ÖÄZ 23/24 - 15.12.2009Projekt Marcsri - Ein Paradies braucht Hilfe

Projekt Marcsri


Ein Paradies braucht Hilfe


Rita Perera, Gründerin des Projekts Marcsri, beherbergt in der Nähe der ceylonesischen Hauptstadt Colombo alleingelassene Alte, Waisen und behinderte Kinder. Mit Hilfe von Gruppen aus dem deutschsprachigen Raum hat sie 22 Heime geschaffen, um der lokalen Obdachlosigkeit den Kampf anzusagen.
Von Birgit Oswald

Sri Lanka – der im indischen Ozean gelegene Inselstaat - ist seit 25 Jahren Ziel für engagierte Einsatzgruppen aus Österreich, Bayern, Südtirol und der Schweiz, die vor Ort die einheimischen Hilfskräfte unterstützen. Die freiwilligen Helfer beteiligen sich aktiv am Projekt Marcsri, das soviel wie „Heim der tätigen Nächstenliebe“ bedeutet. Bis heute haben sich diese Hilfsgruppen mehr als 50 Mal auf die Solidaritätsreise nach Katukurunda, südlich von Colombo, begeben, um neben dem Aufbau von Heimen auch die Betreuung von Waisen, behinderten Kindern und alten Menschen zu übernehmen. Organisiert werden die Einsätze vom Arbeitskreis Weltkirche, Gerechtigkeit und Frieden des Vikariates Süd in Wiener Neustadt. Seit 1985 konnten durch das westliche Engagement bereits 23 Häuser, die mehr als 700 Menschen beherbergen, errichtet werden. Mehr als 70 Personen, die zum Teil dort aufgewachsen sind, zum Teil handelt es sich um ehrenamtliche Helfer, kümmern sich um die Schützlinge.

Das Projekt Marcsri wurde von Rita Perera ins Leben gerufen, die nach dem Tod ihres Mannes beschloss, ihr Haus für Waisenkinder zu öffnen. 15 Jahre war die Tochter eines katholischen Lehrers, die 1934 als eines von sieben Kindern in der Hafenstadt Galle geboren wurde, Mitglied eines lokalen Ordens (Order of the Sisters of Charity) und hat später am St. Aloysius´s College unterrichtet. Religion war für die kinderlose Witwe seit ihrer Kindheit ein äußerst wichtiger Teil ihres Lebens, weshalb auch ihr Sozialprojekt Züge einer christlichen Gemeinschaft aufweist. Als sie ihr Heim 1985 erstmals für die Bedürftigen öffnete, stieg nicht nur die Zahl der hilfesuchenden Menschen rapide an, sondern auch der finanzielle und pflegetechnische Aufwand, der mit der Betreuung der Schützlinge verbunden war. Rita Perera konnte freiwillige Helfer für ihr Projekt gewinnen, die jährlich ihr Marcsri-Versprechen ablegen, welches sie zu Gebet und aktiver Mitarbeit am Projekt verpflichtet. Heute arbeiten mehr als 70 Personen vor Ort in Marcsri mit, die vielfach aus der Region stammen und ihre Dienste ehrenamtlich oder gegen ein kleines Taschengeld zur Verfügung stellen. Als rechte Hand von Rita Perera fungiert seit 1989 Julian Peter Tissera, der nicht nur als geistlicher Direktor, sondern auch als Priester, Erzieher, Handwerker und Baumeister eine Bereicherung für Marcsri darstellt. Trotz der großen regionalen Unterstützung konnte das Sozialprojekt in der heutigen Form aber nur durch die stetige Hilfe der unter anderem österreichischen Einsatzgruppen realisiert werden.

Hinter der hohen Zahl an hilfsbedürftigen Menschen in Sri Lanka stecken neben Armut und mangelnder Bildung auch die lebensphilosophischen Ansichten der Bevölkerung. Buddhismus und Hinduismus sind weit verbreitete spirituelle Denkweisen, die auch in Tradition und Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Einwohner glauben an die Bedeutung des Karmas, wonach jede Handlung in diesem oder in einem nächsten Leben Folgen hat. Diese Anschauung veranlasst viele Eltern, ihre behinderten Kinder, die auf ein schlechtes Karma hindeuten könnten, zu verstecken oder wegzugeben. Oft kommen die in Marcsri abgegebenen Schützlinge aus sehr wohlhabenden und angesehenen Familien, die aus Angst vor sozialem Verstoß ihren behinderten Nachwuchs geheim halten oder ins Heim bringen. Dieses Schicksal traf auch Dhoni, die wegen ihrer verkrüppelten Beine von ihren Eltern, einem angesehenen Radiologen und einer Krankenschwester, nach Marcsri gebracht wurde. Das Mädchen wurde jahrelang versteckt und lebt nun in einem der Heime, wo ihre beachtlichen schulischen Talente gefördert werden können.

Aber auch völlig gesunde Babys, die meist unehelich gezeugt wurden, werden oft in Marcsri abgegeben. Die ledigen Mütter trennen sich von ihren Kindern häufig aus Armut und Perspektivlosigkeit, meist aber aus Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg und Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Neben den genannten sozialen Einflüssen spielen weitere Faktoren eine Rolle, die Hilfseinrichtungen wie Marcsri immer notwendiger machen. Die schlechte medizinische Versorgung und der fehlende Hygienestandard erschweren das tägliche Leben. Selbst Krankheiten wie Kinderlähmung sind in den meisten Gebieten des Inselstaates immer noch weit verbreitet und können kaum behandelt werden. Auch die natürlichen Gegebenheiten Sri Lankas haben dazu beigetragen, dass sich die Armutssituation kaum verbessern konnte. Weihnachten 2004 hinterließ die Tsunami-Katastrophe immense Schäden auf der ganzen Insel und ging auch am Projekt Marcsri nicht spurlos vorüber. Das Heim in Paiyagala wurde von der Flutwelle völlig weggeschwemmt und nahm den Bewohnern ihr zu Hause.

Dennoch konnte Rita Perera mit Hilfe von regionalen Helfern und den Gruppen aus dem Ausland die Zahl der Marcsri-Heime enorm aufstocken und vielen Kindern und alten Menschen ein zu Hause geben. Darunter Sebi, der seit 1983 in Marcsri lebt. Er leidet seit seiner Geburt an Kinderlähmung und kann seine Gliedmaßen nicht bewegen. Auch seine Arme kann er nur sehr begrenzt einsetzen und braucht deshalb Hilfe beim Essen, Trinken und der Körperpflege. Zwar konnte er nie eine Schule besuchen, so geht ihm aber dennoch der Ruf voraus, ein Genie zu sein, denn er verfügt über die Gabe, sich jedes Datum genau zu merken und den passenden Wochentag abzuspeichern. Von seinen Freunden in Marcsri wird er deshalb „The diary of the home“ genannt. Es gibt aber auch Menschen, die nicht ihr ganzes Leben in Marcsri verbringen wie etwa Nilanthi, die als Baby in eines der Heime gebracht wurde. Das Mädchen war so zerbrechlich und unterernährt, dass ihr die Ärzte kaum eine Überlebenschance zugestanden. Dank intensiver Pflege der Helfer und Schwestern konnte sich das Kind normal entwickeln und ist mittlerweile Ehefrau und selbst Mutter einer Tochter.

Rita Perera hat es geschafft, ihr Projekt ohne fixes Einkommen zu verwirklichen. Die einzige reguläre Geldquelle ist ihre private Pension, die allerdings eher bescheiden ausfällt. Jährlich gibt es eine Einmalzahlung der „Friends of Marcsri“, eine Wohltätigkeitsvereinigung, die das Projekt finanziell unterstützt. Davon muss sie für die Fixkosten für die tägliche Versorgung mit Nahrungsmittel, Kleidung und Medikamenten bis zur Ausrichtung von Begräbnissen aufkommen. Der Arbeitskreis Weltkirche in Wiener Neustadt hat deshalb 1989 die „Initiative Sozialprojekt Marcsri Sri Lanka“ gegründet, um einen Beitrag zu leisten. 1992 folgte die Gründung eines eigenen Vereins, der sich seither mit einem engagierten Vorstand um die Verbesserung der Lage in Sri Lanka kümmert.


Spendenkonto

„Initiative Sozialprojekt Marcsri, Sri Lanka“

Kontonummer 5400221,
BIC: RZOOAT2L460,
IBAN: AT09 3446 0000 0540 0221
Raiffeisenbank, Gutau-Kefermarkt,
BLZ 34460;
Weitere Informationen gibt es unter:
www.marcsri.org



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009    


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