Spitalsärzte
Mit 50 droht der Herzinfarkt
Erstmals konnte im Rahmen einer Studie der Uniklinik Innsbruck ein erhöhtes Herzinfarktrisiko für Ärzte während des Journaldienstes nachgewiesen werden, das noch dazu mit der Anzahl der Berufsjahre steigt. Die Bundeskurie Angestellte Ärzte mahnt – einmal mehr – gravierende Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für Spitalsärzte ein. Von Kurt Markaritzer
Harald Mayer, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte, präsentiert ein Forderungsprogramm, das die unhaltbaren Zustände ändern und vor allem älteren Ärzten in den Krankenhäusern mehr Schutz bringen soll: „Wir sprechen uns für eine Beschränkung der wöchentlichen Arbeitszeit sowie der Dienstdauer von Spitalsärzten ab 50 Jahren aus. Sie sollen im Schnitt nicht mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten und nur Dienste mit einer Maximaldauer von bis zu 25 Stunden leisten dürfen.“ Das soll verhindern, dass ältere Spitalsärztinnen und Spitalsärzte Krankheiten wie Burnout, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfälle bekommen.
Eine 48-Stunden-Woche und eine maximale Dienstdauer von 25 Stunden würden in anderen Branchen die Gewerkschaft auf den Plan rufen, im Spitalsalltag aber tatsächlich einen enormen Fortschritt bedeuten, denn derzeit sind in den Krankenhäusern wesentlich längere Wochenarbeitszeiten üblich. In den 27 Spitälern des Landes Niederösterreich gelten beispielsweise Betriebsvereinbarungen, die wöchentliche Arbeitszeiten von 60 Stunden, unter Umständen sogar von bis zu 72 Stunden, erlauben. „Die maximal zulässige Arbeitszeit wird immer öfter bis an die Grenze ausgenützt“, sagt Ronald Gallob, Obmann der Kurie der angestellten Ärzte in der Ärztekammer Niederösterreich. Sein Kollege Burkhard Walla, Kurienobmann angestellte Ärzte in der Ärztekammer Vorarlberg ergänzt: „Ein Spitalsarzt bei uns erbringt 100 Prozent Normalarbeitszeit, dazu kommen regelmäßige Überstunden, die weitere 20 Prozent der regulären Arbeitszeit ausmachen. Er nimmt dann auch noch Nachtdienste in Kauf, um auf ein Gehalt zu kommen, das Akademiker in anderen Berufen in der Normalarbeitszeit verdienen. Ein Spitalsarzt in Vorarlberg muss dafür allerdings rund 250 Stunden pro Monat im Spital verbringen, das ist eindeutig zu viel.“
Zur zeitlichen Belastung kommen Organisationsmängel in den Spitälern, die es den Ärzten immer schwerer machen, direkt am und mit den Patienten zu arbeiten. Harald Mayer: „Wir werden mit administrativen Aufgaben zugeschüttet. Gut ausgebildete und hoch spezialisierte Ärzte produzieren Berge von Papier statt sich intensiv den Patienten zu widmen.“ Allein in den Jahren 2003 bis 2006 hat sich wegen der Verwaltungsaufgaben, die Ärzte übernehmen mussten, die für Patienten zur Verfügung stehende Zeit um fünf Prozent reduziert.
Diese Verschlechterung der Rahmenbedingungen gehen mit einer steigenden Patientenzahl einher. Jörg Hutter, Obmann der Kurie der angestellten Ärzte in der Ärztekammer Salzburg, legt die Fakten für sein Bundesland auf den Tisch: In den Salzburger Landeskliniken wurden im Jahr 2003 noch 74.016 stationäre Aufenthalte von Patienten gezählt. Im Vorjahr waren es bereits 93.801, um 27 Prozent mehr. Die ambulanten Behandlungen nahmen zwischen 2003 und 2008 um 53 Prozent auf 835.505 zu. Harald Mayer bringt es auf den Punkt: „Die Verdichtung der ärztlichen Tätigkeit in den Spitälern ist nicht zu übersehen. Wir behandeln heute im gleichen Zeitraum um 25 Prozent Patienten mehr als vor fünf Jahren. Dabei ist zu bedenken, dass die Fachärzte, die den anstrengenden Dienst versehen, immer älter werden und die üblichen überlangen Arbeitszeiten auf Dauer kaum verkraften können.“
Tatsächlich sind die Bedingungen in den Spitälern für die Ärzteschaft in hohem Maße gesundheitsgefährdend. Wie groß das Risiko ist, krank zu werden, belegt eine brandaktuelle Studie der Medizinischen Universität Innsbruck. Studienleiter Univ. Prof. Michael Joannidis: „Die Ergebnisse unserer Untersuchungen weisen erstmalig ein erhöhtes Herzinfarktrisiko der Ärztinnen und Ärzte während des Journaldienstes nach!“ Markus Rauchenzauner und Florian Ernst, die Autoren der Studie, untersuchten an der Innsbrucker Klinik die Herz-Kreislauf-Belastung für Ärzte während des Journaldienstes mit einer 24stündigen Rufbereitschaft. Die Mediziner konnten sich in dieser Zeit zwar in Schlafräumlichkeiten zurückziehen, wurden jedoch bei Notfällen geweckt. Was das bedeutet, zeigen die Detailanalysen der Testreihe, für die sich 30 Medizinerinnen und Mediziner der Uniklinik Innsbruck zur Verfügung stellten. Tragbare Messgeräte dokumentierten 24 Stunden lang ihre Herztätigkeit, den Blutdruck, Stresshormone, Harn und Blut. Die Ärzte wurden pro Nacht drei- bis fünfmal geweckt, sie hatten daher nur kurze Schlafphasen. Ihr Organismus befand sich während des gesamten Dienstes in Alarmbereitschaft.
Im Vergleich zu einem normalen Arbeitstag ohne Nachtdienst war beispielsweise der Blutdruck während des gesamten Dienstes erhöht. Darüber hinaus wurden gefährliche Herzrhythmusstörungen beobachtet, auch Entzündungsparameter und Harnsäure waren signifikant höher. Joannidis: „Alle nachgewiesenen Parameter sind als Risikofaktoren für einen Herzinfarkt einzustufen.“ Dabei waren die Risikofaktoren nicht nur im Falle eines Notrufs erhöht, sondern während der gesamten Schicht. Die Studie kommt auch zum Schluss, dass das Erkrankungsrisiko mit der Anzahl der Berufsjahre steigt, in denen Schichtdienste geleistet werden. Jene Ärzte, die schon mehr als zehn Jahre Nachtdienste versehen, zeigten ein höheres Herzinfarktrisiko als jene, die erst wenige Jahre Nachtdienste absolvierten.
Diese Erkenntnis deckt sich mit den Eindrücken und der Erfahrung des Spitalsärztechefs. Mayer: „Je älter die Kolleginnen und Kollegen sind, umso mehr zeigen sich bei ihnen Burnout-Symptome. Sie sind schlichtweg bis an ihre körperlichen Grenzen und an den Rand der psychischen Belastbarkeit gefordert. Viele ältere Ärztinnen und Ärzte können den Druck nicht mehr verkraften und steigen in der Folge aus.“ Damit gehen aber ihr langjährig erworbene Wissen und Erfahrung für die Spitäler und vor allem für die ärztliche Ausbildung verloren. Die unzumutbaren Dienstzeitregelungen führen dazu, dass das kostbare Erfahrungspotenzial älterer Ärzte ungenutzt bleibt – ein Schaden für das Gesundheitssystem, das in politischen Sonntagsreden immer als eines der besten der Welt gepriesen wird. „Das ist es zweifellos auch – aber zunehmend zu Lasten der Ärztinnen und Ärzte, die ein Recht auf eine ausgewogene Work-Life-Balance haben“, betont der Kurienobmann.
Ohne nachhaltige Maßnahmen wird sich die Situation aber nicht verbessern, sondern verschlechtern, denn die Fachärzte im Spital sind im Durchschnitt 48 Jahre alt. Rund 5.650 der insgesamt knapp 16.400 Ärztinnen und Ärzte sind über 50 Jahre, 16 Prozent sind älter als 55, sieben Prozent älter als 60. Daraus ergibt sich, dass in den nächsten zehn Jahren eine große Zahl von Ärzten in den Ruhestand treten wird. Das wird zu kritischen Situationen führen, befürchtet Mayer: „Schon jetzt ist in einigen Fächern an Österreichs Spitälern ein gravierender Mangel an Fachärzten zu konstatieren. Vor allem in der Inneren Medizin, in der Chirurgie und in der Anästhesie werden Lücken bei der Nachbesetzung auftreten. Wer erhält dann den Spitalsbetrieb aufrecht, wenn die große Kompetenz und Erfahrung von älteren Fachärzten durch Pensionierung abhanden kommt?“ Die Frage sollte den Verantwortlichen zu denken geben, ebenso die Bereitschaft vieler Ärzte, die in Nachbarländer abwandern, wo sie zum Teil bessere Arbeitsbedingungen fänden. So arbeiteten 2008 immerhin 1.802 österreichische Ärzte in Deutschland und 322 in der Schweiz.
Harald Mayer fordert angesichts der drohenden Gefahren energisch Konsequenzen: „Der Beruf Spitalsarzt muss für ältere Kolleginnen und Kollegen wieder attraktiver werden. Es ist wohl nur legitim, dass auch Ärzte ihre Pensionierung halbwegs gesund erleben möchten!“
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009




