ÖÄZ 23/24 - 15.12.2009Wöckherl-Orgel - Die älteste Orgel Wiens

Wöckherl-Orgel


Die älteste Orgel Wiens


In der Franziskanerkirche steht Wiens älteste Orgel, die jetzt nach allen Regeln der Kunst wieder auf Hochglanz gebracht wird.
Von Monika Berthold

Wie Pater Gottfried Wegleitner, Guardian des Wiener Franziskanerordens feststellt, führte dieses kostbare Instrument bisher eher ein Schattendasein. Es steht nämlich - nach oberitalienischem Vorbild - für die Öffentlichkeit verborgen im Mönchs-Chor der Franziskanerkirche hinter dem raumhohen Kulissenaltar des berühmten italienischen Malers und Architekten Andrea Pozzo (1642 - 1709). Der Chor, vom Kirchenschiff her uneinsehbar und nur über großteils verschlossene Türen und Gänge vom Konvent aus erreichbar, bleibt den Franziskanern vorbehalten. Diese versteckte Lage war für die Orgel Fluch und Segen zugleich. Da im Hauptraum der Kirche eine neue Orgel die musikalische Begleitung der Gottesdienste übernahm, verlor die alte an Bedeutung und war jetzt fast bis zur Unspielbarkeit heruntergekommen. Andererseits entkam sie so der Modernisierungswut und möglicherweise der Zerstörung.

Das einzigartige Instrument wurde in den Jahren 1642 und 1643 vom Wiener Orgelbauer Johann Wöckherl (1594 - 1660) geschaffen. Der am 14. Juli 1642 geschlossene Werkvertrag ist noch heute vorhanden und liefert den Beweis für das Alter der Orgel. Im Archiv der Franziskaner findet sich überdies ein ganzer Akt von Dokumenten zur 366-jährigen Lebensgeschichte des Instruments: Skizzen zur Anatomie der Orgel, Rechnungen, Notizen über Reparaturarbeiten, Ausbesserungen und umfangreiche Restaurierungen wie jene aus den 1950er Jahren. Eine, wie Pater Gottfried erklärt, für die Musikgeschichte keineswegs glückliche.

In zwei winzigen Räumen hinter dem Mönchs-Chor lagert, fein säuberlich geordnet, das gesamte Innenleben der Wöckherl-Orgel: 1.272 Metall- und Holzpfeifen, Montagelemente, Lederteile, Holzstücke, so wie sie vor mehr als dreieinhalb Jahrhunderten von den Orgelbauern angefertigt wurden. Bis auf eine Ausnahme, nämlich jene Stücke, an denen die restauratorischen Sünden aus der Zeit nach dem  Zweiten Weltkrieg deutlich sichtbar sind. Man hat, um die Orgel einfacher stimmen zu können, jede Pfeife verlängert, jeweils Metallstücke an die Originale aufgelötet, für Kenner historischer Instrumente ein Sakrileg. Das soll nun entfernt werden, um den originalen Klang wieder herzustellen.

Jedes Stück ein Unikat

Jedes dieser Orgelteile ist eine Kostbarkeit. Egal ob Holz, Leder oder Metall - zur damaligen Zeit fertigte jeder Orgelbauer die Elemente des Instruments selbst - vom reich verzierten Gehäuse über die Pfeifen und Blasbälge bis hin zur kleinsten Schraube - jedes Stück ein Unikat. Der international bekannte Schweizer Orgelbaumeister Wolfgang Rehn, der bereits die 370 Jahre alte Orgel in der Stiftskirche von Klosterneuburg restaurierte, hat die Wöckherl-Orgel Stück für Stück zerlegt. Jedes Teilchen wird in einem Computermodell erfasst, um am Ende alles originalgetreu wieder zusammenzusetzen. Nur so ist es möglich, das Instrument wieder so zum Klingen zu bringen, wie man es 1642 hörte.

Die katalogisierten und sorgfältig in Kisten verpackten Teile werden in den kommenden eineinhalb Jahren in den Stammwerkstätten (Unternehmen Kuhn) am Zürichersee in der Schweiz von Wolfgang Rehn restauriert und anschließend in der Wiener Franziskanerkirche wieder zusammengebaut. Geht alles nach Plan, soll die Orgel zu Ostern 2011 neu eingeweiht werden. Man wird nach Jahrhunderten wieder erleben können, wie eine Orgel aus der Zeit Spätrenaissance/Frühbarock klingt.

Wie der renommierte Kirchenmusiker und Orgelexperte Johannes Ebenbauer von der Musikuniversität Wien der ÖÄZ gegenüber feststellte, hörten sich die alten Instrumente wesentlich weicher, runder an als die modernen. Das kommt durch die sogenannte mitteltönige Stimmung zustande. Ebenbauer: „Heutige industriell gefertigte Orgeln verfügen über eine gleichschwebende Stimmung.“ Das heißt, alle Halbtöne sind gleich groß, was bewirkt, dass es außer der Oktav kein einziges sauberes Intervall gibt. Bei den alten Orgelstimmungen hingegen legte man Wert auf reine Terzen. Das ergibt einen bestimmten Zusammenklang in den Harmonien, der natürlich ganz anders ist als bei den modernen Instrumenten.“

Alte Musik im Originalton

Das ist auch der Grund, warum sich heutige Orgeln für die Literatur des beginnenden 17. Jahrhunderts nicht eignen. Wahrscheinlich wäre das Unternehmen Wöckherl-Orgel wesentlich schneller und billiger über die Bühne gegangen, hätte es nicht im Zuge der Restaurierungsarbeiten eine interessante Entdeckung gegeben. Unter sage und schreibe zwölf Farbschichten fand man an den Wänden des Mönchschores Fresken aus der Zeit um 1600. „Wir haben die Restaurierung der Orgel zum Anlass genommen, den gesamten in den Jahren 1603 bis 1607 nach Plänen von unserem Ordensbruder Pater Bonaventura Daum errichteten Betchor zu restaurieren“, berichtet Pater Gottfried. Dabei kamen bisher unentdeckte Grisaille- Malereien (Malerei in Grau-Weiß-Tönen) zum Vorschein, die eindeutig in die Zeit der Chorerrichtung zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu datieren sind.

Fresken von bester Qualität

Wie aus den Befunden des Bundesdenkmalamtes hervorgeht, bestechen die von deutschen, in Italien ausgebildeten, Künstlern geschaffenen Fresken durch ihr ausgewogenes Zusammenspiel von Engelsköpfen alternierend mit gemaltem Beschlagwerksdekor in den Gesimszonen und illusionistischen Architekturgliederungen an den Wänden. Die künstlerisch hochwertige Ausführung und der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand, so heißt es in der Beurteilung des Denkmalamtes, „machen die Malerei zu einem für Wien bis dato unbekannten und einmaligen Dokument frühbarocker Wandmalerei von hoher kunsthistorischer Bedeutung“. Bemerkenswert ist, dass die Orgelflügel, die derzeit im Bundesdenkmalamt restauriert werden, die Formensprache der Wandmalerei fortführen. Die dekorativen und figuralen Elemente wie die Engelsköpfe finden sich an den Flügeltüren wieder. Mit den Arbeiten an Orgel und Chorraum soll ein einzigartiges frühbarockes Gesamtkunstwerk wiederhergestellt werden.

Eine weitere Kostbarkeit aus dem Mönchschor ist übrigens derzeit nicht zu sehen. Es handelt sich um ein 50 Quadratmeter großes, für das Publikum ebenfalls bisher verborgenes, Altargemälde hinter dem genannten Hauptaltar von Pozzo, das mit seiner Ansichtsseite vom Hochaltar ab- und dem Chor zugewandt war. Das um 1700 entstandene Bild zeigt Franziskus, wie er die Wundmale empfängt. Das Riesengemälde lagert derzeit in den Werkstätten des Bundesdenkmalamtes. Pater Gottfried: „Die für die Restaurierung notwendigen 70.000 Euro fehlen uns noch.“

Für Interessenten werden - nach Vereinbarung - Führungen organisiert.

Tipp:
www.franziskaner.at/orgel



Technische Daten

Die älteste erhaltene Kirchenorgel Wiens besitzt 20 klingende Register auf zwei Manualen und Pedal mit gebrochener Unteroktav in zeittypischer mitteltöniger Stimmung. Das Orgelwerk im zeitgleich hergestellten Gehäuse mit reichem ornamentalen Schnitzdekor kann durch seine figural bemalten Flügeltüren den liturgischen und musikalischen Bedürfnissen entsprechend im geöffneten wie auch im geschlossenen Zustand gespielt werden und stellt somit auch in dieser Besonderheit ein Unikum in der Wiener Orgellandschaft dar.


Zur Geschichte der Orgel


Die Wöckherl-Orgel wurde zur Zeit des 30-jährigen Krieges (1618 - 1648), geschaffen. Trotzdem scheute man weder Geld noch Mühe, um ein Kunstwerk ersten Ranges aufzubauen, weil man Hoffnungszeichen wie die Wöckherl-Orgel brauchte. Die Wohltäter, die ermöglichten, dass die Orgel erstmals 1643 zum Einsatz kam, waren der Direktor der kaiserlichen Post, Maximilian Pichler und der Kapellmeister des Stephansdoms, Johann Wünsauer.

Einen ähnlichen Kontrapunkt wollten die Franziskaner gerade jetzt, in einer Zeit der Wirtschaftskrise setzen und dieses Denkmal retten. Die Gesamtkosten, an denen sich u. a. Kirche, Bund und Land beteiligen, belaufen sich auf 1,1 Millionen Euro; rund 70.000 Euro fehlen noch. Spenden ab 1.000 Euro erscheinen auf der Sponsorentafel in der Franziskanerkirche.

Spendenkonto:
Franziskaner-Convent Wien, Bankhaus Schelhammer & Schattera, BLZ 19190, Konto Nr. 100537; Informationen über die Steuerabsetzbarkeit gibt es unter wien@franziskaner.at  



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 23-24 / 15.12.2009    


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