ÖÄZ 23/24 - 15.12.2009Neue Grippe und Reiseverhalten

Neue Grippe und Reiseverhalten


„Wir können die Natur nicht vorhersagen!“


Stelle Dir vor, es gibt die „Neue Grippe“ und keiner macht mehr eine Reise – diese Horrorvision ist – aus der Sicht der Reiseveranstalter – mehr oder minder gänzlich ausgeblieben.
Von Fritz Pesata

Die Neue Grippe ist für die Reisebranche erstaunlicherweise „kein Thema“ – das ist der mehr oder minder einhellige Befund bei einem sogenannten „Sicherheitsgipfel“, zu dem die Europäische Reiseversicherung Experten und Journalisten Ende November in Wien geladen hatte. Pragmatisch beispielsweise die Haltung von Martin Sturzlbaum, Vorstandssprecher der Europäischen Reiseversicherung, wenn er sagt, die Epidemie sei „ein globales Phänomen. Das Risiko einer Ansteckung ist überall gleich groß und es gibt keinen vernünftigen Grund, nicht zu reisen“.

„Keine Auswirkungen“ bisher sieht auch der Pressesprecher von TUI, Josef Peterleithner, der ähnlich wie Sturzlbaum argumentiert, ein globales Problem, das überall auftreten könne, habe keinen speziellen Stellenwert für den Tourismus. Ins gleiche Horn stieß auch Martin Bachlechner, Vorstandsdirektor des Verkehrsbüros: bisher seien „kaum Auswirkungen erkennbar“. Von einer kürzlich durchgeführten Reise mit 550 Teilnehmern nach Berlin hätten nur vier Personen storniert, keiner von ihnen wegen der Neuen Grippe. Auch für die Fluggesellschaften bringt die Neue Grippe keine zusätzlichen Probleme, so Peter Hödl, bei Austrian Airlines für Notfallmaßnahmen zuständig. Notfallkoffer – „infection kits“ – gehörten zur Standardausrüstung; bisher habe es noch keinen Fall für das Notfallprogramm gegeben. Sollte ein Passagier auf dem Flughafen Krankheitssymptome aufweisen, werde man ihm empfehlen, den Flug zu verschieben – verbieten könne man es ihm jedoch nicht.

Starke Aussagen kamen von Univ. Prof. Herwig Kollaritsch, Leiter der Abteilung Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien, der eingangs die rund 40 Anwesenden fragte, wie viele von ihnen bereits geimpft seien: von den Experten der Reisebranche kaum jemand, vom Saalpublikum - darunter viele Journalisten - vier. Da legte Kollaritsch richtig los: Zwar könne man viele Dinge nicht vorhersagen, aber jetzt, nach den nunmehrigen Erfahrungen mit der Neuen Grippe, traue er sich zu sagen, dass bis April nächsten Jahres mit 1,5 Millionen Infizierten gerechnet werden müsse. Kollaritsch: „Ich fühle mich wohl, dass ich geimpft bin“ und berichtete, dass in den USA mindestens 540 Kinder an der „Neuen Grippe“ gestorben seien. Mit dem Impfstoff habe man inzwischen ausreichend Erfahrung. Es habe nur wenige Meldungen ans Gesundheitsministerium wegen geröteter Einstichstelle oder leichtem Fieber als Nebenwirkungen gegeben. Wenngleich die WHO die Pandemie erklärt habe, solle man keine Panik machen; allerdings wisse man nicht, wie sich das Virus weiter entwickeln werde, denn jedes Jahr gebe es neue Mutationen. Das Virus selbst weise 80 Gen-Segmente auf mit 256 Kombinationsmöglichkeiten und man könne nicht vorhersagen, wie die Eigenschaften des Mutanten sein würden. Denn: „Wir können die Natur nicht vorhersagen“. Erbost zeigte sich Kollaritsch auch über viele seiner Kollegen aus dem Gesundheitsbereich, die sich nicht gegen die „Neue Grippe“ impfen ließen.

Gernot Spanninger vom Gesundheitsministerium erläuterte die Strategie seiner Behörde: Am Anfang habe man in Österreich - wie auch international – auf Isolation der Patienten gesetzt, was in dem Moment überholt gewesen sei, als die Verbreitung nicht mehr kontrollierbar war. Dann habe man zur freiwilligen Impfung aufgerufen, zuerst des Gesundheitspersonals, dann der Risikogruppen und zuletzt der gesamten Bevölkerung. Man habe jedenfalls ausreichend Impfstoff, nämlich 16 Millionen Dosen geordert; bis 20. November seien in Österreich 130.000 Personen geimpft worden, zu diesem Zeitpunkt seien 920.000 Dosen in den Bundesländern vorrätig gewesen. Spanninger versuchte auch zu erklären, warum sein Minister zu Beginn der Grippewelle erklärt hatte, sich selbst nicht impfen zu lassen: Der Minister habe „eine sorgsame Position“ eingenommen, um keine Panik zu verursachen; es könne sein, dass seine Meinung nun eine andere sei. Die Wortmeldung vor allem von Kollaritsch hat jedenfalls bewirkt, dass am Ende der Veranstaltung die Mehrheit der Reiseexperten erklärte, sich nunmehr impfen zu lassen oder zumindest daran zu denken.


© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009    


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