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ArchivÖÄZ 8 - 25.04.2009

Chronic Fatigue Syndrome


Völlig erschöpft

 


Das chronische Erschöpfungssyndrom rückt aufgrund seiner zum Teil schwerwiegenden ökonomischen Auswirkungen zunehmend ins Interesse der Öffentlichkeit. Denn im schlimmsten Fall kann die Erkrankung dazu führen, dass die Patienten nicht mehr in der Lage sind, ihr Bett zu verlassen.

Von Irene Mlekusch


Da viele Menschen mit CFS trotz ihrer schwerwiegenden Behinderung nicht krank aussehen und es auch derzeit keinen diagnostischen Labortest oder Biomarker für den Nachweis dieser Erkrankung gibt, gestaltet sich die Diagnostik insgesamt schwierig. Die chronische Erschöpfung wird dann gerne als „eingebildetes Leiden“ abgetan. Für die USA beispielsweise nimmt man an, dass 80 Prozent aller an CFS erkrankten Personen noch keine Diagnose erhalten haben. Andererseits kann man derzeit aber davon ausgehen, dass die Chancen auf Besserung umso größer sind, je früher ein CFS-Patient behandelt wird. Weltweit wird die Prävalenz auf 0,5 Prozent geschätzt.


Erst 1988 wurde CFS im Auftrag des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in den USA von einer Expertengruppe als eigenständige Krankheit definiert. Für das Krankheitsbild existieren und existierten auf der ganzen Welt etwa 50 verschiedene Bezeichnungen. Der 1869 durch den amerikanischen Psychiater George Beard definierte Begriff der Neurasthenie weist eindeutige Symptomüberschneidungen zum CFS auf. Auch bei der ersten Publikation über die Myalgische Enzephalomyelitis im Jahr 1954 in England handelt es sich um eine wissenschaftliche Darstellung des chronischen Erschöpfungssyndroms.


In jedem Fall ist CFS eine lähmende, zur Behinderung des alltäglichen Lebens führende, komplexe Krankheit. Univ. Prof. Michael Bach, Leiter der Abteilung für Psychiatrie am Krankenhaus Steyr, rät bei folgenden Symptomen an CFS zu denken: „Chronisches Erschöpfungsgefühl tagsüber, oft Schlafstörungen beziehungsweise nicht erholsamer Schlaf, Reizbarkeit, Neigung zur Selbstüberforderung und diffuse multilokuläre Schmerzen.“ Der Psychiater macht außerdem auf die Symptomüberlappung zum Fibromyalgie-Syndrom aufmerksam. Das Hauptsymptom bei dieser Erkrankung ist zwar der Schmerz, o. Univ. Prof. Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinische Universität Wien, geht aber davon aus, dass es sich bei den beiden Erkrankungen um ein und dieselbe Störung handelt. „Je nachdem, welchen Arzt die betroffenen Patienten zuerst aufsuchen, erhalten sie entweder die Diagnose Fibromyalgie, Chronic Fatigue Syndrom oder Multiple Chemical Sensitivity.“ Bach hingegen hält ein dimensionales Kontinuum für wahrscheinlich und spricht von einem fließenden Übergang zwischen Depression, CFS und Fibromyalgie. Doch dies ist nicht die einzige ungeklärte Frage im Zusammenhang mit CFS.


Heiß umstritten ist auch die Pathophysiologie der Erkrankung. Als Ursache werden Störungen des limbischen Systems, erbliche Faktoren und Zellstress ebenso diskutiert wie Vitamin- und Mineralstoffmangel, Zoonosen, Sonnenmangel und vieles mehr. Bach macht hier auf die Problematik der rein retrospektiven Untersuchungen aufmerksam. „Treten zusätzliche Störungen wie zum Beispiel ein Vitaminmangel bei CFS auf, so stellt sich immer die Frage, ob der Patient den Mangel vorher auch schon hatte“, beschreibt der oberösterreichische Experte im Gespräch mit der ÖÄZ. Egal, ob es sich um die Ursache oder eine Folge von CFS handelt, solche Zusatzinformationen sind in jedem Fall hilfreich, da sie die kausale Therapie unterstützen können. Der Hinweis auf eine biologische Ursache stellt für Kasper schon den ersten Schritt in die Therapie dar, da die Betroffenen eher nicht auf mögliche psychische Komponenten hingewiesen werden wollen. Kasper sieht die Erkrankung durch eine Veränderung des Nervensystems in Richtung einer Hyperreagibilität bedingt, und führt dazu weiter aus: „In jedem Fall handelt es sich für die Patienten um ein reelles Leiden, das die Betroffenen äußerst irritiert.“ Einen möglichen sekundären Krankheitsgewinn, wie er in manchen Studien angesprochen wird, dementiert er heftig. Bach betont die reduzierte Belastbarkeit der Patienten mit CFS. Im Sinne des Balancemodells versuchen diese Menschen auf Ressourcen zurückzugreifen, die oft gar nicht mehr vorhanden sind. Interessant ist dabei, dass „der Energiemangel der Patienten nicht immer objektiv sichtbar ist, aber subjektiv eindeutig empfunden wird“, fasst er seine Erfahrungen zusammen.


In der Literatur werden Prädispositionen wie das weibliche Geschlecht, ein Alter zwischen 40 und 59 Jahren und niedrigere Einkommensgruppen genannt. Bach dagegen spricht von „der Vererbung gewisser Risikofaktoren, die das Auftreten des CFS begünstigen können, wie zum Beispiel Serotoninmangel, Störung der Transporter-Gene, frühere seelische Traumatisierungen oder stressbedingte Erkrankungen wie das Burnout-Syndrom oder somatoforme Störungen, aber auch Depressionen, Angststörungen.“ Kasper wiederum steht der Frage nach den Prädispositionen kritisch gegenüber. Er gibt zu bedenken, dass Frauen beispielsweise deshalb häufiger in den Studien aufscheinen, weil sie offener über ihre Probleme sprechen und auch eher einen Arzt aufsuchen. Die Diagnose eines CFS kann für Mediziner eine echte Herausforderung darstellen. „Es handelt sich beim CFS um eine Ausschlussdiagnose“, so Kasper. Blutbild, EKG und klinische Untersuchung dienen dazu andere Erkrankungen auszuschließen. Bildgebende Verfahren führen in der Regel nicht weiter. In der Anamnese sollte sorgfältig nach einem Trigger gefahndet werden. Die Erkrankung kann für Jahre ruhen und plötzlich durch einen Stressor ausgelöst werden. Dabei kann es sich um eine Infektion, eine Verletzung, physischen oder emotionalen Stress oder Schlafstörungen handeln. Diverse Studien berichten davon, dass bis zu drei Viertel aller Patienten mit CFS eine Infektion im Sinn einer Erkältung, Grippe oder gar infektiösen Mononukleose durchgemacht haben. Oft haben die Betroffenen schon mehrere Ärzte aufgesucht und fühlen sich mit ihrem Leiden allein gelassen. Bach ordnet das CFS den echten psychosomatischen Erkrankungen zu und sagt: „Um die Krankheit verstehen zu können, muss der Mensch als Ganzes gesehen werden.“


Aufgrund der Vielschichtigkeit des CFS sollte für jeden Patienten individuell ein konsequentes Symptom-Management erstellt werden. Derzeit gibt es keine State of the Art Therapie. Bach hält ein Stressmanagement, einen gestuften Aktivitätsaufbau mittels Physiotherapie bei psychischer Komorbidität beziehungsweise relevanten psychosozialen Belastungen in der Lebensgeschichte eventuell eine Psychotherapie oder den Einsatz aktivierender Antidepressiva (SSRI, SNRI) für sinnvoll. Kasper macht vor allem auf die Wirkung der Antidepressiva aufmerksam, empfiehlt aber adjuvant bei Bedarf eine kognitive Verhaltenstherapie. Da CFS-Patienten sehr empfindlich auf Medikamente, vor allem auf solche, die das zentrale Nervensystem beeinflussen, reagieren können, sollten so wenig Pharmaka wie möglich und zu Beginn in einer niedrigen Dosis verabreicht werden. Liegen zusätzlich Schlafstörungen vor, müssen die Patienten dazu angeleitet werden, die Standardtechniken der Schlafhygiene zu praktizieren.


Beim Aktivitätsaufbau der Betroffenen muss auf angemessene Ruhephasen – am besten im Verhältnis 3:1 – Rücksicht genommen werden. Starke körperliche Belastungen können nämlich zu den für das CFS typischen Verschlechterungen des Zustands führen. Mit jeder Aktivität sollte zunächst langsam begonnen und diese ebenso langsam gesteigert werden. „Oft ist es hilfreich, Aktivitäten wie Haus- oder Gartenarbeit in kurze Einheiten von 30 Minuten bis maximal einer Stunde pro Tag zu unterteilen“, meint Kasper. Außerdem ist es wichtig, dass die Patienten lernen, dem sozialen Druck durch die Familie nicht nachzugeben, wenn sie sich nicht wohl fühlen. Das kann besonders für Mütter mit Kleinkindern sehr problematisch werden. Vor allem Selbsthilfegruppen mit positiver Schwerpunktsetzung stellen eine wunderbare Option für diese Patienten dar, sich gegenseitig auszutauschen und sich so mit Hilfe der anderen an das Leben mit ihrer chronischen Erkrankung anzupassen.



Diagnosekritierien für CFS

1) Chronische Erschöpfung

  • seit mehr als sechs Monaten
  • neu aufgetreten
  • Arbeit und Alltagsaktivitäten signifikant eingeschränkt
  • keine Besserung durch Ruhe

2) Zusätzlich vier oder mehr der folgenden Symptome seit mehr als sechs Monaten

  • Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen
  • nicht erholsamer Schlaf 
  • Muskelschmerzen 
  • Zustandsverschlechterung nach Anstrengung hält länger als 24 Stunden an
  • multiple Gelenkschmerzen ohne Schwellung und Rötung (bei Erwachsenen)
  • Kopfschmerzen
  • empfindliche zervikale oder axilläre Lymphknoten 
  • rezidivierende Halsschmerzen


Klinische Evaluation des CFS

  • detaillierte Anamnese
  • Medikamentenanamnese
  • vollständige körperliche Untersuchung
  • Erhebung des mentalen Status 
  • begrenzte Anzahl von Labortests 
  • eventuell CFS-spezifische Fragebögen (z.B. MOS SF-36, CDC Symptom Inventory, ...)

 

 

 © Österreichische Ärztezeitung Nr. 8 / 25.4.2009