ÖÄZ 3 - 10.02.2009 Standpunkt - Die Rückbesinnung auf Hippokrates

Die Rückbesinnung auf Hippokrates


Standpunkt - Präs. Walter Dorner



Die Anforderungen an unser ärztliches Handeln werden immer anspruchsvoller. Ich denke hier nicht an wirtschaftliche Vorgaben. Auch nicht an die uns manchmal überfordernde Bürokratie. Und auch nicht an die Notwendigkeit, im schnellen Spiel der Wissenserweiterung stets State of the Art zu diagnostizieren und therapieren. Es ist vielmehr das – wie ich es nenne – palliative Dilemma, in dem wir alle stecken. Wir spüren es, rein instinktiv. Nur wirklich realisieren tun es die wenigsten von uns. Grund dafür ist der permanente Druck, den jeder von uns spürt: die ökonomischen Vorgaben, die Bedürfnisse  der Patienten, das fehlende Personal, die zu geringen Ressourcen. Das führt dazu, dass neben dem „Funktionieren“ als Arzt kaum Zeit mehr bleibt, die grundlegenden Fragen des ärztlichen Selbstverständnisses zu stellen – geschweige denn, diese auch zu beantworten. Ist denn alles, was wir im besten Glauben an Fortschritt und Technik tun, auch wirklich im Sinn des Patienten? Wie gut läuft eigentlich die Kommunikation mit unseren Patienten ab? Und wie sehr positionieren wir uns im Wechselspiel von Leben und Tod?

Philosophie, Ethik und Moral: Das sind die Begriffe, die wir gepachtet zu haben glauben. Allein die medizinische Ausbildung und die damit automatisch einhergehende soziale Ausrichtung – ist dem wirklich so? – sollte genügen, uns eine Sonderstellung einzuräumen. Das denken zumindest wir Ärztinnen und Ärzte, ohne aber zu hinterfragen, ob diese Kompetenz zu Recht uns eingeräumt wird. Körperliche und geistige Hygiene, persönliche Integrität, Vorsicht, Empathie und analytisches Denken: Das sind die Eigenschaften, die heutzutage einen Arzt, neben seinem selbstverständlichen medizinischen Wissen, ausmachen. Heutzutage? In Wirklichkeit sind diese ärztlichen Anforderungen bereits vor 2500 Jahren postuliert und unter dem Begriff des „Hippokratischen Eids“ bekannt geworden.

Die Inhalte sind, im übertragenen Sinne, aktueller denn je. Die Auseinandersetzung damit setzt aber voraus, dass dies nicht nur auf einer akademischen Ebene, sondern vor allem im täglichen ärztlichen Handeln passiert. Letztendlich sollten die im Hippokratischen Eid enthaltenen Vorgaben auch heute noch die Grundlage unserer Arbeit darstellen. Geschworen wird er jedoch nicht mehr. Zufall? 
 
Fest steht: Auch ohne ausdrücklichen Schwur muss das, was unseren antiken Vorbildern heilig war, das wesentliche Merkmal des modernen Arztes bleiben. Denn erst der Hippokratische Eid schafft jene Grundfeste, die für die Rollendefinition des Arztes notwendig sind. Er ist Empathiker und Entschleuniger in einer Gesellschaft der Raserei. Er setzt finanzästhetischen Werten humanzentrierte Werte gegenüber. Und er repräsentiert ein neues Selbstverständnis von Solidarität, indem Gesundheit als das höchste Gut des Menschen jenseits der religio postuliert wird. Das alles sind Bereiche, die auch in die ärztliche Aus- und Weiterbildung mit einfließen müssen. Denn nur so erhält die Medizin als Fach auch wieder jene Interdisziplinarität, die sie als Bindeglied zwischen Naturwissenschaften, den Wissenschaften vom Menschen und den Wissenschaften vom Leben, darstellt.

Angesicht der aktuellen politischen Wertedebatte erscheint daher eine neue „hippokratische Bewegung“ als Modell des Humanismus und der Empathie ein wesentlicher Schritt in der Aneignung einer neuen Rolle des Arztes. Insbesondere die Forcierung jener Bereiche, die durch eine technikgetriebene Medizin vernachlässigt wurden, ist  angebracht: das sorgfältige Gespräch des Arztes mit dem Patienten, die Empathie und die Auseinandersetzung mit dessen Geschichte sowie die ethische Grundeinstellung des Arztes, dass Krankheit sich nicht ausschließlich über Symptome definiert, sondern der erste Schritt des Körpers zur Genesung ist.

Die nächsten Monate wird die Ärztekammer dazu benützen, als direkten Konnex zu dieser Diskussion die Implementierung eines „Cultural Behaviour“ zu forcieren. Dazu gehören die Integration des Humanitär-Philosophisch-Sprachlichen in das Medizinstudium sowie ein intensives und permanentes Weiterbildungsangebot der Ärztekammer genauso dazu wie die Etablierung eines Ethik-Rates  innerhalb der Ärztekammer, das den humanitären Austausch Arzt-Patient wie eine „Ombudsratstelle“ betreuen soll.

Es ist Aufgabe der Ärztekammer, hier die entscheidenden Impulse zu setzen. Ich lade Sie sehr herzlich ein, den Weg gemeinsam mit uns zu gehen. 

Herzlichst

Ihr
Walter Dorner

Präsident der Österreichischen Ärztekamme
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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 3 / 10.02.2009

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