ÖÄZ 6 - 25.03.2009Eifersuchtsambulanz - Eifersucht kann man heilen

Eifersucht kann man heilen


Eifersuchtsambulanz an der Innsbrucker Uni-Klinik

 


Vor genau zehn Jahren lieferte ein Verbrechen den Anstoß zur Einrichtung der ersten und bisher einzigen Eifersuchtsambulanz im deutschsprachigen Raum. Die Bilanz über ein Dezennium Arbeit mit Betroffenen zeigt: In den meisten Fällen kann geholfen werden.

Von Monika Berthold


Othello & Co. haben es vorexerziert: Eifersucht kann tödlich sein. Laut lexikalischer Definition ist Eifersucht das qualvoll erlebte Gefühl von Liebesentzug. Der Eifersüchtige versucht, das Liebesobjekt an sich zu binden. Wenn dies aussichtslos erscheint, neigt er zu Racheakten. Nicht zufällig werden in Krimis die meisten Morde aus Eifersucht begangen.


Will man Studien Glauben schenken, gehört Eifersucht zum Leben wie Hunger und Durst. Laut einer im Internet veröffentlichten Umfrage (Parship 2007) steht Eifersucht als Ursache für Partnerschaftsprobleme nach finanziellen Schwierigkeiten an zweiter Stelle. Die im Rahmen einer amerikanischen Untersuchung gestellte Frage, ob die Gefühlsregung Eifersucht bekannt ist, wurde von 98 Prozent der Testpersonen mit ‚ja’ beantwortet. Und eine Umfrage unter Frauen, die von ihren Männern geschlagen wurden, ergab, dass bei zwei von dreien Eifersucht der Auslöser für Gewalt war.



Therapie statt Strafe


Genau das war für die Ärzte an der Psychiatrischen Klinik der Universität Innsbruck der Grund, eine eigene Eifersuchtsambulanz einzurichten. Harald Oberbauer, der Leiter der Ambulanz, schildert in einem Gespräch mit der Österreichischen Ärztezeitung die Entstehungsgeschichte: „Es war vor genau zehn Jahren, als ich vom Klinikchef, Univ. Prof. Dr. Hartmann Hinterhuber, den Auftrag für ein Fakultätsgutachten erhielt. Ein Mann hatte im Eifersuchtswahn seine Frau erschlagen. Es sollten nun psychiatrische Unterlagen für die Zurechnungs- und Schuldfähigkeit des Täters erstellt werden.“ Oberbauer hatte sich damals, wie er ausführt, in diese vielschichtige Problematik eingelesen und festgestellt, dass es mehr Menschen gibt, bei denen Eifersucht krankhafte Ausmaße annimmt, als man glauben möchte. Nicht zuletzt nach dem Motto „Therapie statt Strafe“ erfolgte als unmittelbare Konsequenz die Einrichtung einer Sprechstunde für Betroffene, aus der sich die heutige Eifersuchtsambulanz entwickelte.



Jeden kann es treffen


Wie der Psychiater aus seiner zehnjährigen Erfahrung berichtet, wurde die Innsbrucker Einrichtung zur Anlaufstelle für Angehörige von Eifersuchtspatienten aber auch für die Betroffenen selbst. Dazu kommen noch Überweisungen von Ärzten und vom Gericht etwa für Gutachten im Rahmen von Scheidungen oder Wegweisungsurteilen. Die Ambulanz verzeichnet bisher nicht weniger als 700 Kontakte, wobei die demographische Analyse zeigt, dass es jeden treffen kann. Es gibt weder geschlechtsspezifische noch altersmäßige oder gesellschaftliche Unterschiede. Die Patientenliste ist mit gleich vielen Männern wie Frauen paritätisch besetzt, umfasst die Lebensalter zwischen 17 und 90 Jahren und rekrutiert sich aus allen sozialen Schichten.



Was steckt dahinter?


Oberbauer auf die Frage, was in der Ambulanz passiert: „Unsere Aufgabe ist es, die Art der Eifersucht zu diagnostizieren.“ Medizinisch betrachtet spricht der Experte von drei Kategorien der Eifersucht: von der normalen, der pathologischen und der Wahnkrankheit. „Nummer zwei und drei sollten therapiert werden, was aufgrund der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse gut möglich ist.“ Denn die pathologische Eifersucht – das weiß man aus der jüngeren Medizingeschichte – steht immer in Kontext mit einer anderen psychischen Störung, als Epiphänomen einer Depression, einer Angsterkrankung, einer Alkoholsucht, aber auch einer latenten Homosexualität oder einer geringgradigen Impotenz. Die letzte, gravierendste Stufe, der Eifersuchtswahn, gilt als Epiphänomen einer hirnorganischen Störung. Von seiner ersten Patientin berichtet Alois Alzheimer (1864 – 1915), dass sich bei ihr als erstes Symptom ihrer Hirnerkrankung Eifersuchtswahn manifestierte.


Diagnostiziert wird die Art der Eifersucht aus einer ausführlichen Anamnese und aus den Schilderungen des Betroffenen sowie der Partner, die nicht selten zu den Gesprächen mitgenommen werden. Die Szenerie des Alltags der Betroffenen ist immer ähnlich: Der Eifersüchtige hat ständig Angst, dass ein anderer seine Stelle beim Partner einnehmen könnte, hat Angst, dass er nicht mehr wichtig ist. Er kann die Blicke wildfremder Menschen auf seinen Partner oder seine Partnerin nicht mehr ertragen. Langsam wächst der Verdacht, meine Frau, mein Mann, betrügt mich, zur subjektiven Gewissheit. Es folgt das sogenannte Checking, die ständige Kontrolle. Der Eifersüchtige verfolgt heimlich den Partner, sobald er das Haus verlässt, er kontrolliert Briefe, E-Mails, Handys, Taschen, Laden und Kästen, gefolgt von täglichen lautstarken Anschuldigungen. Das geht so weit, dass der Eifersüchtige den anderen in der Wohnung einsperrt und schließlich schlägt.



Frauen weinen, Männer schlagen


Dabei, so Oberbauer, beobachtet man allerdings sehr wohl einen geschlechtsspezifischen Unterschied. Männer neigen in dieser Situation eher zu Gewalthandlungen, sie externalisieren, drücken ihren Frust handgreiflich nach außen aus. Frauen hingegen internalisieren, ziehen sich in sich zurück, weinen heimlich, werden depressiv. Hinter all dem steht fast immer ein gemindertes Selbstwertgefühl. Der Depressive fühlt sich minderwertig aufgrund seines unattraktiven, pessimistischen schwermütigen Zustandes; der Trinker, weil er weiß, dass er aufgrund seiner Sucht als schwach gilt. Bei latenter Homosexualität entsteht Eifersucht beispielsweise, weil der Mann fürchtet, seine Frau tut, was er selbst gerne tun würde. Das Gleiche gilt natürlich auch umgekehrt für die latente Lesbierin.


Ärzte beobachten die Selbstwertproblematik speziell bei Paaren mit großem Altersunterschied – der deutlich ältere Mann, der naturgemäß nicht mehr so vital ist, steht der jungen Frau gegenüber, die noch das volle Leben repräsentiert. Die Angst, nicht mehr zu genügen, mündet dabei nur allzu leicht in krankhafte Eifersucht, eine Konstellation, die natürlich auch bei älteren Frauen mit wesentlich jüngeren Männern geradezu vorprogrammiert ist.



Hausarzt oft erster Ansprechpartner


Obwohl das Urphänomen der Eifersucht zu den kompliziertesten Psychothemen zählt, ist es doch in den Griff zu bekommen, erklärt Oberbauer. Behandelt werden muss die Erkrankung, die dahinter steht. Liegt ein Alkoholproblem vor, verweist der Psychiater den Patienten an die Suchtabteilung – bei Heilung der Alkoholabhängigkeit ist fast immer auch das Eifersuchtsproblem gelöst. Bei Depressionen, Angst etc. übergibt er die Betroffenen an psychotherapeutische Stellen, bei zugrundeliegender hirnorganischer Störungen an Neurologen und spezielle Psychiater, bei sexuellen Hintergründen an Gynäkologen, Andrologen und Hormonspezialisten. Oberbauer: „Oft genügt sogar schon eine Paartherapie.“ Nach zehn Jahren Erfahrung kann er feststellen, dass in den meisten Fällen die Eifersucht gebessert werden kann.


Oberbauer hat auch beobachtet, dass oft der erste Ansprechpartner für Eifersuchtsgeplagte oder deren leidende Angehörige der Hausarzt ist. Er kennt die Familiengeschichte, die meisten Mitglieder, kennt ihre Nöte und Probleme. Er weiß ob Alkohol im Spiel ist, kann aufgrund einer gewachsenen Vertrauensbasis sowohl sexuelle Schwierigkeiten als auch Selbstwertgefühle abtasten und bei Bedarf an die Eifersuchtsambulanz verweisen.



Was ist Eifersucht?


„Eifersucht ist, so lange sie im normalen Bereich bleibt, nichts Negatives. Im Gegenteil, ohne Eifersucht gibt es auch keine tiefe Liebe und Hingabe. Denn wer nicht einmal ein bisschen eifersüchtig ist, dem ist der Partner egal.“ (Oberbauer)



Eifersuchts-Check


Diesen kleinen Fragenkatalog kann der Arzt dem Patienten mitgeben, der wissen will, ob er Eifersuchts-gefährdet ist:


Beobachten Sie sich selbst:

  • Plagt Sie oft die Frage, wie Ihre Partnerin/Ihr Partner Sie findet oder stellen Sie ihr/ihm immer wieder diese Frage?
  • Wie geht es Ihnen, wenn Ihre Partnerin/Ihr Partner weggeht?
  • Lassen Sie sie/ihn ungern allein?
  • Denken Sie manchmal, dass Ihre Partnerin/Ihr Parnter untreu sein könnte?
  • Fühlen Sie sich versucht, in Taschen, Säcken, E-Mails reinzuschauen?
  • Haben Sie schon einmal daran gedacht, ihrer Partnerin/Ihrem Partner nachzuspionieren?
  • Machen Sie Kontrollanrufe?



© Österreichische Ärztezeitung Nr. 6 / 25.3.2009



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