Symposium „Herausforderung Humanität“
Der Tod als „Feind“
Als „Betriebsfehler auf dem Weg zur Unsterblichkeit“, bezeichnet der Schriftsteller Arno Geiger den Tod im Rahmen des Symposiums „Herausforderung Humanität – Ethik in der Medizin“. Von Sabine Fisch
Was bedeutet der Begriff „Tabu“? Der deutsche Philosoph und Religionswissenschafter Univ. Prof. Karl-Heinz Nusser sieht dieses Wort durchaus zweideutig: „Zum einen bedeutet Tabu ein ‚nicht darüber sprechen wollen’, ‚etwas nicht sehen wollen’", erläuterte Nusser in seinem Vortrag anlässlich des Symposiums „Herausforderung Humanität – Ethik in der Medizin“, das vom Europäischen Forum Alpbach und der Österreichischen Ärztekammer im Oktober veranstaltet wurde. „Tabu kann aber auch bedeuten, ‚... an etwas nicht zu rühren, weil es für die Gesellschaft wichtig ist‘. Für den Tod als Tabu gilt daher, dass einer Aushöhlung des Todes etwa durch aktive Euthanasie entgegen gesteuert werden sollte“, so Nusser weiter. „In der modernen Gesellschaft ist der Tod auch zum Tabu geworden, weil die religiöse Sinndeutung ausgeblendet wurde“, zeigt sich der Religionsphilosoph überzeugt.
Der Tod als „Feind“
Der medikalisierte Prozess, den das Sterben mittlerweile in den meisten Fällen bedeutet, vereinsamt die Sterbenden, eine Ansicht, zu der auch der Schriftsteller Arno Geiger neigt, der meinte: „Der Tod wird immer öfter als eine Art Versagen seitens des Individuums betrachtet, als ein Betriebsfehler auf dem Weg zur Unsterblichkeit.“ In der Medizin wird der Tod vielfach immer noch als „Feind“ gesehen, den es zu bekämpfen gilt. Das erschwert aber den Umgang mit Sterbenden massiv. „Wird der Tod nicht verdrängt, weder vom Sterbenden noch vom behandelnden Arzt, wenn über den Tod gesprochen werden kann, dann erfährt der Sterbende jene menschliche Zuwendung, die er in dieser Situation braucht“, erläuterte Nusser.
Das Wissen um den Tod - noch vor 100 Jahren ein Allgemeingut - hat sich auch aufgrund der guten medizinischen Versorgung, stark reduziert. „Vor 100 Jahren starben Menschen jeden Lebensalters, vom Baby bis zum Greis“, erklärte Univ. Prof. Christoph Gisinger, ärztlicher Leiter im Haus der Barmherzigkeit in Wien, in seinem Statement: „In der Gegenwart ist der Tod in jungen Jahren weitgehend verschwunden, das Sterben findet in Institutionen statt.“ Und diese Institutionen sind nicht zum Sterben eingerichtet.
Würdevolle Begleitung
„Krankenhäuser sind meist kein Ort, wo für das Lebensende qualitätsvoll vorgesorgt wird“, meinte Gisinger, der dies als „Organisationsversagen der Institution Krankenhaus“ betrachtet. Entscheidend sei, so Gisinger, „welcher Geist in einer Gesundheitsorganisation weht.“ Dies ist allerdings viel zu selten Thema in Gesundheitsorganisationen, die eher Leistungen im Sinne von Produktion von „mehr Gesundheit“, Prozesse, Standards, Kosten und Kennzahlen in den Mittelpunkt stellen. „Hier bleibt die Qualität einer würdevollen Begleitung am Lebensende auf der Strecke“, ärgert sich Gisinger.
Für den Onkologen Univ. Prof. Richard Greil, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin III an den Landeskliniken Salzburg, ist der Tod dagegen Alltag. „Die Onkologie spielt sich immer in diesem Spannungsfeld ab“, formulierte er in seinem Statement. Die Studienlage zu diesem Thema ist allerdings unzureichend: Eine Suche in Pubmed, der größten Datenbank für medizinische Studien, ergab lediglich 20 Treffer für die Begriffe „Dying in Hospital“. Greil dazu: „Die Medizin beschäftigt sich mit der Abwehr des Todes und der Erhaltung eines lebenswerten Lebens“. Denn der Tod entzieht sich wissenschaftlicher Messbarkeit.
So hat eine Studie ergeben, dass der Tod - auch bei schwerstkranken Menschen - nicht vorausgesagt werden kann. Für diese Studie wurden Ärzte befragt, die voraussagen sollten, wann ein – „zum letzten Mal“ eingelieferter Patient versterben werde. 38 Prozent der für diese Studie befragten Ärzte gaben an, dass sie keine Prognose abgeben könnten: Je länger die Aufenthaltsdauer des Patienten, desto größer wurde diese Unsicherheit, schließlich stieg sie auf 86 Prozent. Und weniger als 50 Prozent der befragten Ärzte sprachen mit ihren sterbenden Patienten über das Thema Sterben und Tod.
Diskussion über Euthanasie
Dieses „Tabu Tod“ führt nicht selten zu Diskussionen über das Thema Euthanasie. In den Niederlanden und der Schweiz ist die aktive Sterbehilfe erlaubt, was nicht zuletzt auch österreichische Patienten dazu verleitet, dorthin zu fahren, um aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Für die Experten, die dieses Thema im Rahmen des Symposiums „Herausforderung Humanität“ diskutierten, ist dies der falsche Weg. Richard Greil zeigte dies anhand der Motive vieler todkranker Menschen auf, die sich aktive Sterbehilfe wünschen: „Die Betroffenen geben an, Angst vor unerträglichen Schmerzen zu haben, eine sinnlose Existenz zu führen, aber auch eine Belastung für ihre Umwelt zu sein“. Diese Gründe dürften jedoch keinesfalls zur Einführung der aktiven Euthanasie in Österreich führen. Denn durch Gespräche, Pflege und Medikamente lassen sich viele der Ursachen, warum nach Sterbehilfe verlangt wird, positiv verändern.
Der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe ist oft kein Wunsch nach dem Tod, sondern nach dem Ende von als unzumutbar erlebten Lebensumständen. Können diese verbessert werden, schwindet der Wunsch nach dem Tod in vielen, wenn auch nicht in allen Fällen, wie der Referatsleiter für Ethik und Palliativmedizin der Wiener Ärztekammer, Michael Peintinger erklärte. Eine rezente Studie aus Oregon habe gezeigt, dass auch Hospizpatienten mit optimaler Versorgung den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe äußern. „Das Problem, die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben geht tiefer, als es äußerlich den Anschein hat“, so Peintinger. Aktive Sterbehilfe könne aber nicht die Antwort auf jene Probleme darstellen, die mit Sterben und Tod einhergehen. „Direkte aktive Sterbehilfe kann, bei aller Ausdehnung des Verständnisses einer Beistandspflicht, keine ärztliche Handlung sein“, zeigte sich Peintinger überzeugt.
95 Prozent der Menschen sterben nicht zu Hause sondern in einer Einrichtung wie dem Krankenhaus oder dem Pflegeheim. Das bedeutet für die in diesen Institutionen Beschäftigten die tägliche Auseinandersetzung mit sehr vulnerablen Menschen, die in ihrer Autonomie und Selbstständigkeit behindert sind und am Ende ihres Lebens stehen. „Für diese Menschen ist der Tod oft kein Tabu mehr, kein Symbol des Versagens“, erläuterte Christoph Gisinger eine andere Sichtweise des Todes. „Für die Beschäftigten in der Medizin dagegen sehr wohl, was eine positive Auseinandersetzung mit dem Thema behindert.“ Für die Medizin heißt das, laut Gisinger, dass sie sich vor allem auch mit den Wünschen der Sterbenden auseinandersetzen müsse. Dabei stehen Fragen wie: Was ist ein guter Tod? oder Kann Sterben überhaupt „gut“ sein? im Vordergrund: „Niemand will a priori nicht leben“, hielt Gisinger fest. „Es geht vielmehr um die Situation, in der sich der Sterbende befindet und in der er möglicherweise nicht mehr leben will.“ Gisinger spricht in diesem Zusammenhang von „Organisationsethik“, die sich mit den Vorgängen zwischen Intensivstation und Sterbezimmer auseinandersetzen müsse.
Eine intensivere Auseinandersetzung mit Sterben und Tod wünschen sich auch der Religionsphilosoph Karl-Heinz Nusser und der Schriftsteller Arno Geiger: „Es muss diskutiert werden, wie der Tod wieder zu einem ‚... sozialen Ereignis‘ werden kann“, sagte Nusser abschließend. Arno Geiger wiederum meinte: „Der Tod schafft eine Relation für das Leben“, und setzte hinzu: „Wenn der Mensch unsterblich wäre, würde er weniger nachdenken. Und wenn der Mensch weniger nachdenken würde, wäre das Leben weniger wert.“
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009




