ÖÄZ 23/24 - 15.12.2009Gibt es Spontanheilungen?

Spontanheilungen


Gibt es sie oder gibt es sie nicht?


Ein Onkologe und ein Psychiater versuchen im Gespräch mit der ÖÄZ, Antworten zu geben.
Von Monika Berthold

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“ heißt der meist zitierte Satz des deutschen Krebsspezialisten Univ. Prof. Walter Michael Gallmeier, der sich als einer der wenigen jahrelang und intensiv mit der Frage nach Spontanheilungen beschäftigte. Gemeinsam mit Univ. Prof. Herbert Kappauf und seinem Forscherteam analysierte er am Nürnberger Klinikum mehr als 1.000 Fälle von Spontanheilungen.

Gallmeier, der tragischerweise 2004 als 67-Jähriger an Krebs verstarb, kam zum Schluss, dass „Wunderheilungen Ereignisse sind, die jeder menschlichen Erfahrung von der Wirkung der Naturgesetze widersprechen.“ Wer aber darin eine Bestätigung von Wundertheorien vermutet, wird von Gallmeiers nächstem Grundsatz gleich wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt: Wenn wir von Wunderheilungen sprechen, heißt das nur, dass wir die Gesetzmäßigkeiten, die dabei wirken, noch nicht erforscht haben und daher nicht kennen. „Jeder Vorgang in der Natur“, erklärte er in einem Focus-Interview, „unterliegt Gesetzmäßigkeiten, ob wir sie kennen oder nicht.“

Widersprüchlicher kann es kaum sein. Gibt es nun Wunderheilungen oder nicht? Die ÖÄZ befragte dazu zwei Experten, die auf jahrzehntelange Erfahrung zurückgreifen können: Univ. Prof. Christian Dittrich, Leiter der 3. Medizinischen Abteilung/Zentrum für Onkologie und Hämatologie am Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital und Univ. Prof. Walter Pieringer, Vorstand der Grazer Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie.

Die Antwort ist schwierig

Wie schwierig eine einfache Antwort auf die Frage zu geben ist, zeigt die Unmöglichkeit einer hieb- und stichfesten Dokumentation, erklärt Dittrich. Beispiel Krebs: Man spricht von einer Spontanheilung, wenn jemand mit einem nichtoperablen Tumor ohne medikamentöse Therapie oder Radiumbestrahlung von einem nachgewiesenen malignen Geschehen geheilt wird und noch viele Jahre gesund lebt oder an einer anderen Krankheit verstirbt. Man muss diesen Fall über viele Jahre verfolgen können. Das zu dokumentieren ist am schwierigsten. Wie Dittrich feststellt, geht das lediglich durch eine Obduktion. Auch kann eine Spontanremission komplett oder teilweise erfolgen. Aber wie ist das zu messen und letztendlich zu vergleichen? „Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass so manche Spontanheilung auf eine unrichtige oder unvollständige Diagnose zurückzuführen ist“, berichtet der Experte. Der Patient hatte gar nicht Krebs. Und bei den aufgefundenen Metastasen handelt es sich lediglich um Hämangiome.

War Krebs wirklich Krebs?


Dittrich: „Ein Patient kam zu mir mit einem Magenkarzinom und Lebermetastasen, die sich bei einer Leberbiopsie als knotige Leberzirrhose herausstellten.“ In einem weiteren Fall handelte es sich um einen Patienten mit einem Rektumkarzinom und Lebermetastasen. Eine neue Untersuchung ergab, dass es sich lediglich um Hämangiome handelte. „Der Patient lebt bis heute therapielos und gut. Weil es so wichtig ist, eine peinlichst genaue Untersuchung durchzuführen, zweifle ich bei den meisten Sensations-Heilungen an der richtigen Diagnose.“ Auf den Einwand, dass es aber dennoch Fälle von Spontanremissionen gibt, verweist Dittrich auf den bereits genannten Gallmeier: „Dieser hatte in zehn Jahren nur 16 ‚echte’ Fälle gefunden.“

Medizinische Statistiken sprechen weltweit von einem unter 60.000 bis einem unter 100.000 Patienten. Angesichts dieser geringen Zahlen steht die Frage im Raum, ob sich Forschungen in Richtung Wunderheilungen überhaupt lohnen. Statt Zufälle zu analysieren, ist das Geld sicher besser bei wissenschaftlichen Untersuchungen angelegt, die sich bemühen, zu neuen Ufern zu kommen und methodische Ziele ansteuern, erklärt Dittrich.

Nichts ist unmöglich


„Trotzdem glaube ich nicht, dass Spontanheilungen unwahrscheinlich sind“, betont der Onkologe. „Wenn man weiß, wie komplex unser biologisches System ist, kann es jederzeit zu Prozessen kommen, die nach unserem bisherigen Wissen nicht zu erklären sind.“ Dittrich verweist dabei unter anderem auf das intrazelluläre Informationssystem, das noch keineswegs als Terra cognita zu bezeichnen ist. Ungewöhnliche Heilungen könnten auch so gedeutet werden, dass – um bei Krebserkrankungen zu bleiben – maligne Tumoren durch Fehlregulation im Körper entstehen. „Genauso gut könnte bei Normalisierung im System eine Gegenregulation eintreten und der Krebs verschwinden.“

Ähnliche Vorstellungen könnte es im Zusammenhang mit der Apoptose geben, die man experimentell auslöst, die aber auch eigenständig vom Körper forciert werden kann. Aus Untersuchungen weiß man, dass das bei Lymphdrüsenkrebs stärker passiert.

Dittrich wartet noch mit weiteren Argumenten aus der medizinischen Forschung auf: Man kann, so lautet eine Theorie, beispielsweise Tumoren als am Entwicklungspfad in unreifem Zustand steckengebliebenes Gewebe sehen. Wird nun der Ausreifungsstopp aufgehoben, entwickelt sich wieder gesundes Gewebe. Dittrich: „Wir kennen diesen Vorgang aus der Behandlung von Blutkrebs. Durch Chemikalien gelingt es, aus unreifen Promyelozyten reife Granulozyten zu machen und damit Leukämie zu  heilen.“ So etwas kann sicher auch auf natürlichem Wege passieren, also vom Organismus autonom gesteuert sein, was dann als unerklärliche Heilung gilt. Es können auch Immunreaktionen dahinterstecken. So ist es möglich – das kannte man schon in der Antike – dass im Rahmen von Entzündungsreaktionen Fieber auftritt, das einen Heilungsprozess einleitet. Und schließlich liefert die Angiogenese eine mögliche Erklärung. Dabei werden die zur Bildung der Gefäßwände notwendigen Endothelzellen, Perizyten und glatten Muskelzellen durch verschiedene Wachstumsfaktoren aktiviert. Genauso wie diese Wachstumsfaktoren zur Bildung von Krebsgewebe anregen, können sie auch in einem Umkehrprozess Tumoren wieder verschwinden lassen.

Auf diesem Sektor ist noch viel zu tun, denn bisher stehen keine epidemiologischen Untersuchungen zur Verfügung, stellt Dittrich fest und erklärt auf die Frage, ob er schon einmal eine Spontanheilung erlebt hat: „Ich bin jetzt 30 Jahre auf diesem Gebiet tätig und habe bisher keinen einzigen derartigen Fall beobachtet.“

Spontanremissionen oder wunderbare Genesungen, wie auch immer man es nennen mag, so etwas gibt es in der Natur regelmäßig, in der Humanmedizin manchmal, meint Walter Pieringer. Für die Psychosomatik jedenfalls gilt das Phänomen der Spontanremission beziehungsweise der Selbstheilung als Leitbild für die Theorie der Therapie. Psychosomatische Medizin versucht, gezielt Selbstheilungsprozesse zu erkennen und spezifisch zu unterstützen.

Sehr allgemein lässt sich aus psychosomatischer Sicht sagen, dass dort Selbstheilungsprozesse Förderung finden, wo der Patient einen respektvollen Umgang mit seiner Erkrankung schafft, indem er seine Erkrankung anzunehmen lernt, sich persönlich der Krankheit zu stellen versucht, sie auch als positive Herausforderung anzusehen vermag und nach der Phase des Rückzuges eine Neuorientierung im Lebenskampf wagt. Auf Spontanheilung aber zu pochen, wäre der falsche Weg!

Der Psychosomatiker und Psychotherapeut listet dafür wesentliche Voraussetzungen auf, die nicht nur für den Patienten und den Arzt, sondern für alle Menschen Gültigkeit haben: Man dürfe Krankheit nicht nur als Defekt oder Störung ansehen sondern auch als Krise und Wandel. Im selben Sinne definierte der deutsche Arzt Viktor v. Weizsäcker Erkrankung als Kunstgriff des Lebens, als kreativen Versuch, störende, toxische oder feindliche Bedingungen zu bewältigen. Auf dieser Basis wird Erkrankung auch zum Impuls für nötige Veränderungen. Gerade die Emotionen, Ängste und Sorgen in der Erkrankung entpuppen sich dann als Wegweiser im Prozess der Neuorientierung.

Aus der medizinischen Forschung weiß man, dass Spontanheilungen dann auftreten, wenn sich für die Patienten durch die Erkrankung nicht nur Einbrüche sondern auch neue positive Perspektiven und lebenswerte Zukunftsaussichten auftun. Es gehe dabei nach dem US-amerikanisch-jüdischen Soziologen Aaron Antonovsky darum, einen „Kohärenzsinn“ wieder zu entwickeln. Dieses Lebenskonzept beschreibt die Fähigkeit eines Menschen – speziell in der Krise - die ihm gebotenen Ressourcen zu erkennen, neu zu prüfen und dann sozial zu nützen, um Gesundheit wieder zu organisieren. Pieringer: „Wer resigniert und sich fatalistisch dem Leiden hingibt – der ungarische Psychoanalytiker Michael Balint spricht von maligner Regression – hat eher schlechte Prognosen. Wer die Suche nach dem möglichen Neuen im Leben aufnimmt, hat gute Chancen.“ Nicht selten ist zu beobachten, dass Patienten, die sich ernsthaft und mutig auf die Suche nach Widerstandsressourcen machen, erst durch die Krankheit bewusst wird, welche körperlichen, materiellen, persönlichen aber auch interpersonellen und soziokulturellen Schätze sie besitzen.

Als wesentlichsten Faktor für Spontanheilungen nennt Pieringer die Entwicklung einer ganz bestimmten, aber traditionsreichen medizinischen Strategie. Zuerst, so Pieringer, gelte es Bedingungen zu schaffen, dass der erkrankte Mensch sich gut geschützt fühlend zurückziehen dürfe. Es gehe darum, hinter den krankheitsbedingten Ängsten und Schmerzen auch innere Ruhe, das heißt, Übereinstimmung von Denken und Fühlen entwickeln zu helfen. „Die wieder moderne Tiefschlaf-Therapie im Krankenhaus wie der antike Tempelschlaf sind von derselben Idee geleitet. Dahinter steckt die wissenschaftlich bestätigte Erfahrung, dass, wo innere Ruhe und Geborgenheit, wo wieder Übereinstimmung von Denken und Fühlen, von Sympathikotonie und Parasympathikotonie herrschen, ein persönlicher Neubeginn, auch im Sinne kongruenter Genexpression, möglich werde. Erst dann kann der Wille zum Kampf im Leben gefördert werden, der die Neuorientierung real ermöglicht und dynamische Stabilität schafft. Ohne diesen psychosomatischen Prozess könne auch die beste medizinische Therapie nicht nachhaltig helfen.

Ruhe auf Rezept gibt es nicht

In jenen Fällen, in denen diese Bereitschaft zur Wahrnehmung der Krise beachtet wird, sind Spontanheilungen jedenfalls bei funktionellen und konstitutionellen Erkrankungen durchaus im Bereich des Möglichen. Pieringer auf die Frage, wieso es dann nur selten solche Fälle gibt, obwohl man das psychosomatische Rezept ganz gut kennt: „Weil diese Rezepte ja nicht auf Krankenschein zu verordnen sind. Man kann einem Patienten nicht Ruhe und Geborgenheit empfehlen, wenn er vor Angst und Verunsicherung durch Erkrankung und Diagnose zittert.“ Dann aber, wenn der Patient die Erfahrung macht, dass er in seinem Leiden angenommen ist, kann dieses krankheitserhaltende Gekränktsein schwinden.

Wir müssten auch in der Psychosomatik noch viel lernen, resümiert Pieringer. Es bräuchte noch jede Menge Wissen aus Spontanremissionen, aus denen zu erkennen ist, wie Heilung im Körper organisiert wird. Besonders wichtig seien dabei die Forschungen über das Immunsystem, das eine wesentliche Rolle in jedem Heilungsprozess spielt. Dazu gehört zum Beispiel auch die Frage, wie der Mensch aggressives Fremdes, wie einen Virus oder eine Verleumdung erkennen könne, ohne daran zu erkranken und welche konstruktiven Abwehrmechanismen dazu dienlich wären. Oder noch allgemeiner formuliert, wie es dem System Mensch überhaupt gelingt, sich ständig auf diese großen Veränderungen und neuen Herausforderungen im Leben einzustellen; all diese kreativen Prozesse seien eigentlich kleine Spontanheilungen, so Pieringer abschließend.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009    


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