wiener Krankenhaus Hietzing, der eine durchgehende Implementierung der Listen anstrebt. Er vergleicht sie mit den Sicherheitsgurten im Auto: „Gurtenmuffel im OP sind aus meiner Sicht fehl am Platz.“
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009




